Der Weltuntergang ist abgesagt

17.11.2012

Florian Freistetter über die Apokalypse in der modernen Welt

Nicht selten ist Religionen ein Mindestprozentsatz an Weltuntergang beigemischt, der bis zum heutigen Tag in den Gehirnen ihrer Anhänger gärt und ihre Phantasien beflügelt. Er versetzt nach wie vor die Gläubigen in Angst und Schrecken und lässt sie in Rachegedanken schwelgen. Und selbst hundert Jahre nach dem fin die siècle werden die sozialen Widersprüche und ökonomischen Krisenphänomene in der spätbürgerlichen Gesellschaft von Seiten säkularisierter Schwarzseher weniger mit der Gesellschaft als mit der Natur und dem Kosmos in Verbindung gebracht - mit dem Resultat, dass seitdem der Weltuntergang der Nazis, der Öko- und Friedensbewegung und sonstigen Esoterikern ausgeblieben ist. Der Astronom und Wissenschaftsblogger Florian Freistetter hat sich in seinem Buch 2012 - Keine Panik auf nicht unamüsante Weise dem Thema gewidmet.

Herr Freistetter, in den Zeitungen steht, dass laut Maja-Kalender 2012 die Welt untergeht. Sie sagen, dass dem laut Maya-Kalender nicht so ist. Wie kann das sein?

Florian Freistetter: Nur weil etwas in der Zeitung steht, muss das noch nicht unbedingt stimmen. Es soll durchaus Zeitungen geben, die das mit der Recherche nicht allzu genau nehmen. Wer recherchiert, findet aber schnell heraus, wie es wirklich ist. Ein Kalender kann nicht enden. Ein Kalender ist nur eine bestimmte Art, um Tage zu zählen. Der gregorianische Kalender, den wir verwenden, endet ja auch nicht am 31.12.1999. Oder am 31.12.9999. Oder an irgendeinem anderen Tag. Er zählt einfach immer weiter. Genau das tut auch der Maya-Kalender. Dort geht am 21.12.2012 einfach nur eine lange Periode zu Ende und eine neue beginnt. So wie ein Jahrtausendwechsel in unserem Kalender. Das ist natürlich lange nicht so spektakulär wie ein Kalender der endet und den Weltuntergang ankündigt und darum entscheiden sich viele Medien lieber für die spektakuläre Version, auch wenn sie falsch ist.

Florian Freistetter

Was zeichnet generell die in Ihrem Buch behandelten Weltuntergangs-Szenarien aus? Sind diese nun totaler Mumpitz - oder findet sich darin nicht ab und an doch ein Körnchen Wahrheit?

Florian Freistetter: Die Weltuntergangsszenarien sind totaler Mumpitz. Auch wenn sie ab und zu Berührungspunkte mit der Realität haben. Es gibt ja die Sonne und auf ihr toben Sonnenstürme. Sonnenstürme gibt es fast jede Woche, und das schon seit Jahrmilliarden. Und es wird sie auch in Zukunft geben. Aber die werden die Welt nicht untergehen lassen und nicht die riesigen Katastrophen verursachen, von denen die Weltuntergangsspinner immer sprechen. Genauso haben die anderen Weltuntergangstheorien manchmal den einen oder anderen realen Aspekt. Aber nur weil jemand ein Stück realer Information nimmt und sich anhand dessen irgendeine wilde und absurde Weltuntergangstheorie ausdenkt, wir die Theorie dadurch nicht vernünftiger und verlässlicher.

Würden Sie die ökologischen Szenarien vom Klimawandel, der Schädlichkeit des Atommülls, von Peak Oil, die Angst vor einem Dritten Weltkrieg et cetera den gleichen Irrationalismus bescheinigen wie den esoterischen?

