Schreiben statt Mailen

Last night a chatroom saved my life - Teil 2

"Infos auf Knopfdruck lassen uns verdummen", "Das Internet verhindert Begegnung", "Das Internet ist für Faule" – nur ein paar der Thesen, die regelmäßig in den Medien auftauchen. Doch wo bleibt die andere Seite?

Das Internet macht müde

Auf seine Thesen zur "Digitalen Demenz" angesprochen, gibt der Hirnforscher Manfred Spitzer an, es sei logisch, einen kausalen Zusammenhang zwischen den Defiziten bei jungen Menschen und derer Nutzung der "modernen Medien" zu sehen. Dies leitet er folgendermaßen ab:

Die Bezeichnung "Digitale Demenz" haben Kollegen aus Korea 2007 zur Beschreibung eines Phänomens eingeführt, das sich seither noch zugespitzt hat: Junge Erwachsene konzentrieren sich immer weniger, merken sich nichts mehr, haben Probleme mit dem Lesen von Texten, sind müde und motivationslos und stumpfen emotional ab. Da die Betroffenen angaben, Computer und Internet exzessiv zu nutzen - Korea ist das Land mit der wahrscheinlich höchsten Mediatisierung überhaupt - haben die Ärzte einen kausalen Zusammenhang hergestellt.

Das Internet sieht Professor Spitzer damit eher als Kampfbegriff. Er nutzt es dazu, verschiedenste Aufgaben und verschiedenste Nutzungsformen gleichzubehandeln und geht in der obigen Begründung, die er aus Korea übernimmt, so weit, Problematiken, die sich aus verschiedensten Faktoren ergeben, auf eine Problematik zu reduzieren. Neben den bereits im ersten Teil angesprochenen Aspekten der fehlenden qualitativen Bewertung von Begegnungen ist auch auffällig, dass Spitzer sich zwar auf junge Menschen konzentriert, daraus jedoch allgemeingültige Thesen ableitet. Einfach ausgedrückt heißt das also: Das Internet plus andere moderne Medien wie Smartphones etc. machen müde, führen zu Problemen mit dem Lesen von Texten, zu Motivationslosigkeit und emotionaler Abstumpfung.

Früher oder später führt jede Tätigkeit zu Ermüdungserscheinungen. Wenn dazu noch Schlafmangel kommt, dann nimmt diese Müdigkeit zu. Bei jungen Menschen, die sich (wie z. B. in Korea) viel mit dem Internet beschäftigen und denen Schlaf fehlt, ist also zwangsläufig mit Ermüdungserscheinungen zu rechnen. Hier unterscheidet sich "das Internet" nicht von anderen Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen. Egal ob nun der Schlafmangel daraus resultiert, dass jemand 10 Stunden am Tag ein Onlinespiel spielt, joggt, den Garten pflegt oder was auch immer – die Ermüdungserscheinungen sind vorhanden. Dies lässt sich nur durch eine Lebensführung vermeiden, die möglichst eine ausgeglichene Wach-/Schlafbalance mit sich bringt. Spitzers These lässt sich also auf ein triviales "wer nicht genug Schlaf bekommt, wird müde" reduzieren. Angesprochen auf das Problem der Lebensführung, wird klar, dass er das Netz als Auslöser nimmt:

Eine Stanford-Studie zeigt, dass acht- bis zwölfjährige Mädchen sieben Stunden pro Tag online sind, doch nur zwei Stunden mit anderen Mädchen realen Kontakt haben - im Schnitt! Bei uns verbringen Jugendliche täglich doppelt so viel Zeit mit Medien als mit dem gesamten Schulunterricht.

Hier geht er nicht einmal auf die Frage ein, wieso es zu so wenigen Begegnungen mit "realen Mädchen" kommt, sondern sieht das automatisch als etwas Negatives an. Gleichermaßen geht er bei der Nutzung von Medien vor. Doch dies lässt außen vor, was im Netz getan wird. Und, dass oft genug die Onlinezeit auch passive Zeit sein kann - so man "online" als "der Internetzugang ist aktiviert" interpretiert.

Bei vielen Menschen sind die onlinefähigen Rechner den ganzen Tag über so eingestellt, dass der Zugang ins Internet aktiviert ist. Emails werden empfangen, auch wenn sich der Empfänger selbst nicht vor Ort befindet. Diverse Aggregatoren sammeln Infos, die am Ende des Tages in komprimierter Form ausgegeben und analysiert werden können. Eine reine Onlinezeit mit der Zeit zu vergleichen, in der das Netz aktiv genutzt wird, ist, als würde die reine Zeit, in der ein Fernseher läuft, als Zeit gewertet, in der aktiv fern gesehen wird. Doch das Netz ist zum einen (auch durch Musikangebote) längst zum Berieselungsinstrument geworden, zum anderen dient die Onlinezeit oftmals dem Wissenserwerb, der Begegnung, dem Austausch.

