Open Mind

Situationismus und die digitale Umgebung

Warum es von Vorteil ist, ein teildigitales Leben zu führen

"Telepolis möchte deinen Beitrag", mahnt der Rechner. Diese Aufgabe bringt angeblich gerade am meisten Nutzen pro Zeit. Ein kurzer Blick auf die anderen Aufgaben bestätigt: Wieder einmal hat er recht. Selbst wenn ich berücksichtige, dass ich erstmal ein bisschen brauche, um in Schwung zu kommen - das hat der Rechner auch schon bedacht. Ich könnte nochmal schnell nach Mails gucken - wenn der Mailclient nicht gerade automatisch ausgeblendet worden wäre. Falls etwas Wichtiges ankommt, wird aber "Mails lesen" eh die wichtigste Aufgabe. Dasselbe gilt auch für neue Aufgaben in der Fraktion oder bei der Arbeit. Aus den Kopfhörern kommt meditative Musik, die habe ich - noch - selber auswählen müssen. Irgendwo in den 435 noch zu erledigenden Aufgaben ist aber auch dieses Feature vergraben. Mein Rechner wird mich beizeiten daran erinnern. Aber nicht jetzt.

Digitale Umgebung

Dass menschliche Handlungen durch die Umgebung stark beeinflusst werden, ist in der Psychologie schon länger bekannt. Die Studien von Zimbardo und Milgram sind nur die extremsten Beispiele derartiger Untersuchungen. Ihre und zahllose ähnliche Erkenntnisse mündeten schließlich in den Begriff des Situationismus.[1] Von diesen Beobachtungen ausgehend stellt sich auch die Frage, inwieweit der Mensch seine eigenen Handlungen durch bewusste Entscheidungen noch beeinflussen kann.

Allerdings liegt dieser Frage die Annahme zugrunde, die Umgebung sei ein vom handelnden Menschen völlig verschiedener Teil der Welt. Solange die Umgebung im Wesentlichen ein von vielen Menschen gestalteter und genutzter physikalischer Raum war, mag dies eine brauchbare Annahme gewesen sein. Zunehmend ist aber der Bildschirminhalt (und andere digital erzeugte Sinneseindrücke) wesentlicher, wenn nicht sogar wesentlichster Bestandteil der täglichen Umgebung. Und jedem steht es frei, diese digitale Umgebung nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. (So sollte es jedenfalls sein, Einschränkungen gerade bei Dienstrechnern sind bekannt, aber problematisch.)

Wir sollten die Verantwortung über diese digitale Umgebung und die damit verbundene Beeinflussung unserer Handlungen ernst nehmen. Wenn wir es nicht tun, werden andere es übernehmen, unsere digitale Umgebung und auch unsere Handlungen zu gestalten. Als warnendes Beispiel sei hier nur das inzwischen "eingestellte" CowClicker genannt ("You get a cow. You can click on it. In six hours, you can click it again. Clicking earns you clicks.").

Die Person

Mit der aktiven und gezielten Gestaltung unserer digitalen Umgebung bietet sich für den einzelnen Menschen die Möglichkeit, nicht nur unerwünschte Einflüsse auszublenden, sondern auch bewusst Einflüsse auf sein eigenes Verhalten zu schaffen. Und diese Einflüsse müssen nicht nach einfachen Regeln funktionieren, sondern können mit allem berechnet werden, was der Prozessor her gibt. Wenn man aber den Einfluss der Umgebung auf die eigenen Handlungen ernst nimmt, entscheidet ab diesem Zeitpunkt ein Algorithmus die täglichen Handlungen zumindest mit.

