Banken als tickende Zeitbomben

04.10.2012

Malte Heynen über die Verantwortung der Deutschen Bank bei der Bankenkrise und ihre realen Dimensionen. Teil 1

Nach Ansicht des Journalisten Malte Heynen sind wir auch im vierten Jahr nach dem großen Beinahe-Zusammenbruch des internationalen Bankensystems nicht am Ende der Wirtschaftskrise angelangt, sondern stehen an deren Anfang. Mit den diversen Bankenrettungsschirmen und dem ESM wurde die Katastrophe nicht verhindert, sondern nur ihr Ausbruch vertagt: "Uns droht der größte Wirtschaftscrash der Geschichte." Dafür sind aber nicht individuelle moralische Verfehlungen innerhalb der spekulationswütigen Bankergilde verantwortlich zu machen, sondern das Bankensystem als Ganzes krankt an grundlegenden Konstruktionsfehlern. Wie Heynen in seinem Buch Raubzug der Banken ausführlich darlegt, war einer der Mit-Verursacher der Krise die Deutsche Bank.

Herr Heynen, welche Rolle spielt die Deutsche Bank bei der Banken-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise?

Malte Heynen: Das war für mich persönlich ein sehr erstaunliches Ergebnis meiner Recherchen: Immer wieder stößt man auf den Namen Deutsche Bank, wenn man Licht in das Dunkel umstrittener Finanzgeschäfte bringen will. Welche Bank hat eine Wette entwickelt, mit der Anleger auf den frühen Tod von US-Bürgern setzen können? Die Deutsche Bank. Wer ist beim Handel mit den gefährlichen Derivaten - also künstlichen Finanzwetten - einer der großen Player weltweit? Die Deutsche Bank. Wer hat an vorderster Front mitgeholfen, in den USA die gewaltige Immobilienblase zu schaffen, deren Platzen die ganze Welt bedroht? Die Deutsche Bank.

Eine Untersuchungskommission des US-Senats hat einen sehr erhellenden Bericht zur Finanzkrise verfasst. Die Kommissionsmitglieder haben gründlich recherchiert, unter anderem durch Zeugenbefragungen und durch die Auswertung von internen E-Mails der Banken. Der Abschlussbericht kritisiert die Deutsche Bank scharf. Es gibt dort ein Kapitel über "Missbräuchliches Verhalten der Investmentbanken", welches praktisch nur aus zwei Fallstudien besteht: Die Deutsche Bank und die umstrittene US-Investmentbank Goldman Sachs.

Malte Heynen

In Deutschland wurde von diesem Report eher spärlich berichtet...

Malte Heynen: Es ist bedauerlich, dass man in den deutschen Medien wenig über den Kommissionsbericht gehört hat. Vieles davon liest sich wie ein Krimi. Zum Beispiel interne Mails, die Anfang 2007 im Deutsche-Bank-Hochhaus an der Wall Street verschickt worden sind. Damals gab es immer deutlichere Warnzeichen, dass die US-Immobilienpreise künstlich aufgebläht sind, und dass es zu dramatischen Ausfällen bei Immobilienkrediten kommen würde. Auch ein interner Bericht der Deutschen Bank warnte vor Problemen und ein Chefhändler der Bank namens Greg Lippmann schloss sogar Wetten darauf ab, dass es bei Immobilienkrediten zu Problemen kommen würde. Mit diesen Wetten machte er am Ende 1,5 Milliarden Dollar Plus für die Bank.

Und genau in der Zeit, als die Blase kurz vor dem Platzen stand, wurden zwei Mails im Deutsche-Bank-Hochhaus verschickt. In der einen hieß es "Wir müssen es verkaufen, solange wir es noch können", in der anderen "Daumen drücken, aber ich glaube, wir können es gerade noch absetzen, bevor der Markt in den Abgrund stürzt." Mit "es" war ein Finanzpaket gemeint, in dem US-Immobilienkredite steckten. Die Deutsche Bank wollte dieses Paket - und damit die Risiken aus den Krediten - abschieben, und zwar an ihre eigenen Kunden, unter anderem an die Commerzbank. Es ging um Risiken von mehreren hundert Millionen Euro, die in den Büchern der Deutschen Bank zwischengelagert waren. Da hat also im Inneren des Deutsche-Bank-Hochhauses offenbar jemand gewarnt, dass es gewaltige Schwierigkeiten geben wird, und dass man die Kreditrisiken lieber heute als morgen an die Kunden verschiebt.

