Der Tod von Irene N. im Jobcenter Neuss war (auch) ein Unfall

02.10.2012

Für die beschränkte Sicht der Ermittler war es Mord, der Fall so gut wie erledigt

Bereits in der Pressekonferenz am vergangenen Freitag wurde die Sicht der Ermittler deutlich. Sie ist nicht falsch, sie erfolgt einfach zwingend aus den Spielregeln der klassischen Kriminologie. Es wird nach Schuld gesucht. Was gesucht wird, wird gefunden. Danach hat der 52-jährige Täter aus einem "nichtigen nicht nachvollziehbaren Grund", nämlich weil er sich um die Verwendung seiner Daten sorgte (wie er sagt…), die Jobcenter-Mitarbeiterin getötet. Zurechnungsfähig war er aus Sicht des Leiters der Mordkommission, weil er zwar etwas schlicht, aber zeitlich und räumlich orientiert sei. Für weitere Fragen sind dann Psychologen zuständig. Fertig.

Dem Täter wird schlicht geglaubt, wenn er angibt, wegen der Datenschutzerklärung so wütend gewesen zu sein, aber ihm wird dann nicht geglaubt, wenn er sagt, dass er sein Opfer nicht töten wollte. Schuldfähig ist er aus Sicht des Chefermittlers, weil er Tag und Ort korrekt benennen kann. Aber wie gesagt: Solche Schlussfolgerungen ergeben sich einfach aus der vorgegebenen Ermittlungsroutine, die nach Wahrheit nur insofern sucht, indem sie eben Schuld findet.

Dass aber nun Heinrich Alt, Mitglied im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, weitergehende Fragen von Journalisten und Bloggern als "Relativierung" ins Abseits stellen und quasi verbieten will, wirft ein sehr schlechtes Licht auf die oberste Leitung der Jobcenter und mag damit entschuldigt werden, dass er die folgende Presseerklärung womöglich wirklich selbst noch unter Schock stehend abgegeben hat:

Wir alle stehen unter dem Eindruck der gestrigen Tragödie. Ich betone nochmals, dass nichts eine solche Tat rechtfertigen kann. Die in sozialen Netzwerken und Internetforen aufgeworfene Diskussion, ob der Täter zu Recht gehandelt haben könnte und seinerseits sozusagen Opfer ist, ist beschämend. Es gibt keine Frage, wer in diesem Fall Täter und wer Opfer ist. Auch einige Rückfragen bei der heutigen Pressekonferenz der Polizei und Staatsanwaltschaft in Neuss zeigen mir, dass nach einem entschuldbaren Motiv gesucht wird. Für alle unsere Kolleginnen und Kollegen, die täglich unter schwierigen Bedingungen ihre Arbeit machen, die häufig beleidigt und bedroht werden, sage ich: Jedem Versuch der Relativierung stellen wir uns mit aller Kraft entgegen.

Dass der Täter nicht nur Opfer sein könnte, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch war, den in Jobcentern üblichen Demütigungen, Verdächtigungen, Verfolgungen usw. tatsächlich ausgesetzt, dass dies womöglich irgendeinen Einfluss auf sein Handeln hatte, darf also nicht mal gefragt werden?

Brennpunkt Jobcenter

Doch genau eine solche Relativierung ist jetzt dringend angezeigt. "Relativieren" bedeutet ja zunächst, ein Ereignis zu etwas anderem in Verbindung zu setzen. Eine erste solche Relativierung ist hier z.B., dass die Wut des Täters sich eigentlich gegen den Mitarbeiter eines Beschäftigungsträgers richtete, der nur zufällig nicht in seinem Büro war. Dieser Mitarbeiter hätte theoretisch auch ich sein können, denn ich habe selbst schon als Sozialpädagoge in den zu Recht berüchtigten Zwangsmaßnahmen der Jobcenter gearbeitet und z.B. dort auch den Teilnehmern solche Datenschutzerklärungen zur Unterschrift vorgelegt. Und ich habe auch schon einen Teilnehmer, der ein Messer bei sich führte, Hausverbot erteilt, weil andere sich durch ihn bedroht fühlten.

Diese eigene Betroffenheit erlaubt es mir wohl, weitere Relativierungen vorzunehmen und schützt mich vor dem Vorwurf, ich würde die Tat oder die Schuld des Täters herunterspielen wollen. Obgleich es sogar stimmt: Die Schuld des Täters interessiert mich wirklich nicht besonders. Auch ob er nun wegen Mordes oder Todschlag verurteilt wird oder in der Forensik landet, wird wenig Einfluss auf die künftige Sicherheit der Mitarbeiter in Jobcentern und bei den Maßnahmeträgern haben.

