Übersetzen für die Buchmesse

10.10.2012

Wie ich zweimal die Reputationen ganzer Länder rettete. Eine (nicht ganz) maßlose Übertreibung.

Nun gut, ich bin also "von Haus aus" Journalist, aber da ich in zwei Sprachen schreibe, bin ich jetzt auch schon seit mehreren Jahrzehnten Übersetzer. Und zwar vom Deutschen ins Englische - und umgekehrt. Das ist, in der Welt der Übersetzerei, immerhin ein wenig ungewöhnlich.

Normalerweise übersetzen die Leute zum Beispiel aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und meinetwegen Norwegischen (die Mutter war damals mit den Kindern ein paar Jährchen im hohen Norden, was weiß ich, solche biografischen Schlenker gibt es in jedem Leben) - und aus allen diesen Sprachen geht’s jetzt ins Deutsche. Manche Kollegen übersetzen auch aus 17 oder gar 39 Sprachen, aber eben immer nur in diese eine Richtung, in die Muttersprache. Deutsche Übersetzer, die ins Englische übersetzen, trotz Diplom und allem Drum und Dran, machen in der Regel in jedem Satz einen Fehler. Das ist schlichtweg axiomatisch. Und anders rum geht’s ebenso. Amerikaner und Engländer, selbst wenn sie bereits seit 30 Jahren z. B. in Wien leben, schreiben unfehlbar nie einen Satz auf Deutsch hin, bei dem auch von vorne bis hinten alles seine Richtigkeit hat. Das klingt unfair, ist aber ein Naturgesetz, die Formel dazu hat einsteinsche Qualitäten: Æ x 30/W ≠ D.

Ich selber mache natürlich auch ständig irgendwelche Fehler. Letzthin wies mich jemand darauf hin, dass eine Katze nicht "katzbuckelt" wenn sie gegen den Strich gebürstet wird. Katzbuckeln ist keine Geste des Widerstands, sondern der Unterwürfigkeit. In einem anderen Artikel schrieb ich von "Mund-zu-Mund-Propaganda", ohne zu bemerken, dass es im Deutschen bestenfalls eine "Mund-zu-Mund-Beatmung" gibt, und so weiter. Ich kenne also beide Sprachen, wie ich immer sage, ungefähr gleichermaßen unvollkommen.

Dichter unter sich: Der frühere neuseeländische Poet Laureate, Bill Manhire (1997-99) und die Lyrikerin Bernadette Hall bei einer Veranstaltung in Wellington am 30. August, "An Evening With Poets", zu Ehren des vormaligen britischen Staatsdichters, Sir Andrew Morton, der auf Lyrik-Tournee im Lande weilte, und im Beisein des gegenwärtigen neuseeländischen Amtsinhabers, Ian Wedde (beide nicht im Bild). Foto: Tom Appleton.

Andererseits lege ich Wert darauf, einen deutschen Text auf Englisch so nahe am Original entlang schrammen zu lassen wie möglich. Soll er seltsam klingen. Er wird trotzdem in richtigem Englisch gehalten sein. Lästig natürlich, dass es in Deutschland, Österreich, Holland oder in der Schweiz immer irgendeinen Idioten gibt, der meine Texte korrigieren will. Weil ein Kurator das Wort "renowned" nicht kannte, steht jetzt in einem meiner Texte, der Künstler sei "reknown." Danke, du Knallcharge!