Die Vorwürfe hinsichtlich einer emotionalen Abgestumpftheit und eines fehlenden Textverständnisses wurden ähnlich zusammenhanglos in den Ring geworfen, ohne dass die weiteren Hintergründe ausgelotet werden. Und die Möglichkeiten, die sich bieten, eben diese Probleme durch moderne Medien gegebenenfalls (mit) zu lösen.

Informationen auf Knopfdruck sind ein Problem

Studien belegen aber, dass jemand gegoogelte Inhalte mit geringerer Wahrscheinlichkeit im Gehirn abspeichert als jemand, der sie auf andere Weise sucht. Oder etwa bei der Orientierung: Wir lagern sie an das Navigationsgerät im Auto aus - und dürfen uns nicht wundern, dass wir selbst immer schlechter navigieren. Ähnliches gilt für Geburtstage, Telefonnummern, Kopfrechnen oder die Rechtschreibung. Passiert weniger im Gehirn, lernt man weniger, und die Gehirnwindungen bilden sich weniger aus.

Spitzer glorifiziert hier das quasi körperliche Abspeichern von Informationen und geht nicht auf die Art und Weise der Informationen ein. Die Auslagerung von Informationen, die nicht permanent benötigt werden, hat eine lange Tradition. Geburtstagskalender sind ein Beispiel hierfür, ebenso wie Adressbücher, das Niederschreiben langer Rechenaufgaben, Kochbücher ... Die Entlastung des Gehirnes dadurch, dass Informationen, die nicht ständig abrufbar sein müssen, von jenen getrennt werden, die dies sein müssen, ist nicht nur eine alte Vorgehensweise, sie ist auch logisch begründbar, wenn bedacht wird, was sich der Mensch im Laufe der Zeit ohne diese Möglichkeit alles merken müsste.

Nicht nur die diversen Telefonnummern, PINs, Adressen, Geburts-, Hochzeits- und ggf. Namenstage - auch beruflich wichtige Informationen, persönlich wichtige Informationen, Termine müssten dauerhaft genauso gespeichert werden wie Kochrezepte, Bedienungsanleitungen, Tipps und Tricks ... Das würde letztendlich den Menschen überfordern und es ihm auch schwerer machen, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die er permanent abrufbar haben muss. Spitzer aber sieht Auslagerung allgemein als Gefahr für das Gehirn an.

Auch die Art und Weise wie Spitzer "Inhalte" als Sammelbegriff nutzt, zeigt auf, dass er sich wenig mit den tiefschürfenderen Aspekten der Thematik beschäftigen möchte. Was sind Inhalte? Spitzer spricht von "geggogelten Inhalten" und von Inhalten, die auf andere Weise gesucht werden. Er erläutert im Interview nicht, dass es auch auf die Art der Inhalte ankommt. Dass z. B. bestimmte Inhalte mittlerweile per Knopfdruck zur Verfügung stehen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie auch ebenso schnell "konsumiert" werden. So lässt Spitzer beispielsweise außen vor, dass gerade die schnelle und einfache Verfügbarkeit von Informationen vielfach erst dazu führt, dass sich jemand mit ihnen auseinandersetzen und ihre wichtigsten Aspekte dann abspeichern kann.

Als Beispiel seien hier Statistiken, Studienergebnisse, Interviews usw. genannt. Vor der massenhaften Nutzung der modernen Medien war es oftmals schwer, an bestimmte Informationen zu kommen. Ob z. B. eine bestimmte Zeitung ein Interview mit jemandem geführt hatte, erfuhr man entweder durch den Erwerb der Zeitung, durch andere Käufer oder eine Erwähnung in anderen traditionellen Medium. Damit entging vielen Interessieren jedoch oft eine neue Entwicklung. Journalismus war durch die oftmals teuren Telefonate, Faxe und Briefe nicht nur kostspieliger, sondern auch deutlich zeitverzögerter als heutzutage.

Spitzer aber scheint eher von kurzen Informationshäppchen auszugehen. Ferner lässt er den Aspekt der Gewöhnung außer Acht, sowie auch die Art und Weise, wie Informationen aufgenommen werden. So wird z. B. nicht näher darauf eingegangen, ob sich Informationen, die telefonisch erlangt wurden, nicht bloß deshalb schneller einprägen, weil die Aufnahme von verbaler Kommunikation besser funktioniert als die Aufnahme von grafischer Information (bzw. bei einigen umgekehrt). So gibt es Menschen, die sich Telefonnummern leicht als Nummern merken können, andere merken sich die Reihenfolge des Tastendrucks, ohne die Nummern selbst abzuspeichern und wieder andere benötigen Eselsbrücken, können sich damit aber ganz andere Informationen schnell dauerhaft einprägen.