Bild: Bundesagentur für Arbeit

Mich interessiert vielmehr, ob und wie in Zukunft die Wahrscheinlichkeit solcher Tragödien vermindert werden kann. Und zwar realpolitisch: Denn die sinnvollste Lösung wäre sicher, die Jobcenter einfach zu schließen und Hartz 4 durch eine sanktionsfreie Existenzsicherung abzulösen. Oder diese mindestens von Grund auf umzustrukturieren: von einer Verfolgungsbehörde zu einem Ort, den man freiwillig aufsucht, weil man hier echte Förderung erhoffen darf.

Aber da solches derzeit (noch) nicht durchsetzbar ist, lautet meine Frage, wie unter den gegenwärtigen Möglichkeiten der Brennpunkt Jobcenter entschärft werden kann.

Schweigeminute während eines Bewerbungsgespräches

Am Donnerstag um 9:00 Uhr hatte ich ein Vorstellungsgespräch - bei einem Beschäftigungsträger in Düren. Wir unterbrachen das Gespräch und nahmen an der bundesweiten Schweigeminute der Jobcenter teil. Die Leiterin meinte danach: Hoffentlich igeln sich die Jobcenter jetzt nicht noch mehr ein.

Genau das ist jetzt eine berechtigte Sorge. Das Ansehen von JC-Mitarbeitern ist in der Öffentlichkeit heute mindestens so schlecht, wie das der Hartz4-Empfänger. Als Betreiber der Erwerbsloseninitiative Joycenter.net veröffentlichte ich einmal eine Telefonliste der JC-Mitarbeiter in der Städteregion Aachen. Sofort gab es etliche Beschwerden: Die Mitarbeiter wollten nicht, dass öffentlich bekannt wird, wo sie arbeiten!

In einem sehenswerten Film aus der ZDF-Reihe Das kleine Fernsehspiel mit dem Titel "Die Vermittler" berichten Fallmanager, dass sie im Bekanntenkreis ihren Arbeitgeber verheimlichen und lieber erzählen, dass sie einen "langweiligen Verwaltungsjob" machten.

Die Unfallperspektive

Anders als die von den Ermittlern und der Bundesagentur eingenommene Perspektive der Schuld sucht die Unfallperspektive nicht nach Vergeltung oder Rache, sondern nach Lösungen. Das Auto ist gefährlich, aber nicht "böse". Die Leiter, von der man fallen kann, muss nicht bestraft, sondern sicher aufgestellt werden.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, schon gar nicht, wenn man es mit lebenden Systemen zu tun hat. Der Autor und Verleger Fritz B. Simon hat einmal versucht, die systemische Perspektive mit folgendem Beispiel zu verdeutlichen:

Wenn du ein Geschoss auf eine Glasscheibe abfeuerst, kannst du genau berechnen, bei welcher Flugbahn und aufgewendeter Kraft diese Scheibe zerbricht. Wirfst du dagegen einen Stein auf einen Hund, ist es mit der genauen Berechnung vorbei. Es kann sein, dass der Hund dann wegläuft, es kann auch sein, dass er dich beißt. Mit anderen Worten: "Wahrscheinlicheitsaussagen treten an die Stelle deterministischer Vorhersagen".

Das ist ja das große Problem etwa der Sozialarbeit: Es ist immer wieder leicht, uns nachzuweisen, dass wir uns in einer Angelegenheit "geirrt" haben. Während für den Techniker gilt "Was schief gehen kann, geht schief", müssen wir eben immer wieder mit dem Risiko leben, dass etwas, was wir tun, schief gehen kann, hoffentlich aber nicht schief gehen wird. Während für den Techniker gilt "Safety first", hieße dies für uns, alle Menschen sicherheitshalber einzusperren.

Seit ich vor nun schon fast 40 Jahren von meinen damaligen Kollegen ausgewählt wurde, dass ausgerechnet ich, der mit 17 Jahren damals jüngste Justizvollzugsbeamte in NRW, einem gewaltbereiten Strafgefangenen mitteilen sollte, dass er — eben wegen seiner Gewaltbereitschaft - aus der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen, einem Modellprojekt, wieder in den Regelvollzug verlegt würde, habe ich unzählige gefährliche Situationen erlebt und überlebt und darf mich daher heute wohl einen Fachmann in Sachen Deeskalation nennen.

Ein Rat, den ich jungen Kollegen immer wieder gebe, ist, bei Auseinandersetzungen auf keine Weise, auch nicht mental, zu versuchen, auf die institutionell verliehene Macht zu setzen. Sie ist nämlich bei einem wütenden Menschen nicht relevant.