Und als ich einst im Mai im Burgenland wohnte und dort drei Krimis übersetzte - Burgenland, das ist diese wunderschöne Region in Österreich, südlich von Wien, wo man auch heute noch einen urbairischen Jargon, das Hianzerische, spricht - sollten die Bücher, die ich übersetzte, aber schon ins bundesdeutsche Hochdeutsch gehen - nur eben, das Lektorat dazu saß in der Schweiz. Drei Wochen brauchte ich, um ein gutes Äquivalent für den kleinen feministischen Witz zu finden: "A hard woman is good to find." (Abwandlung des Sprüchleins, "A hard man is good to find" - was so viel bedeutet, wie, es ist ein Segen, wenn man einen Mann mit einem harten Schwanz findet.) - "Ich bin hart, und das ist gut so", ließ ich meine Detektivin sagen, in Anlehnung an ein geflügeltes Berliner Bürgermeisterwort. In Zürich kupierte man dem Satz das Schwänzchen, und jetzt sagt die Frau im Buch: "Ich bin hart, und das ist gut." Vielen Dank auch. Jahre später ärgert man sich über solche Sachen immer noch, denn der Übersetzer ist wie ein Elefant. Er vergisst nie. Vor allem erinnert er sich auch immer wieder an die Peinlichkeiten, die er selbst verbrochen hat.

Andererseits ist der Übersetzer auch wieder nichts weiter als eine Art Mistkäfer des Kulturlebens, ein Skarabäus weit unterhalb der Pharaonen, die irgendwo da oben thronen. Zufällig trat im heißen Sommer 1995 bei über 30 Grad im Schatten ein Kumpel aus der Wiener Kunstszene an mich heran. Ich sollte mir doch mal eben kurz diese Texte anschauen. Das seien die fertigen Übersetzungen für ein Magazin, mit dem sich Österreich bei der Frankfurter Buchmesse im Herbst vorstellen wolle. Man habe zwar schon alles Geld aufgebraucht, was im Topf für die Übersetzungen bereitstand, aber fürs Durchlesen und Korrigieren könnte man mir gerne noch mal 2000 Schilling hinterherschießen.

Lang ist’s her - und die Situation hat sich bestimmt zum Besseren (wenn nicht gar zum Allerbesten) gewandelt. Aber damals, 1995, gab es in Wien noch diese Übersetzerszene, wo automatisch jedem Native Speaker eine Art natürliche Überlegenheit zugestanden wurde - gleichgültig, wie gering die Deutschkenntnisse des oder der Betreffenden waren, und ebenso schnurz, wie sattelfest der oder diejenige in der eigenen Sprache sein mochte. Umgekehrt hielten die vor Ort eintrudelnden Amerikaner die Österreicher allesamt für geschwätzige Vollidioten, die sowieso kein Wort Englisch verstanden. Man konnte also schnell ein bisschen flottes Geld verdienen, indem man einfach irgendeinen Mist hintippte und ihn als "Übersetzung" ausgab.

In diesem Fall sah ich auf der ersten Seite, im deutschen Text, das Wort "surrender", etwa in der Kombination "surrender Propeller". Auf der gegenüberliegenden Seite, im englischen Text, stand, ebenfalls, das Wort "surrender", ein gutes englisches Wort, das aber mit dem Schnurren eines Propellers rein gar nichts zu tun hat. Es bedeutet "kapitulieren", "sich geschlagen geben."

Innerhalb von zwei Minuten (oder sagen wir 30 Sekunden) wurde mir klar, dass diese Texte, alle 30.000 Wörter, kompletter Schrott waren. Noch dazu uneinheitlich. Mal in britischer, mal in amerikanischer Rechtschreibung. Und dann wieder auch in gar keiner Rechtschreibung. Österreich würde diese Texte eine Million Mal in einem Magazin auf der Frankfurter Buchmesse zur Verteilung auslegen - und eine Million Menschen würden sagen: "Oh my God! Listen to this crazy shit!" Sie würden vor Lachen laut aufkreischen, und die Feuilletons von ganz Europa würden sich über die Hinterwäldler aus der Alpenrepublik lustig machen.

Der Kollege aus der Kunstszene war sich natürlich klar, wie das in Wien üblicherweise ablief. Ein Katalog erschien in "englischer" Übersetzung, und wurde sofort als Regalleiche verräumt. Kein Hahn bemühte sich, jemals wieder danach zu krähen. Aber sich mit einer solchen typisch österreichischen Peinlichkeit vor ein internationales Millionenpublikum hinzustellen, wäre eher fatal gewesen.

