Scheinpolitischer Synkretismus

28.09.2012

Haben Glaubenseiferer den Begriff "links" gekapert?

Synkretismus ist ein Begriff aus der Religionswissenschaft. Er bezeichnet das Phänomen, dass Strukturen und Inhalte einer älteren Religion in einer neuen weiterleben. Besonders deutlich sichtbar wird das in postkolonialen Szenarien - etwa in Mexiko, wo in den Heiligen des örtlichen Katholizismus immer noch die alten Götter der Maya, der Azteken und anderer Völker stecken. Es wäre jedoch verfehlt, anzunehmen, dass dieses Phänomen rein auf den religiösen Bereich begrenzt ist.

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich der Begriff "links" aus der Sitzordnung in der französischen Nationalversammlung: Rechts saßen die Monarchisten - und links diejenigen, die eine Monarchie mehr oder weniger stark ablehnten. Im 19. Jahrhundert stand er lange Zeit als Synonym für "vorne" - für den technischen Fortschritt und den Glauben, dass ihn alte Zöpfe wie die ständische Ordnung oder die Religion nicht aufhalten sollten.

Im 21. Jahrhundert scheint es dagegen, als ob der Begriff von einer ganz anderen Klientel genutzt wird: Ihre öffentlichen Äußerungen klingen häufig wie alte Sonntagspredigten und Jeremiaden protestantischer Landpfarrer - und möglicherweise sind es auch Strukturen eines ruralen Pietismus, die hinter Verzichtsaufrufen und empörten Wortverboten stecken. Da fehlt oft nur noch der Zusatz "Wasch dir den Mund mit Seife aus!" Vor allem Aufrufe und Pressemitteilungen wirken in ihrer mit soziologischen Phrasen durchmischten Einfalt häufig so sinnfrei wie Gebete.

Teile der Grünen fordern beispielsweise den Verzicht als Wir-Imperativ für die gesamte Menschheit: "Wir müssen" - weniger heizen, kalt (oder gar nicht) duschen, weniger Fleisch essen, weniger Technologie einsetzen et cetera. Der Verzicht auf Luxus und Bequemlichkeit wird für sie zum quasi-religiösen Akt, der es dem "klimabewussten" Individuum erlaubt, durch die ausgelebte CO2-Askese die eigene moralische Höherwertigkeit gegenüber dem anderen, also dem Umweltsünder, zu demonstrieren und zu genießen.

Die dahinter liegenden Muster reichen weiter zurück als bis zum Pietismus: Der Historiker Norman Cohn beschreibt in seiner Studie The Pursuit of the Millennium - Revolutionary Millenarians and Mystical Anarchists of the Middle Ages religiöse Sekten im dunklen Zeitalter. Solche Gruppen fielen unter anderem durch besondere Fastenbräuche und rituelle Selbstgeißelungen auf - oder, dass sie sich einer besonders formelhaften Sprache bedienten und in härene Gewänder kleideten.

Durch ihre Verzichtsideologien fühlten sie sich religiös besonders korrekt und wollten ihre Glaubensvorstellungen der Welt um sie herum teilweise durch Missionierung, teilweise aber auch mit Gewalt aufdrängen. An diese Flagellanten, Wiedertäufer und Bettelmönche fühlt man sich unwillkürlich erinnert, wenn man heute manche Subkulturen betrachtet, deren die Protagonisten (entgegen ihrer eigenen Wahrnehmung) weniger politischen als protoreligiösen Vorstellungen anhängen.

Das gemeinsame Element, das sich durch die Geschichte dieser christlichen und protochristlichen Naivität zieht, ist das Primat des Glaubens vor dem Forschen: Was nicht sein darf, kann nicht sein. Etwa, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Werden solche Glaubensgrundsätze infrage gestellt, dann reagieren Glaubenseiferer mit dem Ruf nach Tabus und Verboten, die sie häufig auch mit Gewalt durchzusetzen bereit sind. Auf diese Weise können Widersprüche in ihren Köpfen nicht fruchtbar werden: Denn wenn so ein Widerspruch auftritt, dann bannt der Glaubenseiferer lieber das, was ihn daran erinnert, als dass er ihn zum Erkenntnisgewinn nutzt. Oder, wie Friedrich Nietzsche es formulierte: Überzeugungen sind für die Wahrheit gefährlicher als Lügen.

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