Israelische Luftwaffe schoss Drohne über der Negev-Wüste ab

09.10.2012

Nach bereits mehrmaligen Ansätzen hat die vermutlich von der Hisbollah gestartete Drohne Israel in Unruhe versetzt

Bislang werden Drohnen, allen voran bewaffnete, von Staaten gegen nichtstaatliche Akteure oder zur Überwachung von Grenzen verwendet. Schon lange ist aber klar, dass die in asymmetrischen Konflikten auch durch Drohnen hergestellte Überlegenheit sich umkehren kann. Gegner können mit Drohnen nicht nur Orte heimlich auskundschaften, sondern etwa auch Anschläge ausführen.

Schon 2004 gab es den ersten Hinweis darauf, dass sich die Verhältnisse verändern könnten, als die Hisbollah aus dem Libanon eine vermutlich aus dem Iran stammende Drohnen über Israel, einem der führenden Länder in der Drohnentechnologie, fliegen ließ (Wettrüsten in "asymmetrischen Konflikten"). Im Libanon-Krieg gegen die Hisbollah schoss die israelische Luftwaffe 2006 zwei Drohnen ab (Asymmetrische Kriege). Iran hat kürzlich angekündigt, auch bewaffnete Drohnen zu bauen.

Screenshot des Videos, das die israelischen Streitkräfte vom Abschuss der Drohne veröffentlicht haben.

Am vergangenen Samstag schoss die israelische Luftwaffe erneut eine Drohne südlich vom Berg Hebron ab. Vermutet wird, dass es sich wieder um eine in Iran gebaute Drohne handelte, die von Hisbollah gestartet wurde. Wieder flog sie vom Mittelmeer in der Nähe des Gazastreifens nach Israel, in Richtung des Reaktors Dimona, mit dem das Land das nukleare Material für seine Atomwaffen produzieren soll. Offiziell hat Israel nie bestätigt, über Atomwaffen zu verfügen, aber es ist ein offenes Geheimnis, das natürlich auch zur Abschreckung dient, gleichzeitig aber auch die arabischen Staaten ermuntert, ebenfalls Atomwaffen herstellen zu können oder zumindest zur Verfügung zu haben.

Die Luftwaffe hat nach Medienberichten noch über dem Mittelmeer die Drohne entdeckt und eine Zeitlang verfolgt. Aus Sicherheitsgründen sei sie dann über dem Yatir-Wald in der nördlichen Negev-Wüste, in einer unbewohnten Gegend, abgeschossen worden. Wie ein von der Armee veröffentlichtes Video nahelegt, wurde die Drohne von einem Kampfflugzeug abgeschossen. Vermutet wird, dass die Hisbollah - oder der Iran - die israelische Überwachung des Luftraums sowie die Reaktion testen wollte. Möglicherweise sollte die Drohne auch Bilder vom Reaktor machen, vielleicht für einen künftigen Anschlag. In erwartbarer Reaktion auf den Vorfall drangen israelische Kampfflugzeuge lautstark und im Tiefflug in den libanesischen Luftraum ein. Damit sollte wohl nicht nur Aufklärung geleistet, sondern vor allem gedroht werden.

Zudem hat das israelische Militär Patriot-Raketenabwehrsysteme im Norden stationiert, um die Menschen im Land zu beruhigen. Was bislang noch abgewiegelt werden konnte und auch sonst noch nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen zu sein scheint, ist nun allen klar: Die Hisbollah - oder andere Gruppen in anderen Ländern - könnte auch mit Sprengstoff gefüllte oder mit Waffen ausgestattete Drohnen als Ersatz für Selbstmordattentäter verwenden, um Anschläge auf beliebige Ziele in Israel zu machen. Und wenn nicht nur eine, sondern gleichzeitig viele Drohnen geschickt werden, könnte es schwierig werden, alle zu erkennen und rechtzeitig abzuschießen. Schon allein, dass die Hisbollah die Aufmerksamkeit auf die neue Bedrohung gelenkt hat, stellt für sie einen großen Erfolg dar, auch wenn die Drohne abgeschossen wurde. "Im nächsten Krieg wird es zu Anschlägen mit syrischen oder iranischen Drohnen kommen", warnte denn auch ein israelischer Ex-Luftwaffenoffizier.

Iranische Medien wiesen hingegen zurück, dass es sich um eine iranische Drohne gehandelt habe. Schadenfroh unterstellte man Fehler in der israelischen Luftabwehr, weil die Drohne erst weit in Israel abgeschossen wurde, Unfähigkeit, auf ein überraschendes Ereignis schnell zu reagieren, oder erklärte wie ein libanesischer Ex-Offizier, es sei versehentlich eine US-Drohne abgeschossen worden. Der Fernsehsender A-Manar, Sprachroh für die Hisbollah, berichtete zwar über den Vorfall, sagte aber nichts darüber, ob die Gruppe dahinter stand. Würde man sich explizit verantwortlich zeigen, könnte dies Angriffe des israelischen Militärs zur Folge haben. Aber die Botschaft ist auch ohne genannten Absender klar.

Man sei sich über die technischen Fähigkeiten von Iran und der Hisbollah im Klaren, versicherte ein anonym bleibender Sicherheitsoffizier Ynet. Die Frage sei, wie man auf solch ein Eindringen einer Drohne reagieren solle, also ob "dies mit dem Abfeuern einer Rakete aus dem Libanon gleichgesetzt werden sollte, worauf die unmittelbare Reaktion stets gewesen sei, Ziele im Südlibanon mit Artillerie oder Luftschlägen anzugreifen".

Warum Israel, nachdem bereits mehrmals Hisbollah-Drohnen über Israel geflogen sind bzw. abgeschossen wurden, nicht bewusst gewesen sein soll, wie Ynet berichtet, dass die von Iran unterstützte Organisation die notwendige Technik besitze, eine Drohne aus so großer Entfernung zu steuern, mutet seltsam an. Im Hintergrund steht die durchaus interessante Frage, ob die Drohne einen vorprogrammierten Flug mit einem GPS-System flog und so entweder zurückfliegen oder über dem Meer nach vollbrachter Aktion zur Explosion gebracht werden sollte - oder ob sie tatsächlich vom Libanon aus ferngesteuert wurde.

Mit dem beginnenden Roboterkriegen und vor allem mit dem Einsatz von Drohnen und den Folgen beschäftigt sich auch das unlängst erschienene, von Hans-Arthur Marsiske herausgegebene Telepolis-Buch: Kriegsmaschinen. Roboter im Militäreinsatz. Das Buch beleuchtet das Thema aus der Perspektive von Sozial- und Naturwissenschaftlern, Philosophen und Schriftstellern. In 18 Essays, Interviews und Erzählungen wird der Frage auf den Grund gegangen, was genau da eigentlich passiert - und ob sich die Entwicklung überhaupt noch stoppen lässt.

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