Aber es geht nicht nur um solche Momentaufnahmen, es geht um etwas viel Größeres. Warum steht die Welt heute am Abgrund? Weil das Bankensystem jahrelang Kredite immer sorgloser vergeben hat, an immer schlechtere Schuldner, es waren Privathaushalte, Firmen, Staaten, Kommunen. Die Deutsche Bank war Teil dieses Systems.

"Es sollten möglichst viele Kredite weiterverschoben werden"

War sie also mitverantwortlich für die Krise?

Malte Heynen: Ja, denn sie hat die US-Kreditvergabe-Maschinerie mit angetrieben. Eine Maschinerie, die vollkommen heißgelaufen ist: Kredite wurden an finanzschwache Privathaushalte vergeben, doch das Ausfallrisiko der Kredite wurde zu großen Teilen einfach weiterverschoben, oft ins Ausland. Das Problem an dieser Maschinerie war: Es gab in ihrem Inneren viele Akteure, die mit jedem neuen Kredit Geld verdient haben, ohne dass sie persönlich für die Solidität der Schuldner gerade stehen mussten. Diese Akteure hatten also vor allem ein Interesse: Es sollten möglichst viele Kredite weiterverschoben werden. Die Deutsche-Bank-Filiale in New York war einer der großen Player bei den Geschäften mit dem Weiterverschieben von Kreditrisiken - und die Deutsche Bank wollte auf diesem Markt immer noch größer werden. Schließlich ging es ja um gewaltige Gewinne.

"Katastrophe mit Ansage"

Viele Banker behaupten ja, die Katastrophe sei nicht vorhersehbar gewesen. Sind die Banken tastsächlich überrascht worden?

Malte Heynen: Einige Finanzmanager haben sogar behauptet, es sei ein "finanzieller Tsnunami" gewesen - also eine Art Naturkatastrophe, die von außen über das System gekommen ist. Doch das ist nicht wahr: Die Katastrophe ist vom Bankensystem selbst geschaffen worden. Wenn man jahrelang immer mehr Kredite an schlechte Schuldner vergibt, muss es eines Tages knallen: Die Schuldner können irgendwann ihre Raten nicht mehr zahlen, und dann droht vielen Banken die Pleite. Es war eine Katastrophe mit Ansage. Und da fragt man sich natürlich: Haben die Banken wirklich nicht gewusst, was sie da taten? Sie haben ja in vielen westlichen Industrieländern die Blase immer weiter aufgepumpt. Nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien, Spanien, Australien und so weiter. Auch die Euro-Krise ist Teil dieses Schuldenwahnsinns.

" Die Finanzmärkte haben Griechenland leichtfertig finanziert"

Inwiefern? Wie passt beispielsweise Griechenland in dieses Szenario?

Malte Heynen: Wir reden viel über die unsoliden Finanzen Griechenlands und die Verantwortung der griechischen Regierung. Aber wir reden zu wenig über die Verantwortung der Banken. Es stimmt, dass Griechenland seit Jahren auf Pump lebt, weil es mehr importiert als exportiert, seine Staatsfinanzen nicht im Griff hat und Steuerbetrüger gewähren lässt. Doch leider wird selten erwähnt, wer Griechenland diesen Irrsinn jahrelang ermöglicht hat: Es waren die großen Player am Finanzmarkt, die Banken, Versicherungen und Investmentfonds. Nur durch immer höhere Kredite konnte das marode griechische System so lange überleben. Und diese Kredite flossen jahrelang.