Inhaltlich war es sowieso schon witzig, dass sich das Magazin 1995 noch einmal so intensiv mit der Kaffeehaus-Provozier-Literatur der Mittfünfziger Jahre beschäftigte. 40 Jahre alte abgelutschte Kamellen. Als hätte es seitdem keinen Peter Handke, keine Marlen Haushofer, keinen Thomas Bernhard, keine Christine Nöstlinger, keinen Ernst Jandl gegeben. Sogar H. C. Artmann, der damals zwar schon alt war, aber immer noch lebte, wurde quasi als historisches Artefakt behandelt. Aber auch das war verständlich. Man hatte vermutlich irgendeine alte Doktorarbeit von irgendwem hervorgekramt und schnell mal eben zu ein paar Artikelchen verschnippelt. Das übliche Prozedere. Der Skarabäus hatte da nicht viel mitzureden, er musste nur dafür sorgen, dass der Mist auch schön rund war.

Trotzdem - 30.000 Wörter in zwei Wochen noch mal komplett neu zu übersetzen für grade mal 2.000 Shilling - damals etwa 300 D-Mark - das ging auch über meine Kräfte (oder meine Bereitwilligkeit) den österreichischen Staat vor der kompletten Blamage zu retten. Ich sagte ab. Der österreichische Buchhandelsverband erkannte die Gefahr. Man würde international als Klub der Vollkoffer dastehen. Also machte man ein wenig Geld locker. Und so saß ich nun Woche um Woche bei brütender Hitze gemeinsam mit meiner damaligen Freundin Mary Murrow am Computer und wir übersetzten wie die Weltmeister, zur höheren Ehre Österreichs. Sechs Wochen lang, wo jeder von uns 3.000 Schilling bekam. Wir aßen gekochte Nudeln mit Olivenöl und Knoblauch. Und während ich 18 Stunden täglich am Schreibtisch saß, musste ich mich mit einem langen Seidentuch an der hohen Lehne meines Stuhles festbinden, um die stechenden Schmerzen in Schulter und Kreuz unter Kontrolle zu halten.

Mary, die sehr wohl das Zeug zu einer neuen Janet Frame besaß (mit anderen Worten, eine talentierte neuseeländische Autorin, ausgestattet mit einem natürlichen Sinn für Humor) die außerdem, auf Deutsch, stilistisch irgendwo bei Robert Walser gelandet war, strampelte sich mit jedem Wort ab wie eine Radrennfahrerin. Ich hatte nur meine journalistische Routine zu bieten. Aber die Kombination funktionierte. Wir schrieben Sachen, die man verstehen konnte und die trotzdem gutes Englisch waren.

Damals, ohne Internet, schickte ich jeden fertigen Text mit dem Fahrradboten fort - ich wusste also nicht einmal, wohin unsere Arbeiten gingen oder bei wem sie landeten. Nach sechs Wochen waren wir mit der Schufterei fertig und netterweise zahlte der Buchhandelsverband jedem von uns beiden jeweils noch mal 12.000 Schilling. Wir hatten also gemeinsam in sechs Wochen 30.000 Schilling verdient. Ich zahlte meine Miete, Telefon und Strom - und damit war das Geld auch schon wieder alle.

Das fertige Magazin im Druck sah ich nie. "Ach, hätten Sie gerne ein Belegexemplar gehabt?" wird man dann gelegentlich gefragt, wenn man noch einmal nachfragt. Ungefähr acht Jahre später erzählte ich das einem österreichischen Übersetzerkollegen in Wien. Der hatte zufällig noch ein Exemplar von seiner ehemaligen LAG, das er mir dann per Post zuschickte. So kam ich zu der verspäteten Erkenntnis: Hurra! Das Magazin war zwar tödlich langweilig gewesen, aber es hatte alles seine Richtigkeit darin gehabt. Die Übersetzungen waren korrekt. Sogar die Gedichtlein reimten sich auf schmerzlose Weise. Österreich war gerettet, es hatte auf der Buchmesse nicht als Deppen-Nation Europas da gestanden.