Seit dem Tod von Irene N. frage ich mich immer wieder, ob der Täter mich auch mit dem Messer angegriffen hätte. Zunächst sagte ich mir: Selbstverständlich. Denn offenbar ging doch alles so schnell, der Täter ging scheinbar ohne Vorwarnung auf sein Opfer los. Welche Chance hätte ich da gehabt, ihn zu stoppen?

Doch inzwischen sage ich: "Wahrscheinlich hätte er mich nicht getötet. Denn, wie man der Pressekonferenz entnehmen kann, kochte der Täter vor Wut. Er hatte schlaflose Nächte hinter sich. Wut und schlaflose Nächte haben sich doch wohl im Verhalten des Täters gezeigt? Er ist ja auch nicht einfach ins Büro gestürmt und hat zugestochen. Er wartete lt. dem Ermittler sogar ein paar Minuten, bis er vorgelassen wurde.

Eine der wichtigsten Regeln aus der s.g. Psychodrama-Therapie lautet: Störungen haben Vorrang. Offensichtlich hat Irene N. versucht, diese Störung abzustellen, statt ihr den nötigen Vorrang einzuräumen. Und sie hat dazu quasi von ihrem "Hausrecht" Gebrauch gemacht: sie hat versucht, den Täter vor die Tür zu setzen. Das war nicht nur ihr gutes Recht. Das war sicher auch, was von ihren Vorgesetzten erwartet wurde.

Irene N. tat also ihre Pflicht, während ich in ihrer Situation wahrscheinlich gegen die Regel (Gespräche nur nach Termin) verstoßen hätte und mir dafür anschließend Ärger mit meinen Vorgesetzten eingehandelt hätte. Der letzte Teil des Satzes ist wichtig: Hier soll nämlich keinesfalls versucht werden, dem Opfer die Schuld in die Schuhe zu schieben. Vielmehr gehört von Seiten der Institution, hier Jobcenter, mehr dazu, als nur "Deeskalations-Seminare" anzubieten, um Gewalt unwahrscheinlich zu machen.

Auch wenn ich hier die ganze Zeit von "Täter" und "Opfer" spreche: In jeder Kommunikation ist immer jeder auch "Täter"! Die Relativierung, die ich hier vornehme, macht eben auch Herrn Alt von der Bundesagentur für Arbeit zum Täter! Vielleicht weiß er das auch und das ist der eigentliche Grund, warum er solche Relativierungen um jeden Preis verhindern will.

Während einer Pressekonferenz in Aachen, in der der Geschäftsführer des Jobcenters der Städteregion, Stefan Graaf, einen geplanten Jobcenterneubau vorgestellt hat, machte ich Vorschläge, die den Brennpunkt Jobcenter entschärfen könnten:

  • Ein Aufenthaltscharakter des Platzes vor dem Jobcenter,
  • eine deeskalierende Architektur,
  • verdeckte Sicherheitsmaßnahmen statt provozierender "Kleiderschränke",
  • ene Kinderspielecke im Eingangsbereich und schließlich
  • eine sichtbare Präsenz von Beratungsstellen und Erwerbsloseninitiativen im Eingangsbereich.

Gerade der letzte Punkt dürfte die Stimmung und damit die Sicherheit aller Beteiligten im Jobcenter erheblich verbessern. Wenn ein Betroffener sieht, dass Leute, die er als auf seiner Seite stehend wahrnimmt, für ihn sofort ansprechbar im Eingangsbereich präsent sind, dürften viele Konflikte entschärft werden, dürften Störungen den Raum bekommen, den sie benötigen. Noch fühlen sich viele Jobcentermitarbeiter von den Beiständen der Erwerbsloseninitiativen und Beratungsstellen, eher angegriffen, weil wir schließlich den Hartz-4-Empfänger stärken und das oft Mehrarbeit bedeutet, in einer eh schon überlasteten Arbeits-Situation.

Es ist zu hoffen, dass nach dem tragischen Tod in Neuss, die Jobcenter sich nicht noch weiter verschanzen, sondern auf alle Beteiligten zugehen, um gemeinsam Lösungen zu finden, die eine Wiederholung zwar nicht verhindern, aber doch sehr viel unwahrscheinlicher machen können. Stefan Graaf ist nicht nur Geschäftsführer der Jobcenter in der Städteregion Aachen, sondern auch Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Jobcenter von Nordrhein-Westfalen. Würde er sich für eine Präsenz von Erwerbsloseninitiativen und Beratungsstellen innerhalb der Gebäude der Jobcenter stark machen, wäre das ein kleiner Etappensieg auf dem Weg, die Brennpunkte Jobcenter zu entschärfen und für alle Beteiligten weniger bedrohlich zu machen.

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