Zur Diskussion um das "Vollgeld"

03.10.2012

100prozentige Unterlegungspflicht für Depositen würde nicht nur das Ende des Giralgeldes bedeuten, sondern auch die Staatsfinanzierung auf neue Beine stellen

Der führende Ökonom Irving Fischer fand schon 1936 eine einleuchtende Erklärung, warum "seit 100 Jahren immer wieder und besonders auch jetzt vorgeschlagen wird, Banken anstatt einer nur teilweisen, eine 100prozentige Unterlegungspflicht für täglich fällige Depositen vorzuschreiben: Der Grund sind Depressionen."

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Fischer bereits zu einem der wichtigsten Förderer dieser Idee aufgeschwungen, die nach der Uni, an der die führenden Befürworter beschäftigt waren, unter der Bezeichnung Chicago Plan diskutiert wurde. Dieser umfasste nicht nur eine radikale Änderung des Bankensystems, sondern erforderte auch ein neues Verständnis der Staatsfinanzen, zu dem sich dann aber weder die ökonomische Lehre noch die Politik durchringen konnten.

Dabei war Fischer einer der wichtigsten "mathematischen" Ökonomen des 20. Jahrhunderts, den zeitgenössische Kollegen wie Vilfredo Pareto oder Francis Edgeworth ebenso zu schätzen wussten, wie später John Maynard Keynes oder der Ökonomie-Nobelpreisträger von 1969, Ragnar Frisch.

Zu dieser radikalen Lösung dürfte Fischer dabei wohl durch eigene, traumatische Erfahrung gekommen sein. So hatte er kurz vor dem Börsencrash von 1929 auf Basis mathematisch fundierter Bewertungsmethoden die im Nachhinein ziemlich peinliche Aussage von sich gegeben, die US-Wirtschaft wäre stark und die Aktien unterbewertet, woraufhin er sein gesamtes Vermögen durch den Crash verlor und so womöglich einer der ersten war, dem die vermeintlichen Sicherheit einer exakten mathematischen Beweisführung einen realistischen Blick auf die Wirtschaft verstellt hatte.

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"Fractional Reserve Banking" verantwortlich für "Great Depression"

Daraufhin hatte sich Fischer der Erforschung ökonomischer Krisen zugewandt und wurde angesichts des Zusammenbruchs etlicher Banken zu einem der gewichtigsten Gegner des Geldsystems, wie es bis heute weltweit üblich ist. Denn dadurch werde den Banken die Geldschöpfung ermöglicht, was zu enormen zyklischen Schwankungen führe, die es in einem 100-Prozent-System nicht mehr geben könne. So seien das in Boomzeiten zu schnelle Ansteigen der kurzfristigen Kredite und deren übermäßige Kontraktion nach dem Crash für alle modernen Finanzkrisen verantwortlich, was weitgehend auch für die nach dem 2. Weltkrieg ausgebrochenen Finanzkrisen gelten dürfte.

Während aber wichtige Ökonomen wie etwa Milton Friedman weiterhin für ein Vollgeld eintraten, setzte sich im ökonomischen Mainstream durch, Geld "marktwirtschaftlich" zu betrachten. und die Rolle des Staates zu ignorieren. Dadurch wurde die Geldschöpfung der Banken theoretisch als "effizient" betrachtet und drehte sich die Diskussion nur noch darum, wie diese – am besten durch Deregulierung - optimiert werden könne.

Mit der für die neoklassische Schule fast schon typischen Ignoranz der aktuellen wie historischen Tatsachen wurde also auch die Diskussion zur Finanzpolitik abstrakt geführt, während Strömungen wie die Chartalisten oder die New Monetary Economics, die ebenfalls Vollgeld-Ansätze vertreten, beiseite geschoben wurden.

IWF macht Vollgeld salonfähig

Wie auch auf Telepolis bereits diskutiert ("Aktuell herrscht Ausnahmezustand"), haben zuletzt sogar Ökonomen des IWF ein ökonomisches Modell vorgestellt, das unmittelbar auf den Vorschlägen von Fischer basiert. Damit hat sich eine der wichtigen Institutionen der internationalen Finanzökonomie erstmals ernsthaft einem Thema gewidmet, das von der neoklassisch-orthodoxen Ökonomik bislang entweder ignoriert oder als ökonomische Esoterik verunglimpft wurde. Dabei wurden zudem ausschließlich Methoden und Instrumente der herrschenden Ökonomik angewandt, so dass Fischers Ansatz nun auch innerhalb der herrschenden Lehre diskutiert werden könnte.

Und das drängt sich auf, denn die Ergebnisse der Studie bestätigen Fischers Vorschlag voll. Und wenn der IWF seine Ökonomen nun die verwegenen Empfehlungen aus dem letzten Jahrhundert aussprechen lässt, bietet sich an, sich einmal Fischers Variante des 100-Prozent-Systems genauer anzusehen.

