Shell: Große Pläne in der Arktis ohne Weitblick?

Ralf Heß 22.09.2012

Kritiker bezweifeln Sicherheitsvorkehrungen

Mit der Ruhe in der arktischen See könnte es bald ein Ende haben. Zumindest, wenn es nach dem US-amerikanischen Innenminister, Ken Salazar (Demokraten), und der Royal Dutch Shell Company geht. Denn wie kürzlich bekannt gegeben wurde, hat das amerikanische Innenministerium dem Ölmulti die Lizenz zum Bohren in der Arktis erteilt.

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Zwar handelt es sich bislang nur um eine Teilgenehmigung für Vorbohrungen und das Anbringen eines Notfallventils (Preventer) über dem Bohrloch. Nach Stand der Dinge ist es jedoch kaum wahrscheinlich, dass nächstes Jahr nicht auch eine Förderlizenz vergeben wird. Derzeit wird dies nur noch durch ein nicht voll funktionsfähiges Notfallschiff und zusätzliche technische Probleme an den Sicherheitsanlagen auf der Plattform selbst verhindert (Konflikte vorprogrammiert). Nächstes Jahr, so der Plan des Ölkonzerns, soll mit den Bohrarbeiten vor der Küste Alaskas begonnen werden. Umweltschützer schlagen derweil Alarm. Sie sagen, die Notfallpläne für eine Havarie seien bei weitem nicht ausreichend.

Bereits vor vier Jahren bezahlte Shell 2,8 Mrd. US-Dollar an die Regierung der Vereinigten Staaten für die Erteilung der entsprechenden Lizenz. Experten schätzen die Vorkommen auf bis zu 26 Milliarden Barrel Rohöl und zusätzlichen 130 Billionen Kubikfuß Erdgas.

Zu Begin des arktischen Sommers 2012, so der ursprüngliche Plan des Unternehmens, sollte mit den ersten Bohrarbeiten begonnen werden. So sagte Pete Slaiby, Vizepräsident von Shell Alaska, noch Anfang September 2012, dass es das erste Mal seit mehr als zwei Jahrzehnten sei, dass ein Bohrkopf den Meeresgrund der Tschuktschensee berühren werde. Kurze Zeit darauf taten die ersten, für das Unternehmen unerwarteten Probleme, mit vorbeitreibendem Packeis und der technischen Ausrüstung auf.

Schwierigkeiten unterschätzt

So mussten einmal die Arbeiten für kurze Zeit eingestellt werden, da der Plattform einige Eisschollen gefährlich nahe kamen und dabei drohten, sie zu rammen. Ein anderes Mal versagten bei einem Test auf der Plattform Geräte zum Absaugen ausgelaufenen Öls.

Offensichtlich hat Shell die Schwierigkeiten in der Arktis bei weitem unterschätzt. Vor wenigen Tagen hat der Konzern seine Bohrarbeiten in der Tschuktschensee nun komplett einstellen müssen. Offensichtlich waren die Probleme an dem Notfallschiff und an der Bohrplattform so stark, dass in der Konzernzentrale keine Chance mehr gesehen wurde, den sehr kurzen Sommer in der Arktis ausnutzen zu können. Da Shell, anders als der Konkurrent Gazprom, nicht über Bohranlagen verfügt, die auch über den langen arktischen Winter vor Ort bleiben können, muss das Unternehmen nun damit beginnen, für teures Geld seine technischen Anlagen in den nächsten Hafen zurück zu ziehen. Der Starttermin für das riskante Unterfangen wurde nun auf den nächste Sommer verschoben.

Umweltschützer warnen vor den kaum zu bewältigenden Risiken eines Unfalls

Für Umweltschützer wurde damit das Problem allerdings nur vertagt. Jörg Fedder, Öl-Experte bei Greenpeace in Hamburg sagt: "Die Notfallpläne des Unternehmens sind bei weitem nicht ausreichend." So garantiere der Konzern, dass bei einem unkontrollierten Austritt von Rohöl 90 Prozent davon aufgefangen oder abgefackelt werden könne. Allerdings, so Fedder, seien solche Angaben sehr zu bezweifeln.

Beim Untergang der Deepwater Horizon konnten mit der Hilfe mehrere Hundert Schiffe nur etwa 17 Prozent des ausgetretenen Öls aufgefangen werden.

In der Arktis stünden dem Unternehmen jedoch nicht einmal annähernd vergleichbare Ressourcen zur Verfügung. Wie Shell in der Arktis, unter deutlich schwierigeren Bedingungen als im Golf von Mexiko, eine so ungleich höhere Menge an Öl aus dem Wasser entfernen möchte, sei für ihn nicht nachvollziehbar.

Das große Problem bei einer Havarie auf der Plattform ist die große Entfernung des Fördergebietes zu den umliegenden Häfen. Denn bis Rettungsschiffe die Region erreichen können, würde es bis zu 14 Tage dauern. In dieser Zeit stünde Shell jedoch ausschließlich ein einzelnes vor Ort liegendes Notfallschiff zur Verfügung. Sollte in einer solchen Situation die Notfallausrüstung des Unternehmens versagen, würde das Öl, auch bei einem deutlich kleineren Zwischenfall ungehindert in die Arktischen See sprudeln.

Das seien genau die Probleme, die Greenpeace angesichts der rauhen klimatischen Bedingungen befürchtet. "Sollte zum Ende des Sommers ein Unfall passieren, wäre das Unternehmen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr in der Lage, das Bohrloch schnell genug zu stopfen", so Fedder. In einem solchen Fall würde die See um das Bohrloch herum über mehrere Monate ungehindert mit Rohöl geflutet werden, da während des arktischen Winters keine Arbeiten an der Plattform oder an dem Bohrloch durchgeführt werden könnten. Shell lässt derweil in der Presse verlauten, dass ein Unfall in der Größenordnung des Untergangs der Deepwater Horizon nur mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit eintreten könne. Offensichtlich sind Unfälle in dieser Größenordnung für dort nur eine zu vernachlässigende statistische Wahrscheinlichkeit.

Die Pressestelle selbst wollte weder zu den Bohrungen, noch zu den vorhandenen Schwierigkeiten mit vorbei treibenden Eisschollen oder nur bedingt funktionstüchtigen Notfallschiffen oder der technischen Sicherheitseinrichtung auf der Plattform Stellung nehmen. Das Unternehmen habe zu diesem Thema allgemeinere, sowie detaillierter Informationen auf den entsprechenden Pressewebseiten zusammengestellt.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37657/1.html
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