Wenn Spitzer also meint, dass sich ergooglete Informationen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einprägen als anders erlangte Informationen, dann konzentriert er sich allem Anschein nach erneut auf die jungen Menschen, die nur schnell durchs Netz zappen, es jedoch nicht für den Wissenserwerb nutzen. Für diese Annahme spricht, dass er ständig die ihm bekannten Internetsüchtigen anspricht. Dass Spitzer hinsichtlich moderner Medien einseitig denkt, lässt sich auch daran festmachen, dass er selbst angibt, er hätte den Fernseher aus dem Haushalt verbannt, nachdem sich seine Kinder darum stritten, welches Programm sie anschauen dürften.

Multitasking ist eine Aufmerksamkeitsstörung

Als unsere fünf kleinen Kinder immer gestritten haben, wer was gucken darf, haben wir den Fernsehapparat abgeschafft. Da gab es nur einen kurzen Zwergenaufstand. Wir haben auch nur einen Computer. Warum man eine PlayStation brauchen soll, hat mir nie eingeleuchtet.

Hier zeigt sich eine gewisse Borniertheit, ähnlich wie bei jenen, die von den Zeiten schwärmen, als noch "gemeinsam am Tisch Mensch ärgere dich nicht gespielt wurde", während sie zeitgleich die diversen Konsolen verurteilen, als gäbe es nicht auch Möglichkeiten, diese für ein gemeinsames Spieleerlebnis zu nutzen. Im Falle der neuen Spielemedien sogar für Spiele, die sonst nur bei gutem Wetter außerhalb der Wohnung möglich wären (Tennis, Golf oder Baseball, um nur einige zu nennen).

"Multitasking ist nichts anderes als eine Aufmerksamkeitsstörung" stellt Spitzer fest - als wäre Multitasking eine neue Form der Art und Weise, sich im Leben zu verhalten. Doch auch hier wird lediglich ein neues Wort für eine alte Verfahrensweise genutzt, worauf Spitzer abermals nicht eingeht. Wer sich die Entwicklung des Menschen ansieht, der wird feststellen, dass Multitasking schon seit langem Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Es bedeutet nicht, dass eine Aufmerksamkeitsstörung vorliegt, es bedeutet, dass Tätigkeiten, die keine weitreichende Aufmerksamkeit benötigen, auch neben anderen verrichtet werden können. So wurde beispielsweise der Topf mit der Suppe auf den Herd gestellt und nur dann und wann umgerührt, während zur gleichen Zeit ein Brot gebacken, Wäsche gewaschen oder gebügelt wurde. Und Radios dienten dazu, die oft eintönigen Arbeiten durch gleichzeitigen Musikgenuss angenehmer zu machen.

In Enid Blytons Jugendromanreihe Familie Langfeld, in der das Landleben gegenüber dem Stadtleben ideologisch aufgewertet wird, kommt es zu einer Begegnung zwischen dem stets adrett angezogenen und um sein Äußerliches besorgten Clemens und seiner Tante, die ihn samt Geschwistern auf ihrem Hof aufgenommen hat, nachdem das Haus der Eltern abbrannte. Clemens, (überzeugt davon, hier nur ländliche Proleten aufzufinden) zeigt sich überrascht darüber, dass seine Tante während der Butterherstellung im Radio diverser klassischer Musik lauscht und entlarvt sich damit als Schnösel mit Vorurteilen.

Manfred Spitzer geht einen ähnlichen Weg, wenn er sich einseitig auf das Internet und die modernen Medien fixiert und damit quasi die "gute alte Zeit" glorifiziert, in der es noch ohne Handy und Internet ging, in der Menschen sich noch Stadtpläne ansahen und nicht etwa ein Navigationsgerät nutzten. Er zeigt dabei einen Alarmismus, der in Bezug auf das Internet oft gezeigt wird – und der sich abseits von Differenzierungen bewegt:

Ich bin kein Medienhasser. Ich bediene auch keine ältere Klientel, die Angst vor allem Neuen hat. Aber ich weise als Arzt auf Nebenwirkungen hin.

Diese Hinweise sind legitim, doch gerade Ärzte sollten sich eher differenzierter mit den Problemen befassen, vor denen sie warnen. Warnungen, die letztendlich eher dazu dienen, die neuen Medien zu verurteilen, dienen auch oft dazu, gerade jenen, die durch die neuen Medien profitieren könnten, den Zugang zu ihnen zu verweigern. Spitzer leistet insofern gerade jenen einen Bärendienst, die z. B. versuchen, das Internet und die neuen Medien als Chance zu begreifen, als Möglichkeit, sie ins Leben zu integrieren und nicht mehr einseitig zwischen Online und Offline zu unterscheiden.

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