Nachhaltigkeit im Weltraum

Gibt es einen dritten Weg jenseits von staatlich oder privatwirtschaftlich betriebener Raumfahrt?

Wenn die Eurokrise eines lehrt, dann dies: Fehler, die am Beginn einer gesellschaftlichen Entwicklung begangen werden, rächen sich später mit vielfach verstärkter Wucht und lassen sich nur noch mit großem Aufwand korrigieren - wenn überhaupt. Für die Lösung der gegenwärtigen Probleme Europas nützt diese Erkenntnis zwar nur wenig. Sie könnte aber helfen, ähnliche Fehler bei anderen Zukunftsprojekten zu vermeiden. So sollten die europäischen Erfahrungen insbesondere denen zu denken geben, die bei der Erschließung des Weltraums vorrangig auf privates Kapital und finanzielle Interessen setzen.

Computergenerierte Montage von Neptun und Triton aus der Sicht eines Weltraumfahrzeugs, das sich Triton nähert. Bild: Nasa

Viele derjenigen, die jetzt den privaten Weltraumtourismus vorantreiben, sehen sich wahrscheinlich als Pioniere und womöglich auch Wohltäter der Menschheit. Unternehmer wie Richard Branson befreien demnach die Raumfahrt von der Gängelung durch staatliche Behörden und machen den Weg ins All frei für Jeden, der es sich leisten kann und will. Die anfangs noch unverschämt hohen Ticketpreise, so die Hoffnung, würden mehr und mehr fallen, je weiter sich die neue Reisebranche entwickelt.

Diese Argumentation stützt sich auf eine Theorie, die im Jahr 1968 von dem Ökologen Garrett Hardin unter dem Titel Tragedy of the Commons formuliert wurde. Demnach leidet die Nutzung der öffentlichen, allen zugänglichen Güter darunter, dass diejenigen, die zuerst Zugang dazu bekommen, dazu neigen, so viel wie möglich davon zu konsumieren, bevor es andere tun. Hardin zufolge lässt sich solches Missmanagement nur verhindern durch entweder die Etablierung einer zentralen Macht, die diese Ressourcen verwaltet, oder durch deren Privatisierung.

Staatliche oder privatwirtschaftliche Regelung - muss sich demnach auch die Nutzung des öffentlichen Gutes Weltraum zwischen diesen beiden Polen entscheiden? Nein, schreiben Brian C. Weeden und Tiffany Chow von der Secure World Foundation in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Space Policy, es gibt Alternativen. Dabei stützen sie sich auf die Arbeiten der im vergangenen Juni verstorbenen Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom, die zahlreiche Beispiele für einen nachhaltigen Umgang mit öffentlichen Gütern gefunden hat, der sich weder auf zentralistische Institutionen noch auf Privateigentum stützt und diesen Methoden sogar überlegen ist. Ostrom, die für diese Studien im Jahr 2009 als erste Frau mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde, identifizierte mehrere Kriterien, die erfüllt sein müssen, um eine nachhaltige Allmende-Nutzung zu gewährleisten. Dazu gehört unter anderem, dass die Nutzer an der Gestaltung der Regeln zum Umgang mit den Ressourcen beteiligt sind, die Einhaltung der Regeln effektiv überwacht wird und es kostengünstige und leicht zugängliche Verfahren zur Lösung von Konflikten gibt.

Mitspracherecht für alle Menschen?

Weeden und Chow diskutieren in ihrem Beitrag, was diese Kriterien für die nachhaltige Bewirtschaftung des Erdorbits bedeuten könnten. Ein erstes Problem ist die klare Abgrenzung dieser Ressource, insbesondere die Unterscheidung zwischen Weltraum und Luftraum. Dabei geht es den Autoren weniger um eine Höhenangabe als um juristische Zuständigkeiten: Sollten suborbitale Flüge mit Weltraumtouristen, die einmal kurz bis in etwa 100 Kilometer Höhe aufsteigen und dann wieder zum Boden gleiten, bereits als Raumfahrt gelten oder noch unter die Regeln des Luftverkehrs fallen? Weiterhin, so Weeden und Chow, sei es wichtig, die Nutzer des Orbits genauer zu klassifizieren. Sie schlagen vor, Raumfahrtnationen, die über das gesamte Spektrum der erforderlichen Technologie verfügen, von Nationen zu unterscheiden, die den Weltraum nutzen, etwa durch den Betrieb eines oder mehrerer Satelliten. Als dritte Gruppe müssten schließlich die Endnutzer der orbitalen Infrastruktur ebenfalls ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Umgangs mit diesem öffentlichen Gut haben. Das aber sind letztlich nahezu alle Erdenbürger, sei es, dass sie Fernsehprogramme über Satellit empfangen, sich mithilfe von GPS orientieren oder die Wettervorhersage nutzen.

