Die Mondverschwörung

22.09.2012

Eine schräge Road-Doku über esoterische Parallelwelten

Der Amerikaner Dennis R. D. Mascarenas interviewte 2005 in der Rolle eines naiven US-TV-Journalisten in Deutschland etliche Personen, die sich dem Mond verschrieben haben. Dabei stieß er auf seltsame Geschäftemacher, skurrile Sektierer, esoterische Hohlweltexperten - und möglicherweise die Wahrheit über die Reichsflugscheiben. Der Film "Die Mondverschwörung" lief 2011 in Programmkinos - jedoch nur in solchen, die nicht um ihr esoterisch interessiertes Publikum fürchteten.

Ausgangspunkt des skurrilen Roadmovies war ein Termin bei Dennis M. Hope, der zertifizierte Grundstücke auf dem Mond verkauft. Hope berichtete Mascarenas von Martin Jürgens aus Westerkappeln, der mit ihm um das Eigentum am Mond konkurriere. Mascarenas suchte den Deutschen auf, der den Mond von einem Vorfahren geerbt haben will, der den Erdtrabanten einst für astrologische Dienste von Friedrich dem Großen erhielt. Ein Jura-Professor der Uni-Köln widersprach allerdings beiden Rechtsansichten unter Verweis auf den Weltraumvertrag. Das Interesse der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt am Mond weckte bei Mascarenas weiteres Misstrauen. Um das Rätsel der deutschen Pläne für den Mond zu lösen, besorgte sich Mascarenas etliche Literatur über den Mond, die ihn zu interessanten Angeboten führten: Monddiät, Mondgymnastik, Mondkosmetik (wird nur bei Voll- bzw. Neumond hergestellt und unter Pyramiden energetisiert), Vollmondwasser (wird bei nächtlichen Trommelritualen gewonnen) und Mondgläser, die positive Energie speichern.

Mondlandschaft. Alle Bilder: HE-Film

Im Selbstversuch unterzog sich Mascarenas nicht nur der Mondgymnastik und der Mondcreme, sondern auch einer Vollmondscheinfriseurin, die glaubt, dass auch Gifte in den Haaren Ebbe und Flut unterliegen. Mit politischer Unterstützung von Westerwelle gelang es ihr, ihre ungewöhnlichen Öffnungszeiten durchzusetzen, was sie ihm einst mit einer Frisur dankte. Mascarenas Versuch, Westerwelle zu interviewen, misslang, jedoch fand Mascarenas bei den Anthroposophen einen kompetenten Gesprächspartner, der ihn über Astralleiber und Mondzustände aufklärte.

Dunkle Kräfte

Bei den Anthroposophen erfuhr Mascarenas, dass die Welt von dämonischen Kräften durchsetzt sei. Der schockierte Amerikaner interviewte einen Experten, der ihn über die Beziehung der Satanszahl "666" zu "www" und Reptilienmenschen aufklärte, sowie von einen deutschnationalen Baphomet-Spezialisten, der im Personalausweis hermaphrodite Teufel und Vaginas erkennt. Mascarenas spürte einen Arzt auf, der ihn über amerikanisches Gift auf den Euro-Scheinen aufklärte, sowie einen Chemtrail-Experten, den er zur Polizei zwecks Strafanzeige begleitete. Uneinigkeit unter Esoterikern besteht, ob die deutschen Politiker allesamt Satanisten oder Juden seien, oder ob nicht die USA hinter einem Plutoniumimperium stecken. Eine Pendel-Expertin wies nach, dass Angela Merkel bei einer Reise in die USA mit dem Mond zuzuordnendem Plutonium und Mikrochips verseucht wurde, wie es gegenwärtig global durch Chemtrails geschieht. Doch es gibt Hilfe: Erzengel Michael spendete freundlicherweise ein Zeichen, mit dem man die Chemtrails und negative Wellen neutralisieren kann.

Neuschwabenland

Um das Rätsel der germanischen Mondbefindlichkeiten zu lösen, tauchte Mascarenas tiefer in die deutsche Geschichte ein und ließ sich über die Geheimnisse der Runen sowie die nordischen Meeresvölker aus Atlantis (heute bekannt als "Helgoland") aufklären. Mascarenas drang in Zirkel vor, in denen Experten von außerirdischer satanischer Versklavung künden. Zum Glück haben wir Deutschen schon seit Generationen stellare Verbündete, nämlich die Meruvianer, die auch in die Hohlwelt Kontakte pflegen und uns etwa in den 30er Jahren bei der Entwicklung der Reichsflugscheiben halfen. Wenig bekannt ist, dass die Welt damals einen in intergalaktischen Konflikt zwischen den deutschfreundlichen Meruvianern und den die USA kontrollierenden Reptiloiden gezogen wurde. Historisch Interessierte können sich ein eigenes Bild von der Inneren Erde machen, indem sie sich durch Meditation in die göttliche Akasha-Chronik einklinken, oder indem sie die Eingänge hierzu an Nord- und Südpol aufsuchen. Letzteres liegt bekanntlich in Neuschwabenland, ein wichtiger Stützpunkt für Flugscheiben, mit denen der deutsche Weltraum inklusive Mond gegen Amerikaner verteidigt werden. Ehrensache, dass der investigative Journalist auch in der Antarktis nach den Antworten sucht.

Der Film

Reporter Mascarenas, tatsächlich amerikanischer Journalist, lässt seine obskuren Gesprächspartner einfach reden, fragt als vermeintlich interessierter Reporter nach und hört geduldig zu. Die Experten erklären mit Seelenruhe ihre eskapistischen Vorstellungen über Atlantis, Hohlwelt und Flugscheiben. Der sympathische Ami, in dessen Heimatsprache "lunatic" ("mondisch") für "irrsinnig" steht, verkneift sich Diskussionen oder moralische Kommentare. So witzig die halbdokumentarisch festgehaltenen Begebenheiten auch sind, so tragisch ist das Thema, denn Mascarenas Gesprächspartner bestehen nicht nur aus leichtgläubigen Schwärmern, sondern auch aus offensichtlich stark verwirrten Personen, die in geistigen Parallel(hohl)welten leben und beispielsweise an getarnte Riesenraumschiffe über unseren Großstädten und telepathische Bibliotheken glauben. Aus solchem Sud stammte die Ariosophie, die das geistige Fundament für den Blut-und-Boden-Wahn der Nazis legte. Spätestens dann, wenn Mascarenas in einem Hinterzimmer junge Menschen besucht, die andächtig den Geschichten von UFO-Predigern über Reptoiden bzw. Reptiloiden und das Dritte Reich lauschen, kommt man ins Grübeln.

Mehrere Programmkinos lehnten den von der Presse durchweg positiv aufgenommenen Film wegen dessen spöttischer Haltung gegenüber Esoterik ab. So war etwa einem Kinobetreiber eine esoterische Filmwoche wichtiger als irdische Filmkunst. Regisseur Thomas Frickel hatte bereits 1995 mit Mascarenas eine satirische Dokumentation "Deckname Dennis" gedreht, in welcher der Hauptdarsteller aus amerikanischer Perspektive Deutschland zu verstehen versuchte. Frickel produzierte und vertreibt "Die Mondverschwörung" auf eigene Rechnung. Als Vorsitzender der AG DOK kritisiert Frickel häufig die etablierten Finanzierungs- und Verwertungsmodelle. Um die Produktionskosten zu decken, griff er schließlich vor dem DVD-Release auf Crowdfunding zurück - eine bei Filmen über Mondnazis inzwischen etablierte Methode.

Die DVDs

Das nun erschienene DVD-Set enthält eine umfangreiche Sammlung an Outtakes, die es zwar nicht in den von einer Story zusammengehaltenen Film geschafft haben, aber Glaubenswelten einiger Deutschen offenbaren, die den Betrachter auf eine bisweilen harte Belastungsprobe stellen. Der Kritik eines Atlantis-Forschers, der sich durch einen im Internet kursierenden Ausschnitt seiner Interpretation eines Schiller-Gedichts lächerlich gemacht fühlte, trugen die Filmemacher Rechnung, in dem sie ihm auf der DVD ca. eine halbe Stunde unkommentierte Gegenrede einräumten. Außerdem gibt es ein Kombinations-Angebot aus DVDs und verbrieftem Eigentum an einem Mondgrundstück über 4.000 Quadratmeter (unverbaubare Aussicht auf den Planeten Erde) nebst Mondkarte und Mondverfassung.

Der Film ist außerdem am Sonntag, 23. September 2012 21.45 Uhr auf 3sat zu sehen.

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