Nazierfindung Wiesndirndl

27.09.2012

Interview mit der Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer über die Modernisierung des Brauchtums durch die Nationalsozialisten

Jahraus jahrein bescheren einem im München des Oktoberfestes fröhlich marodierende Dirndl-Trägerinnen mit den dazu passenden Lederhosen das Gefühl eines depressiven Salzburgs. Die mentale Formierung und ästhetische Entwürdigung, die hinter dieser modischen Gleichschaltung steckt, kommt aber nicht vom FC Bayern, sondern von den Nazis - meint Elsbeth Wallnöfer, die Autorin von Geraubte Tradition: Wie die Nazis unsere Kultur verfälschten. Ein Gespräch über die Inbesitznahme von Folklore durch den Nationalsozialismus und die derzeit grassierende "Brauchtumshysterie".

Frau Wallnöfer, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Nazis gewissermaßen das Wiesn-Dirndl erfunden haben. Wie kam es denn dazu?

Elsbeth Wallnöfer: Während der NS-Zeit kam es zur Errichtung der so genannten Mittelstelle Deutsche Tracht der Reichsfrauenorganisation. Diese wurde von der Innsbruckerin Gertraud Pesendorfer geleitet. Pesendorfer, eine gelernte Sekretärin, suchte ihre Ideologie mit ihrer Trachtliebe zu vereinen und so kam es, dass sie für den Führer und das Reich die von ihr so genannte "erneuerte Tracht" entwarf. Zunächst ging es darum, die Vorgängermodelle zu ent-katholisieren. Damit meinte man, sie von den geschlossenen Krägen zu befreien und die Arme frei legen zu müssen. Dabei führte sie, ich glaube schon auch bewusst dezent, gewissermaßen die erotisierte Tracht und Dirndl ein. Sie befreite die alte Kleidung von ihrem geschnürten, plumpen Ballast und schuf die bis heute so begehrte geschnürte und geknöpfte Taille, ein wahrhaft mädchenhaftes Blüschen.

Elsbeth Wallnöfer. Foto: SUV.

Wenn man heutzutage die Lederhosn- und Dirndl-Brigaden wohlgemut zum Oktoberfest marschieren sieht, kommen ganz klar Assoziationen an eine für den Spaß uniformierte Gesellschaft auf. Sehen Sie irgendwelche mentale Konvergenzen zwischen dem hochkommerzialisierten Sauf-, Brunz, Kotz- und Fickfest auf der Theresienwiese und der Nazi-Ideologie?

Elsbeth Wallnöfer: Ja, diese Konvergenzen gibt es in der Tat. Analytisch betrachtet beginnt die bei Einstellungen wie "wir sind alle ein Volk von gleichem Spaß und Durst und ebensolcher Leidenschaft". Weiter marschiert man selbstsicher - zumindest vor der ersten Maß - starken Schrittes und archaischen Charakters mit den Dirndln an der Hand auf die Wiesn. Die Frauen betonen wiederum eine stramme Haltung, das hat mit der Stellung des Rückens durch das enge Mieder zu tun.

"Großdeutsche, proheidnische Idee "

Welche anderen Gegenstände oder Rituale haben sich die Nazis sonst noch unter dem Nagel gerissen?

Elsbeth Wallnöfer: Die Nationalsozialisten wussten um die Kraft des Rituals. Also eigneten sie sich das christliche Ritual der Taufe, der Trauung und der Begräbnis an. Sie nannten derlei "Lebensfeiern". Im Mittelpunkt des dafür vorgesehenen Raumes wurde das christliche Kreuz gegen ein Führerbild ausgetauscht, altargleich angerichtet und die SS nahm das procedere vor. Das Christkind tauschten sie gegen die Erfindung eines Lichterkindes aus. Das war ein Kind, das ebenso wie bei der Darstellung der Geburt Christi Jesus, in einer Wiege lag.

Den Nikolaus, der noch bis zur Verkulturalisierung durch die Nazis, der eigentliche Gabenbringer bis an die Grenze zum evangelischen deutschen Norden hin war, wurde eine archaische und heidnische Figur, ein wilder heiliger Nikolaus und die heiligen drei Könige sollten bloß, weil sie einen Stern bei sich tragen, nordische Lichtgestalten sein.

Die Johannisfeuer, die zu Ehren des heiligen Johannes am 24. Juni abgebrannt wurden, inszenierte man zu gigantischen Sonnwendfeiern von Speerscher Manier - so zum Beispiel in Berlin. Darüberhinaus suchte man heilige Männer wie Michael oder Georg zu waffenfähigen Heroen aufzubauen. Damit griffen die Nazis die von den Grimms hervorgerufene großdeutsche, proheidnische Idee geschickt auf, die in Michael einen ritterhaften Mann in Schwert und Rüstung sahen. Solche Ritter eigenen sich hervorragend als pathetische Gefallenenvorlage.

Welche Strategie verfolgten die Nazis damit?

Elsbeth Wallnöfer: Ziel des großen wissenschaftlichen Heeres war es, die ganze Welt zu heidnisieren und die Erzählung dessen, was Zivilisation ist, umzukehren und zwar programmatisch von der Geburt über das Volkslied, Brauchtum, Kleidung, Essen (denken sie an die Zelebration des gemeinsamen Eintopfsonntages), den 1.-Maifeiern bis zum Tod. Auch die Architektur fand dabei ihren Platz. Als Speer die neue Reichskanzlei plante, soll er, eigenen Angaben zufolge, vom Benediktinerstift Melk an der Donau und dessen gigantischer Kuppel derart beeindruckt gewesen sein, dass er diese Stichhöhe zum Maßstab nahm.

"Symbolische Geste der Sorge"

Wie haben die Kirchen seinerzeit darauf reagiert?

Elsbeth Wallnöfer: Die augenscheinlichste Reaktion war die in deutscher Sprache abgefasste Enzyklika Papst Pius' XI. im Jahr 1937: "Mit brennender Sorge - über die Lage der katholischen Kirche im Deutschen Reich" lautete diese. Schon daran, dass sie in der für derlei Texte nicht in der dafür üblichen lateinischen Sprache abgefasst war, kann man sehen, dass es darin nicht mehr nur um eine Katechese für ein Fachpublikum ging. Jeder im deutschen Land und im Rest Europas sollte die symbolische Geste der Sorge vernehmen können. So viel man der Kirche auch vorwerfen möchte, es gab immer wieder auch Versuche - und hier handelt die Kirche wie ein Staat, eine Nation - zu verhandeln, zu korrigieren, zu beobachten, zu empfangen, zu antichambrieren.

Im Unterschied zur Kirche gab es dann noch die einzelnen Christen, die für ihren Glauben starben oder, so wie im Bayrischen geschehen, der Lehrerin drohten, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen, wenn sie das Kreuz nicht wieder aufhängen würde oder das Mutterkreuz zurückzugeben. Dafür finden sich rührende Belege im Bundesarchiv.

"Brauchtumshysterie"

Warum wirkt die verfälschte Tradition bis heute nach?

Elsbeth Wallnöfer: Dies hat wohl damit zu tun, dass man einmal glaubt, Bräuche seien unpolitisch, weil sie so unmittelbar dem menschlichen Bedürfnis nach Gestaltung entspringen. Ein anderer nicht unwesentlicher Aspekt dieser kontinuierlichen Tradierung hat mit einer noch immer andauernden prinzipiellen antikatholischen, entmaßregelten Haltung zu tun und ein dritter Aspekt ist die nicht aufgearbeitete Wissenschaftsgeschichte.

Alles zusammen führt uns in diese fast schon Aporie zu nennende Brauchtumshysterie. Ohne jeden Bezug jodelt und säuft et cetera man im Dirndl vor sich hin, feiert mehr und mehr Maibaumaufstellen, Sonnwendfeiern, glaubt alle Kirchen seien auf heidnische Kultorte zurückzuführen und merkt nicht, dass die Politik dieses neue Brauchverhalten willkommen heißt, weil es eine vordergründige Identität des "mia san mia" stiftet.

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