Florian Freistetter: Nein, natürlich nicht. Es wäre absurd, alle Szenarien, die irgendeine Gefahr für die Erde betreffen, zu verallgemeinern. Der Klimawandel ist real. Atommüll ist schädlich. Das Öl wird irgendwann zu Ende sein. Das sind alles Fakten, die durch wissenschaftliche Daten ausreichend belegt sind. Sich um die Auswirkungen des Klimawandels Gedanken zu machen oder darüber, wie wir unseren Energiebedarf ohne Erdöl stillen können, ist nicht irrational, sondern dringend nötig.

Vor dreißig Jahren war die Furcht vor dem "sauren Regen" täglich präsent. Was ist denn aus dieser Katastrophen-Prophezeiung geworden?

Florian Freistetter: Das war ja keine "Prophezeiung", sondern eine Beobachtung. Schwefelhaltige Brennstoffe wie Kohle, Heizöl oder Benzin erzeugen säurebildende Abgase und verschmutzen die Luft. Der Regen wäscht die Säure aus der Luft und schädigt Pflanzen und Tiere. Das war damals keine irrationale Furcht, sondern das, was tatsächlich passiert ist. In diesem Fall hat man sich bemüht, etwas dagegen zu tun. Abgase werden entschwefelt, Autos verwenden alle Katalysatoren und diese Art der Luftverschmutzung wurde reduziert und damit auch der saure Regen. Aber das hat nichts mit irgendwelchen irrationalen Weltuntergangsszenarien zu tun.

Es scheint, dass die Leute heutzutage nach dem Weltuntergang geradezu gieren. Können Sie uns erklären warum?

Florian Freistetter: Die Menschen waren immer schon vom Weltuntergang fasziniert. Heute haben sie dank dem Internet nur die Möglichkeit, sich viel effektiver und detaillierter damit zu beschäftigen. Wo Weltuntergangspropheten früher im Park standen und wirre Reden geführt haben, die höchstens ein paar Dutzend Leute erreicht haben, können sie heute mit Blogs und YouTube-Videos der ganzen Welt Angst einjagen.

Heiner Müller hat einmal darüber räsoniert, dass Nietzsche darüber sinnierte, wie wohl die Menschheit nach dem Ausbrennen der Sonne ihrem Untergang entgegensehen würde, verzweifelt-religiös oder feiernd und Champagner trinkend. Was ist den Ihr persönliches Lieblings-Weltuntergangs-Szenario?

Florian Freistetter: Da ich die Welt sehr gerne habe, habe ich kein "Lieblings-Weltuntergangs-Szenario". Ich bin zufrieden, wenn die Welt ihr Leben bis zum Ende leben kann und in knapp 6 Milliarden Jahren von der sich aufblähenden Sonne verschluckt werden wird.

Enthemmte Wirtschaft

Reinhard Jellen
Enthemmte Wirtschaft
Krisen, Politik und Grenzen der Demokratie

Mit der innerhalb kürzester Zeit beschlossenen Einsetzung des Bankenrettungsschirms und der darauf folgenden "Schuldenbremse" in Deutschland wurde die Blaupause für die europaweite Entmachtung der Parlamente in Gestalt des ESM geschaffen, der wiederum gleichzeitig als Gesetz und Vertrag bindend ist und oberhalb der Entscheidungskompetenz der einzelnen Parlamente steht. Wir erleben gegenwärtig die Abschaffung der Demokratie mit demokratischen Mitteln.

Wie es zu diesem Wahnsinn, der durchaus Methode hat, kommen konnte, zeichnen diese Interviews aus den Jahren 2002 bis in die Gegenwart nach. Die Tendenzen und Ursachen werden auf ökonomischer (Robert Kurz, Ernst Lohoff, und Norbert Trenkle), politischer (Werner Rügemer, Hans Jürgen Krysmanski, Leo Müller, Jürgen Roth, Kim Otto) und empirischer Ebene untersucht. Die Interviews von Reinhard Jellen zur neuen Übergangszeit sind als eBook bei Telepolis erschienen.

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