Männer, wollt ihr länger leben?

25.09.2012

Südkoreanische Wissenschaftler glauben anhand einer Untersuchung des Lebensalters von Eunuchen, dass die männlichen Sexualhormone die Lebenserwartung des schwachen Geschlechts gegenüber der von Frauen verkürzen

Das Leben zu verlängern, verlangt Anstrengung, glauben viele. Manche meinen, es helfe fasten, andere sind für gesund essen und natürlich viel Bewegung. Manche denken, ein angenehmes Leben ohne Stress mit Wein, Mann/Weib und Gesang tut es auch. Man kann natürlich auch versuchen, zusätzlich Telomerase oder Melatonin aufzunehmen, um die Telomere zu verlängern, oder sich Vitamine einverleiben, um die freien Radikale zu bändigen. Vielleicht muss man auch in Gegenden ziehen, in denen es besonders häufig Hundertjährige gibt. Südkoreanische Wissenschaftler glauben nun, eine wirksame Methode für eine Ausdehnung der Lebensdauer gefunden zu haben, zumindest bei Männern, die den Frauen bei der Lebenserwartung um Jahre unterlegen sind: die Kastrierung.

Die Studie, die in der Zeitschrift Current Biology erschienen ist, bezieht sich freilich nicht auf die Gegenwart, sondern auf eine alte Tradition in Korea. Ausgangspunkt für die Wissenschaftler war die Tatsache, dass Frauen in allen Gesellschaften - und bei vielen Säugetieren - eine deutlich höhere Lebenserwartung haben. Das könnte mit den geschlechtsspezifischen Hormonen zu tun haben, also vor allem mit dem Testosteron, in dem die Männer schwimmen.

Um zu überprüfen, ob an der These etwas sein könnte, haben die Wissenschaftler die Lebensdauer von 81 Eunuchen von Angehörigen der Chosun-Dynastie (1392-1910) untersucht und herausgefunden, dass ihre Lebensspanne durchschnittlich bei 70 Jahren lag, 14,4 bis 19,1 Jahre länger als nichtkastrierte Männer aus drei Familien mit einem ähnlichen sozioökonomischen Hintergrund. Drei der Eunuchen wurden älter als 100 Jahre, was damals sehr selten war und heute noch 130 Mal häufiger als zu erwarten wäre. Die kastrierten Jungen hatten ihre Hoden durch Unfälle, meist durch Hundebisse, verloren oder sie hatten sich einer Kastration unterzogen, um früh an den Palast zu kommen. Eunuchen durften heiraten und hatten Familien mit adoptierten Mädchen und kastrierten Jungen. Weil sie dem Adel angehörten, wurden genaue genealogische Aufzeichnungen gemacht, um zu beweisen, dass sie dem Adel angehörten. Zur Grundlage diente das 1805 geschriebene Yang-Se-Gye-Bo, in dem 385 Eunuchen aufgezeichnet wurden, aber die Geburts- und Todesdaten von nur 81 festgehalten worden waren.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die längere Lebensdauer der Eunuchen nicht auf das angenehme Leben im Palast zurückzuführen ist. Sie hätten mindestens ebenso viel Zeit außerhalb des Palastes wie innerhalb verbracht, die Könige und die männlichen Angehörigen der Königsfamilien hatten hingegen die kürzeste Lebenszeit und wurden in der Regel nicht viel älter als Mitte 40.

Einen Beweis kann die Studie, zumal auf der Basis von gerade 81 Personen, nicht erbringen, dass Testosteron oder andere Androgene das Leben der Männer verkürzt oder dass deren Fehlen das Leben der Eunuchen verlängert. Aber es ist ein Hinweis, dass an der Hypothese etwas dran sein könnte. Ob es sich für diejenigen lohnt, die unbedingt ihre Lebenserwartung verlängern wollen, sich nun kastrieren zu lassen oder wann der beste Zeitpunkt dafür ist, bleibt ebenso unbeantwortet. Man könnte sich ja auch als Anti-Aging-Therapie einer Hormonbehandlung unterziehen. Die Wissenschaftler selbst halten sich zurück und raunen: "Für eine bessere Gesundheit und ein längeres Leben soll man sich dem Stress fernhalten und von den Frauen lernen, was möglich ist."

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