Geld ist nur ein numerischer Download

Alexander Dill 12.09.2012

Das Bundesverfassungsgericht konnte nicht anders entscheiden

Jeden Monat wiederholt sich auf etwa 40 Millionen deutschen Online-Konten der gleiche Vorgang: Der verfügbare Rahmen sinkt bis zum Monatsende bedrohlich, um dann etwa am Ersten des Folgemonats wieder neu zu entstehen. Ein Wunder, das deshalb auch mit Fug und Recht Fiat-Money genannt werden darf. Warum sollen Unternehmen und Staaten es anders machen als wir Kontoinhaber, nämlich das Konto immer wieder mit allen Tricks aufzufüllen?

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Dafür allerdings muss eine Überweisung auf unserem Konto eintreffen, deren Höhe einen verfügbaren Betrag kreiert. Dies ist immer ein heikler Moment: Wird der Vertrag eingehalten? Oder ist mein Kunde, Mieter oder Arbeitgeber selbst nicht mehr liquide? Etwa am Fünften des Monats steigt die Nervosität, wenn der erhoffte Kontoausgleich noch nicht stattgefunden hat. Aber machen wir uns nicht vor: Die Zahl, die sich dort auf dem Bildschirm ändert, ist nur auf den Server geladen worden. So, wie das deutsche Gold überwiegend in Fort Knox liegt, wo es die Amerikaner im Krisenfall mit Sicherheit unter fadenscheinigen Gründen pfänden werden, liegt unser virtuelles Guthaben auf Bankservern, zu denen wir keinerlei erweiterten Zugang haben.

Es liegt völlig in der Hand der Bank und ihrer wechselnden Besitzer, ob unsere Zahl nach oben oder unten korrigiert wird. Wir brauchen bereits Verbündete und Gewährsleute, nur um die erhofften Zahlen von einer anderen Bank zu unserer Bank hinüber senden mit der Bitte, uns daraufhin einen Saldo einzuräumen, anstatt die Zahl gleich zwecks Pfändung einzubehalten.

Warum sollte das aber in der Europäischen Zentralbank völlig anders sein?

Unsere Empörung über den spielerisch-leichten Ausgleich von Billionendefiziten passt nicht zu unserer Freude, wenn vier-, gar fünfstellige Zahlen in unserem Account Konsum und Wohlstand, Fun&Action verheißen und das volatile Gefühl in uns wecken, eine in Schweiß und Tränen erbrachte Leistung sei auf diese Art verdient belohnt worden.

Am Geldautomat schlägt dann die Stunde der Wahrheit. Gibt er noch Bares? Oder hat eine unerwartete Lastschrift das erwartete Guthaben eliminiert?

Die EZB hat einigen ihrer Kunden eine Einzugsermächtigung eingeräumt. Sie können mit dieser durchaus auch dreistellige Milliardenbeträge abbuchen. Einzige Aufgabe der EZB ist es dann, diesen negativen Saldo auszugleichen. Dies tut sie - wie auch wir - mit der Erhöhung der Zahl auf dem Bildschirm.

Zum Ausgleich ihres Defizits bittet nun die EZB einige ihrer Eigentümer, unter ihnen die Deutsche Bundesbank, ihr auch eine Einzugsermächtigung zu erteilen, um damit etwaige Defizite im Kundenverkehr - "Kreditausfälle" - begleichen zu können. Jeder kleine GmbH-Gesellschafter muss meist für Kredite seiner GmbH persönlich bürgen. Wird eine Aktiengesellschaft insolvent, sind zunächst die Aktionäre gefordert.

Das Bundesverfassungsgericht kann die Rechtsform einer europäischen Haftungsgemeinschaft nicht mit nationalen Haftungsbeschränkungen in Frage stellen. Das Geschäftsrisiko der Euro-AG tragen ihre 17 Aktionäre, darunter der Großaktionär Deutschland. Deutschlands Risiko wiederum tragen etwa 70 Millionen Steuerzahler.

Und wir freuen uns weiter, wenn am Ersten unser Online-Konto aufgefüllt wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37620/1.html
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