Man muss sich einmal klarmachen, wie leichtfertig die Finanzmärkte Griechenland finanziert haben: Wenn die griechische Regierung Geld brauchte, musste sie fast keine höheren Zinsen zahlen als Deutschland. Eine Zeitlang konnte sich Griechenland Geld sogar für nur noch 3,5 Prozent Jahreszins leihen und das bei einer Laufzeit von zehn Jahren. Dabei war es schon seit langem offensichtlich, dass das griechische System marode ist. Um das herauszufinden hätte man im Grunde nur irgendeinen griechischen Gastwirt beim Abendessen in Athen fragen müssen. Denn die Probleme waren seit vielen Jahren unübersehbar: der massenhafte Steuerbetrug, die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft, die Ineffizienz des Staatsapparats.

"Klares Versagen der Finanzmärkte"

Also ein klassischer Fall von Vogel-Strauß-Politik bei den Kreditgebern?

Malte Heynen: Die großen Finanzfirmen haben offenbar geglaubt, dass all dies durch Griechenlands Euro-Beitritt keine Rolle mehr spiele. Das war natürlich Unsinn. Wenn Griechenland pleite ist, dann ist es eben pleite, egal ob es die Schulden in Euro oder Drachmen zurückzahlen muss. Und in den Verträgen der Europäischen Union gibt es eine klare Klausel, dass niemand für den anderen haftet.

Doch erst ab Ende 2009 sind die Finanzmärkte aufgewacht. Da sind dann plötzlich jene Zinsen in die Höhe geschnellt, die Griechenland, Irland und Portugal zahlen mussten. Bis dahin haben sich alle Euro-Länder Geld praktisch zu den gleichen Zinsen leihen können wie Deutschland. Ein klares Versagen der Finanzmärkte: Sie haben zwischen den Euro-Staaten einfach gar keinen Unterschied mehr gemacht. Dabei ist es ihre ureigenste Aufgabe, die Kreditwürdigkeit von Staaten, Privatpersonen und Firmen genau zu prüfen. Jetzt sind die Märkte panisch - zu Recht. Einige Euro-Staaten sind schlicht überschuldet.

"Die Banken sind heute oft selbst zu hoch verschuldet"

Wie ist die Lage bei den Privathaushalten innerhalb der EU?

Malte Heynen: Bei den privaten Akteuren sieht es leider noch dramatischer aus. Hier ist der Schuldenanstieg weitaus stärker: Seit 1980 sind in den westlichen Industrieländern die Schulden der Privathaushalte um 500 Prozent gestiegen. Und das ist der reale Anstieg, die Inflationsrate ist bereits abgezogen.

Die deutsche Perspektive täuscht: Bei uns werden Kredite seit Jahrzehnten recht konservativ vergeben. Doch in vielen westlichen Industrieländern sind zwei gefährliche Blasen auf einmal entstanden. Erstens eine Kreditblase: Viele Regierungen und Privatakteure sind überschuldet. Zweitens eine Immobilienpreisblase. Egal ob Großbritannien, Spanien, Frankreich, die Niederlande, die USA oder Australien: Die Immobilienpreise sind explodiert. Nicht etwa deshalb, weil Immobilien in diesen Ländern so knapp wären, sondern einfach deshalb, weil immer mehr Haushalte sich Immobilien auf Kredit kaufen konnten. Jetzt tickt eine Zeitbombe: Viele dieser Kredite werden notleidend, die Schuldner können also ihre Raten nicht mehr zahlen. Und gleichzeitig brechen die Immobilienpreise zusammen. Doch diese Immobilien dienen den Banken ja eigentlich als Sicherheiten für ihre Kredite. Die künftigen Kreditausfälle werden noch jahrelang Milliardenlöcher in die Bilanzen der Banken reißen. Gerade eskaliert die Situation in Spanien.

Die Lage ist deshalb so gefährlich, weil die Banken heute oft selbst zu hoch verschuldet sind. Deshalb sind sie sehr schnell von der Pleite bedroht, wenn sie größere Verluste machen. Es kann zu einem Dominoeffekt kommen: Die Kreditnehmer einer Bank werden zahlungsunfähig, und das reißt die Bank mit in den Abgrund, was wiederum andere Banken in Gefahr bringt. Dieses Problem ist längst nicht gelöst. Der Berg aus sorglos vergebenen Krediten ist noch längst nicht abgebaut, und die Banken haben kaum zusätzliche Kapitalpuffer gegen Verluste geschaffen.

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