The most outstanding fact of the last depression is the destruction of eight billion dollars - over a third -of our check-book money.

Fischer 1936

Fischers Ausgangspunkt ist die von den Banken geübte Praxis, aus dem Nichts Geld zu schöpfen, indem sie auf einem Kundenkonto ein Guthaben buchen. Denn so lange ein Kunde jederzeit auf dieses Konto zugreifen kann – damals per Scheck –, handle es sich um Geld, das beispielsweise dadurch entsteht, dass eine Bank einen Kredit an einen Kunden vergibt und die Summe einem täglich fälligen Konto des Kunden gutschreibt. Dadurch entstehen zwei Arten von Geld: Das Giralgeld, das als Gutschrift auf Bankkonten liegt, und das Zentralbankgeld, das aus Bargeld und den Guthaben der Banken bei der Notenbank besteht. Das Giralgeld ist dabei nur im Innenverhältnis von Kunde und Bank einsetzbar, während für alle Zahlungen an Vertragspartnern "von außen" Zentralbankgeld erforderlich ist.

Nur minimale Unterlegungspflichten

Die Regierung bzw. die Notenbank kann dabei nur das Zentralbankgeld kontrollieren, während die Banken Giralgeld weitgehend nach Belieben schöpfen können. So herrschte zu Fischers Zeiten zwar eine zehnprozentige Unterlegungspflicht, die jedoch nur zu rund einem Drittel tatsächlich in Zentralbankgeld zu halten war, woraus sich aus realen Einlagen ein bis zu dreißigfaches Kreditvolumen generieren ließ, wie es auch heute üblich ist. Für eine Kundeneinlage von z. B. 100 Dollar Giralgeld musste die Bank theoretisch 10, praktisch aber nur 3,50 Dollar an Zentralbankgeld vorhalten. Für 10 Dollar an von Kunden real eingezahlten Einlagen konnte sie also fast 300 Dollar an Giral-Gutschriften kreieren.

Allerdings hat die Notenbank – anders als von der traditionellen Ökonomik in Einführungskursen nach wie vor gelehrt - keinerlei Einfluss darauf, dass die Banken die theoretisch möglichen Kredite tatsächlich vergeben. So würden laut Fischer in Boomzeiten regelmäßig viel zu viele Kredite vergeben und der Geldhahn in der Krise zugedreht. Während der "Great Depression" hätten die Banken Kredite eingefordert und dadurch die Guthaben auf den Scheck-Konten um mehr als ein Drittel reduziert, was hauptverantwortlich für das gewaltige Ausmaß der Depression gewesen sei. Die Notenbank hatte dem nichts entgegensetzen können, denn durch den Abzug von Kundengeldern waren die Banken gezwungen, die Giral-Geldmenge um ein Zehnfaches zu reduzieren, wodurch die Geldmenge so sehr reduziert wurde, dass sich die Kaufkraft des Dollars verdoppelt hatte und ebenso die aushaftenden Schuldenlast.

Giralgeld würde schlicht nicht existieren

In einem 100-Prozent-System müssten die täglich fälligen Guthaben hingegen stets in voller Höhe in Zentralbankgeld vorgehalten werden. Ein Giralgeld würde schlicht nicht existieren, sondern nur noch zwei unterscheidbare Qualitäten an Geld: das voll von der Regierung/Notenbank kontrollierte Zentralbankgeld sowie Bargeld. Das Geld auf den Konten wäre dann nicht wie das Giralgeld jemandes Schulden, sondern per Gesetz real vorhanden und ein Vermögenswert an sich (dem, wie hier die "New Monetary Economics"/Chartalisten anmerken würden, vom Staat dadurch Wert verliehen wird, dass Steuern nur damit bezahlt werden können).

Die Banken würden auf den Scheckkonten zudem weder Zinsen zahlen noch kassieren, sondern für Kontoführung und Transaktionsspesen Gebühren verrechnen. Diese Kundengelder dürfte die Bank dann auch nicht mehr so wie jetzt für Kreditvergaben oder andere Zwecke nutzen, außer die Bank erhält den ausdrücklichen Auftrag dazu.

Insofern erstrecken sich Fischers 100 Prozent nur auf die kurzfristigen Anlagen. Will der Kunde für sein Geld aber Zinsen erhalten, muss er eine längere Bindungsfrist akzeptieren. Laut Fischer würden dadurch Bank-runs unmöglich. Denn eine Bank, die sich an die Gesetze hält und die täglich fälligen Gelder real im Haus hat, könnte diese jederzeit vollständig auszahlen, ohne in Probleme zu geraten. Alle anderen Gelder wären hingegen langfristig gebunden und könnten nicht vorzeitig abgerufen werden, egal wie übel sich die Lage der Bank auch immer darstellen würde. Ebenso unmöglich wäre eine Kreditvergabe durch einfache Gutschrift auf ein eigenes (täglich fälliges) Konto, denn stets müsste die Bank dafür Reserven in voller Höhe vorweisen, die sie irgendwoher beschaffen müsste.