Auf der Suche nach Institutionen, die den Interessenausgleich zwischen den verschiedenen Gruppen organisieren und geeignete Regeln für die Nutzung des Weltraums etablieren könnten, werden die Autoren nicht fündig. Die bestehenden UN-Komitees wie etwa das Committee on the Peaceful Uses of Outer Space (COPUOS) oder die International Telecommunication Union (ITU) erscheinen ihnen nicht als ausreichend, weil sie wichtige Gruppen ausschließen oder es ihnen an der Macht fehlt, bei Regelverstößen Sanktionen zu verhängen. "Um Ostroms Prinzipien vollständig zu erfüllen", schreiben Weeden und Chow, "braucht es ein Forum, an dem sich alle drei großen Nutzergruppen des Erdorbits beteiligen können, das aber nicht auf Konsensbasis arbeitet und daher nicht so leicht durch die Aktionen einiger weniger blockiert werden kann." Das sei allerdings alles andere als eine leichte Aufgabe: "Wie die Sieger des Zweiten Weltkriegs und die Nuklearmächte der UN gegenüber auf einem Vetorecht beharrten, wird es schwierig werden, ein Weltraumforum einzurichten, für das die führenden Weltraummächte irgendetwas von ihrer Handlungsfreiheit aufgeben werden. Es ist jedoch ebenso schwer zu erkennen, wie eine langfristig nachhaltige Nutzung des Erdorbits ohne ein solches Opfer erreicht werden könnte."

Der Artikel von Weeden und Chow soll eine Debatte anregen und hat in der gleichen Ausgabe von Space Policy bereits zwei Kommentare gefunden. Li Bin von der Beihang University School of Law kommt zu dem Schluss, dass der 1967 verabschiedete Outer Space Treaty eine gute Grundlage für eine nachhaltige Nutzung des Weltraums biete, wenn er auch in einzelnen Punkten spezifiziert werden müsse. Li Bin nennt vier Kriterien, die für eine solche Nachhaltigkeit erfüllt sein müssten: Demnach sei es erforderlich, dass der Weltraum friedlich, sicher, gleichberechtigt und effizient genutzt werde.

Skeptischer äußert sich Philip A. Meek, ehemaliger Jurist der US Air Force und heute Mitglied des Advisory Committee der Secure World Foundation. Er hält es für nicht praktikabel, die Milliarden von Endnutzern der Weltraumtechnologie in die Debatte über die Nutzung des Weltraums einzubeziehen. Es sei vernünftiger, die Entscheidungen in die Hände der beteiligten Staaten und vielleicht auch der Anbieter von Satelliten-Dienstleistungen zu legen.

Meek bezweifelt auch, dass die von Ostrum vornehmlich in kleinen Gemeinschaften entdeckten Praktiken des nachhaltigen Umgangs mit öffentlichen Gütern auf den Weltraum übertragbar sind. Der Outer Space Treaty kommt ebenfalls nicht gut weg. Weil dieser Vertrag den Weltraum als Gemeineigentum eingestuft habe statt als Niemandsland, habe er die Motivation, ihn im Wettbewerb verschiedener Staaten zu entwickeln, gedämpft.

Es ist die Frage, ob dieser Dämpfer als negativ angesehen werden muss. Immerhin könnte auf diese Weise ein Zeitfenster geöffnet worden sein, um über die Gestaltung des Weltraums und die Grundlagen einer zukünftigen kosmischen Zivilisation etwas gründlicher nachzudenken als bei der Einführung des Euros.

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