Was aber macht eine Person aus? Neben dem physikalischen Erscheinungsbild zu großen Teilen die Handlungen dieser physikalischen Entität. Je mehr Entscheidungen nicht mehr im Gehirn, sondern im Rechner getroffen werden, desto mehr verlagert sich daher auch die Person als solche ins Digitale. Ein Beispiel: Es haben sich Leute gefreut, dass ich ihre Mails schnell beantworte. Sie deuten das vielleicht als Wertschätzung - und sie hätten völlig recht. Aber genauso richtig ist, dass die endgültige Entscheidung, mir eine Mail kurzfristig vorzulegen, von einem kleinen Script getroffen wird. Eine andere Entscheidung, und ich wäre diesen Menschen ein bisschen weniger aufmerksam gegenüber.

Vorteile der teildigitalen Person

Die Verlagerung persönlicher Entscheidungen an Algorithmen bietet viele Vorteile. Der vielleicht größte ist, dass man "den Kopf frei hat", wie es so schön heißt. Die Hunderte von Aufgaben werden bearbeitet werden, wenn sie dran sind - oder eben nie, wenn es immer etwas Wichtigeres gibt. Die Trennung der Entscheidung von der Stresshormonproduktion ist alleine jedenfalls schon einiges wert.

Das Gehirn macht außerdem jede Menge systematische Fehler bei der Beurteilung verschiedener Sachverhalte. Algorithmen können hier entweder gegensteuern oder sogar einmal den Entscheidungsprozess vollständig ersetzen. Und im Gegensatz zu Fehlern im Gehirn lassen sich Fehler in Algorithmen leicht verstehen und korrigieren. Gute digitale Algorithmen lassen sich zwischen Personen viel leichter und wirksamer austauschen, als es z.B. ein Managementtraining mit den Entscheidungsalgorithmen im Gehirn könnte.

Mit der ernsthaften Abgabe von Entscheidungskompetenz an einen digitalen Teil der Person lässt sich auch der viel propagierte "Information Overload" vernünftig angegangen werden. Ein darauf sehr trainiertes Gehirn verarbeitet Text mit knappen 500 Bytes/s, der Rechner lässig das Zehntausendfache, wenn auch weniger detailliert. Er kann aber dafür eingesetzt werden, aus der Flut an Informationen diejenigen herauszuholen, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, eine detaillierte Beschäftigung mit ihrem Inhalt zweckmäßig erscheinen zu lassen.

Ebenso hat der Rechner keine Berührungsängste mit anderen Meinungen. Wer die Filterblase als Problem ansieht, kann auch gezielt nach Informationen filtern lassen, die der eigenen Meinung entgegenstehen. Die bewusste Entscheidung dazu muss nur einmal getroffen werden und wird durch unterbewusste Ablehnung der anderen Meinung auch nicht so leicht zu revidieren sein.

Ein weiteres Beispiel sind Absprachen in einer Gruppe, die üblicherweise nicht trivial zu treffen sind. Nicht umsonst haben sich Dienste wie Doodle etabliert, um selbst einfache gemeinsame Entscheidungsfindungen wie zu einem Termin halbwegs effizient zu gestalten. Wenn der digitale Teil aber weiß, welche Termine anliegen, welche wichtigen Aufgaben mit ihnen kollidieren und wie wichtig welche anderen Personen sind, können Absprachen in einer Gruppe vollautomatisch ablaufen. Insbesondere muss auch ein Termin nicht festgelegt sein, sondern kann im Prinzip solange spontan verlegt werden, bis er unmittelbar ansteht. Und niemand wird dadurch gestört.

Abschließend möchte ich noch kurz darauf hinweisen, dass sich insbesondere für Politiker oder andere Personen mit besonderen Transparenzanforderungen durch Teildigitalisierung die Möglichkeit ergibt, mit minimalem Aufwand extrem transparent zu arbeiten, da sowohl Entscheidungsalgorithmen als auch -grundlagen, einmal digitalisiert, jederzeit (teilweise) veröffentlicht werden können.

Nachteile der teildigitalen Person

Ja, gibt es, vor allem in der Abgrenzung der persönlichen Sphäre. Ich möchte mit diesem Text aber vor allem zum Nachdenken über die Möglichkeiten anregen und erspare mir daher hier mit voller Absicht eine ausgleichende Abwägung.

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