Trennung in Dienstleistungs- und eine Investmentsparte

Laut Fischer müsste im neuen System eine Trennung in eine Dienstleistungssparte für Kontenführung und Zahlungsverkehr und eine Investmentsparte erfolgen, die langfristige Veranlagungen und Kreditvergaben durchführt. Kredite könnten dann auch nur aus Eigenkapital oder langfristigen Einlagen der Kunden vergeben werden, sie blieben aber unter voller Kontrolle der Banken. Das Geld würde hingegen allein vom Staat kontrolliert, der zudem die wachstumsbedingt erforderlichen Geldmengenausweitungen in sein Budget einfließen lassen oder, wie Fischer vorschlägt, damit bestehende Staatsschulden tilgen könnte.

Der Staat müsste den Banken in der Übergangsphase zudem die nötigen Reserven bereitstellen, etwa indem er ihnen einmalig das gesamte aktuell verbuchte Giralgeld leiht, was laut Fischer über die Notenbank oder eine eigens dazu gegründete Gesellschaft erfolgen könnte. Dadurch erhielte der Staat entsprechend hohe Forderungen gegenüber dem Bankensystem, die mit den von den Banken gehaltenen Staatsschulden verrechnet werden könnten. Weil die Giralgeldmenge damals wie heute die Staatsschulden um ein Mehrfaches überstieg, wäre der Staat also schlagartig saniert und könnte zudem, wie Fischer vorschlägt, große Teile der drückenden Privatschulden aufkaufen und streichen, während gleichzeitig auch die Unternehmen von der Herrschaft der Banken befreit wären, denen dafür wieder von den Kunden vertraut würde.

Wirtschaftszyklen nicht komplett abgeschafft

Zwar würden die üblichen Wirtschaftszyklen nicht komplett abgeschafft, sondern nur abgemildert werden und auch Überschuldungskrisen wären weiterhin möglich, nur könnten die Banken in der Krise die Geldmenge nicht mehr in Eigenregie so drastisch reduzieren, dass daraus eine Depression entsteht.

Da es zudem nicht zu übermäßiger Geldschöpfung kommen könne, wäre laut Fischer zudem die Inflation gebannt, wobei er allerdings nicht darüber spricht, wie die Regierung daran gehindert werden kann, ihrerseits übermäßig von ihrem Geldschöpfungsmonopol Gebrauch zu machen. Denn letztlich würde in einem derartigen System wohl keine Regierung für Staatsschulden noch Zinsen bezahlen und vermutlich gälte schon als solide Haushaltspolitik, wenn der Budgetabgang von einer "konjunkturell erforderlichen" Geldmengenausweitung abgedeckt werden könnte. Aber wie auch immer – alles zusammen würde jedenfalls ein heute noch fast unvorstellbares Umdenken in der herrschenden Geld- und Fiskalpolitik erfordern.

IWF-Modell bestätigt Fischer

Zu diesem Umdenken beitragen könnte allerdings, dass die IWF-Ökonomen in ihrem Modell alle von Fischer intuitiv und kaum formal begründeten Behauptungen "voll" bestätigt fanden. Dazu nutzten sie die State-of-the-art-Technologie der modernen Finanzökonomik, ein "mikrofundiertes und vorsichtig auf die heutigen US-Finanzmärkte kalibriertes monetäres Dynamic Stochastic General Equilibrium (DSGE) Modell, dessen wesentliche Charakteristik darin besteht, dass Geld nicht von den Banken, sondern zinsenfrei vom Staat kreiert wird".

Our analytical and simulation results fully validate Fisher's (1936) claims. The Chicago Plan could significantly reduce business cycle volatility caused by rapid changes in banks' attitudes towards credit risk, it would eliminate bank runs, and it would lead to an instantaneous and large reduction in the levels of both government and private debt.

Jaromir Benes/Michael Kumhof (IWF)

Ihr Ergebnis war, dass durch den Chicago-Plan die von der schwankenden Risikoneigung der Banken verursachte Volatilität der Wirtschaftszyklen signifikant verringert werden würde. Bank-runs wären eliminiert und es käme zu einer sofortigen und großen Verringerung privater und öffentlicher Schuldenniveaus.

Darüber hinaus finden sie aber noch weitere Vorteile, an die Fischer nicht gedacht hatte. So würden im neuen System diverse Störungen eliminiert, die den Output im alten System reduzieren. So würden die Aufschläge für Zinssatzrisiken reduziert und Steuern gesenkt werden, überdies könnte die kostspielige Überwachung makroökonomisch unnötiger Kreditrisiken entfallen. Für die von Gegnern des Systems gerne gebracht Befürchtung steigender Inflation konnten die Ökonomien hingegen keinerlei Bestätigung finden, viel mehr sei eine Reduktion zu erwarten.

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