In General Jaruzelskis Atombunker

Jens Mattern 21.09.2012

In einem Wald wurde in den 1960er Jahren ein drei Stockwerke tiefer Bunker für Offiziere und Parteikader gebaut und als Schule getarnt

Am Stadtrand von Warschau: Wir fahren an neuen Wohnblocks und ein paar graubraunen Fabriken vorbei, an der Endhaltestelle stehen alte und neue Straßenbahnen herum. Einige sind ausrangiert und mit Graffitis übermalt, sie scheinen aus den Sechzigern zu stammen. Ausgemustert und aus der Zeit des Kalten Krieges ist auch die Sehenswürdigkeit der Tour, die aus der polnischen Metropole herausführt.

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Michal, Chef einer alternativen Gruppe von Fremdenführern, lotst uns zu Warschaus größtem Relikt des Kalten Krieges: dem ehemaligen Atombunker für die politische und militärische Führung der Volksrepublik Polen. Einst streng geheim und scharf bewacht, heute Niemandsland für jedermann.

Eingang zum Hallenbunker. Bild: J. Mattern

Die Fahrt führt über brach liegende Felder, vorbei an mit Säulen geschmückten Villen der neuen Wohlhabenden, die am Samstagnachmittag den Geländewagen wienern. Schließlich kündigt das Schild "Park Narodowy" den "Kampinowski Nationalpark" an, nach zwei Kilometern durch den Wald führen Steinplatten eine Anhöhe hinauf zu einem Gebäude ohne Fenster, umringt von Kiefern und Birken. Unter ihm der Bunker.

Seit etwa 1960 wurden in der Volksrepublik Polen Scud-Kurzstreckenraketen mit atomaren Sprengköpfen gegen den Westen in Stellung gebracht. Die Raketen lagerte man ab den 1970er Jahren in Bunkersystemen. Um einen nuklearen NATO-Angriff zu überstehen, veranlassten die polnischen Kader ab 1962 den Bau eines Bunkers außerhalb der Stadt Warschau, drei Stockwerke unter der Erdoberfläche. Hohe Offiziere und Parteifunktionäre sollten hier vor dem radioaktiven Fallout geschützt werden und die Geschicke des Blockstaates mit der größten Armee nach der Sowjetunion viele Meter unter der Erde weiter bestimmen.

Zugang zum eigentlichen Bunkerbereich. Bild: J. Mattern

Der Grundriss des mit Graffiti verschmierten Gebäudeskeletts ähnelt einer Schule, eine "Tarnung gegen die Spionage von weit oben", erklärt Michal, der die Fahrräder neben einem steinernen Entlüftungsschacht abschließt. Auch der Westen setzte übrigens auf diese Tarnstrategie - die Landesregierungen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hatten ihren "Ausweichsitz" ebenfalls unter Schulen, die wirklich in Betrieb waren.

Zudem wurde ein hallenartiger Bunker mit fünf Meter hohen Wänden in die Anhöhe gegraben, in dem sich die Baufahrzeuge verbargen und der mit dem Zentralbunker verbunden ist. Dort wacht heute ein hagerer Mann mit Fantasie-Militäruniform in einem kleinen Fiat über den Eingang - ein Privatsender hat Requisiten und Beleuchtung im Hallen-Bunker gelassen. In den verlassenen Zonen des Kalten Krieges wird gerade der heiße Krieg nachgespielt, der Sender dreht eine Serie über polnische Soldaten in Afghanistan. In einem Raum stehen darum pakistanische Handgranatenkisten im Weichsel-Sand.

Pakistanische Handgranatenkiste. Bild: J. Mattern

Die Tarnung mit dem "Schulgebäude mitten im Wald" funktionierte nur rund zwanzig Jahre - Mitte der 1980er Jahre identifizierte ein amerikanischer Spionagesatellit den Komplex als Bunkeranlage. Eine neue unterirdische Zentrale musste her, die bis heute geheim gehalten wird.

Zum eigentlichen Bunker führt nun eine Kellertreppe in der mit Graffiti verzierten "Schule" hinunter. Flaschen, Bretter und graue Latten liegen in den Räumen herum, schwaches Tageslicht beleuchtet zerfurchten Putz in Ocker und Grün.

Rechtlich sind wir hier in einer Grauzone; ganz legal scheint die Tour nicht zu sein. Zumindest halten sich die Behörden zurück - es gibt keine Beschilderung, weder Gebote noch Verbote.

die einstige Kommandozentrale. Bild: J. Mattern

Das polnische Militär nutzte das Gebäude und den Bunker bis ins Jahr 2004, bis zuletzt umzäunt und bewacht. Dann wurden die technischen Geräte abgeräumt und das Gelände der Nationalpark-Verwaltung übergeben. Doch diese war mit der Verantwortung überfordert und ließ es "verwildern." Die Plünderer hatten damit freie Hand. Sie wussten auch die massiven Eistentüren abzutransportieren, welche gegen Gamma-Strahlungen schützen sollten.

Auch die engen Gänge, so erklärt Michal, seien in ihrer Winkelung so ausgerichtet, dass sie Strahlung absorbieren. Sein Wissen hat er teils von seinen Besuchern, worunter auch Physiker waren. Das Militär verweigert jede Auskunft zu der Anlage.

Vor dem eigentlichen Bunker, im zweiten Untergeschoss, sehen wir den Dekontaminationsbereich, hier sollten die Spezialanzüge abgelegt werden, ein paar Regale fürs Umkleiden haben die Plünderer noch nicht aus der Wand gerissen,

In der zweigeschossigen Kommandozentrale des Bunkers hört dann das Hallen unserer Schritte auf. Die Wände sind isoliert und durch Stalhlfedern besonders erschütterungsresistent.

in der Kommandozentrale. Bild: J. Mattern

Zu sehen ist nun nicht mehr viel, ein Geländer trennt den oberen Teil, im unteren ist nur Gerümpel zu sehen. Man muss die Zentrale im Geiste mit bekannten Bildern ausstatten -mit General Wojciech Jaruzelski, der vor über 30 Jahren seinen Regierungssitz für den Ernstfall mehrfach besuchte, oder mit den Blofeld-Zentralen alter James-Bond-Filme. Den Asbest der Isolierplatten, die hier herumliegen, atmet man jedoch ganz real ein. Die Nase nimmt aber nur den Diesel wahr, nahe der Zentrale liegt der Energieraum, den massiven Mantel des 160 PS-Motors haben die Plünderer nicht weg bekommen.

An den Wänden sind Löcher und andere Spuren einer Spitzhacke zu sehen. Kein klassischer Vandalismus, erklärt Michal. Einige der Bunkertouristen glauben den Gerüchten, dass die 600 Quadratmeter große Anlage noch weitere geheimnisvolle Kammern berge und suchen nach ihr. Bleibt zu hoffen, dass nicht irgendwann ein Bunkerspecht verschütt geht. Dann müssten die Behörden reagieren und Warschau hätte eine Sehenswürdigkeit weniger.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37624/1.html
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