Sechzehn Jahre später

Sechzehn Jahre später, 2011, abermals ist es Juli. Ich lebe wieder in Neuseeland, auch im sonnigen Tauranga ist es nun Winter. Meine Kollegen vom Übersetzungsdienst in Wellington, die ich seit Jahren, was sag ich, Jahrzehnten, kenne, bieten mir an, den Katalog des Neuseeländischen Buchhandelsverbandes für die Frankfurter Buchmesse 2012 zu übersetzen. 3.000 Dollar, einen Monat Arbeit. Gern. Dann aber beschließen sie doch, mir nur die Lyrik zur Übersetzung zu schicken. Ein gereimtes, preisgekröntes Kinderbuch und ein paar andere Schmankerln. Sie wissen natürlich, dass ich gereimte Texte fast schneller als Prosa hinschreibe. Ich bin eben ein Reimfex. Man kann nichts für die Talente, die man hat. Man muss sich aber auch nicht dafür schämen.

Nach einem Nachmittag steht der Text des preisgekrönten Kinderbuches dann auf Deutsch da. Fast besser als das Original, meinen die Kollegen, und ich erröte. Nun aber kommt der harte Knochen, ein Gedicht des früheren Poet Laureate, Bill Manhire. Dieses Amt des Staatsdichters gibt es in England und auch in ehemaligen englischen Kolonien wie Neuseeland. Die poetische Ehrengarde der solcherart Berufenen zeichnet sich durch langjährigen, meist ernsthaften Dienst am Wort aus.

Und auch Bills Gedicht verlangt vom Übersetzer einen geradezu alttestamentarischen Ernst. Zweihundertsiebenundfünfzig neuseeländische Südpoltouristen waren einst mit einem Düsenjet am Mount Erebus am Südpol zerschellt. Und dies war nun das Gedicht, das Sir Edmund Hillary 25 Jahre später dort unten am kalten Polar vorgetragen hatte. (Hillary, der Erstbesteiger des Mount Everest im Himalajagebirge und Bereiser des Süd- und Nordpols, war für diese Aufgabe gewissermaßen mythologisch prädestiniert.) Ebenso hatte Hillary aber auch der christlichen Religion abgeschworen und deshalb bat er darum, dort keinen Bibeltext verlesen zu müssen.

So kam Bill als Staatsdichter zu seinem Text-Auftrag. Und da ich Bill schon seit 40 Jahren kenne und bei verschiedenen Gelegenheiten mit ihm in unmittelbarer Gesprächsnähe in Florenz, Sienna, Gießen, London und Wellington gestanden habe, war es klar, dass ich diesen Text nicht versemmeln durfte, ohne mir lebenslange Zores einzuhandeln. Aber, unbesorgt! Wie bei einem alten Kutschpferd, triumphierte auch hier einmal mehr die Routine. Nach 20 Minuten hatte ich das Gedicht übersetzt und die Kollegen waren wiederum des Lobes voll. Wieder einmal hatte ich ein ganzes Land bei der Frankfurter Buchmesse vor der totalen Blamage gerettet.

x
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37693/
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige

Zum Tod von Scholl-Latour: "Wir leben in einer Zeit der Massenverblödung"

Ramon Schack 09.03.2014

Zu seinem 90. Geburtstag warf der Journalist und Islamexperte, der Gott und die Welt kennt, einen Blick auf sein Leben und auch auf die Krise in der Ukraine

weiterlesen
Telepolis Gespräch

Audio-Mitschnitt der Veranstaltung "Überwachung total" am 7. Juli mit Peter Schaar, Klaus Benesch und Christian Grothoff.
(MP3, 73min, 35MB)

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS