"Burnout ist die Krankheit der Digitalisierung"

19.10.2012

Patrick Kury über das Ausgebrannt- und Gestresst-Sein als Selbsttechnologie der Anpassung

Nach aktuellen Zahlen der Bundespsychotherapeutenkammer ist die Anzahl der Krankschreibungen wegen Burnout in Deutschland seit dem Jahr 2004 um eindrucksvolle 700 Prozent gestiegen. Mediziner sehen im Burnout keine Krankheit im eigentlichen Sinn, sondern einen Zustand völliger Erschöpfung. Aber warum fühlen sich immer mehr Menschen erschöpft und ausgebrannt?

Patrick Kury nähert sich den Phänomenen Stress und Burnout (kultur-)historisch. In seinem gerade erschienenen Buch "Der überforderte Mensch" zeigt er unter anderem, dass Stress keineswegs so alt und grundlegend ist, wie er uns heute scheint. Vielmehr entstand der Begriff im Zweiten Weltkrieg und war damals noch eng mit traumatisierenden Kriegserfahrungen verbunden. Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre wurde Stress zum Alltagsphänomen und zunehmend auf die Arbeit bezogen. Was wir unter "Stress" verstehen, war vorangegangenen Generationen unbekannt. Wie ist das möglich, wenn sie doch durch wirtschaftliche Unsicherheit, Epidemien und Kriege ebenfalls großen, vielleicht größeren Belastungen ausgesetzt waren? Wenn jede Epoche die Krankheiten hat, die sie verdient – womit haben wir Stress und Burnout verdient?

Herr Doktor Kury, in Ihrem Buch beschreiben Sie die "diskursive Explosion von Stress". Seit den späten 1970er Jahren verbreitet sich das Reden über Stress immer weiter. Seit der Jahrtausendwende scheint in Deutschland die Diagnose Burnout allgegenwärtig. Warum?

Patrick Kury: Seit den 1970er Jahren, insbesondere seit den 1990er Jahren leben wir in einer dynamischen, sich beschleunigenden Epoche: Die Arbeit verändert sich rasant. Freizeit und Arbeitszeit lassen sich nicht mehr so einfach auseinander halten. Entsprechende Kommunikationstechniken haben sich entwickelt und finden Verwendung. All das belastet die Menschen und schreit nach Begriffen, um die Auswirkungen auf die Menschen ausdrücken. Der Begriff Stress erlaubt es, vom Leiden unter der Flexibilisierung und Beschleunigung zu sprechen. Man muss diese Entwicklung allerdings auch in einer historischen Perspektive betrachten. Jede Epoche produziert ihre eigenen Zivilisationskrankheiten und Burnout ist die Krankheit der Dienstleistungsgesellschaft. Mit Zivilisationskrankheiten meine ich Konzepte wie die "Managerkrankheit", "Stress" und "Burnout". Sie bilden eine Art semantische Hülle: Diese Begriffe sind offen, so dass die Menschen sie mit ihrem Unbehagen an den Lebensbedingungen und ihren körperlichen Leiden auffüllen können.

Die körperlichen, vor allem die hormonellen Funktionszusammenhänge von Stress sind ja gut erforscht, etwa das Zusammenspiel von Adrenalin, Serotonin und Cortisol. Wo kommt da Ihrer Ansicht die Kultur ins Spiel?

Patrick Kury: Diese Gegenüberstellung – einerseits ein biochemischer Vorgang und andererseits seine kulturelle Deutung – finde ich falsch. Beide Seiten von Krankheit sind untrennbar verwoben. Die medizinisch-naturwissenschaftliche Stress-Forschung begann in den 1930er Jahren, vor allem in Kanada. Etwa zur gleichen Zeit fingen US-amerikanische Militärmediziner an, diesen Ausdruck zu benutzen, um bestimmte Leiden ihrer Patienten zu bezeichnen, obwohl die physiologischen Grundlagen und das hormonelle Konzept damals noch nicht existierten. Psychiater benutzten das Konzept Stress also bereits, bevor irgendwelche hormonelle Zusammenhänge bekannt waren. Hier war die "kulturelle Bedeutung" sozusagen zuerst da!

Bei der Hormonforschung wiederum war es umgekehrt: Der Mediziner Hans Seyle entdeckte das "Allgemeine Anpassungs-Syndrom", einen hormonellen Ablauf im Körper, der bei jeder körperlichen Herausforderung festgestellt werden kann. Erst später brachte er diese Vorgänge mit dem Begriff Stress in Verbindung.

Zivilisationskrankheiten sind nicht "bloß eingebildet"

Sie beschreiben auch die sogenannte Managerkrankheit, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg grassierte. Zeitgenössisch wurde sie auch "Hetzseuche" genannt und war sozusagen ein Vorläufer von Stress. Wie der Name schon sagt, galt das eindeutig als Leiden einer männlichen Elite, die angeblich zu schwer an ihrer Verantwortung trug. Die Belastungskrankheit von heute, der Burnout, ist dagegen in der medialen Darstellung eher weiblich besetzt, als eine Krankheit der "Kümmerer", die sich nicht erfolgreichen "abgrenzen" ...

Patrick Kury: Menschen in Pflege- und erzieherischen Berufen waren als erste vom Burnout betroffen und anhand solcher Fälle wurde das Syndrom zum ersten Mal medizinisch beschrieben. Aber seit den späten 1990er Jahren greift das Phänomen über auf immer mehr Berufsfelder. Meiner Wahrnehmung nach ist Burnout mittlerweile auch in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Krankheit von Männern und Frauen gleichermaßen geworden. Solche geschlechtlichen Klischees waren tatsächlich im Schwange, aber sie geben die Wirklichkeit nicht adäquat wieder. Das gilt auch für die elitäre Dimension der "Managerkrankheit", denn von der waren keineswegs nur Manager betroffen. Wenn man sich die Fallbeispiele in den medizinischen Aufsätzen anschaut, tauchen da Straßenbahnschaffner oder normale Arbeiter und Angestellte auf!

Zwischen dem öffentlichen Image einer Krankheit und den Merkmalen der tatsächlich Betroffenen kann offenbar eine Lücke klaffen. Heute leidet niemand mehr an der Managerkrankheit, dafür fühlt sich jeder dritte ausgebrannt. Wie ist das zu erklären – haben auch die Krankheiten ihre Modewellen?

Patrick Kury: Es wäre ganz falsch, die Zivilisationskrankheiten abzutun als "bloß eingebildet" oder "rein diskursive" Angelegenheiten. Die Leute leiden! Aber die Leute litten eben auch unter den Belastungskrankheiten, die im Laufe des 20. Jahrhunderts auftraten und Namen trugen wie "vegetative Dystonie" oder "Managerkrankheit".

Die früheste Form der Belastungskrankheiten war wohl die Neurasthenie, die sich seit den 1880er Jahren verbreitete. Das war eine Nervenschwäche mit diversen Symptomen, die damals auf die neuen elektrischen Verkehrs- und Kommunikationstechniken zurückgeführt wurde. Die Neurasthenie war eng an den technischen Zusammenhang des Stromkreislaufs gekoppelt. Die Managerkrankheit wiederum, bei der das Herzkreislauf-System zusammenbrach, wurde zeitgenössisch mit der Automatisierung verbunden. Burnout ist die Krankheit der Digitalisierung, die auf das Nichtfunktionieren der Botenstoffen im Gehirn zurückgeführt wird.

.Es gibt eben weniger Staublunge, dafür mehr Depressionen

Vielen Psychologen gilt Burnout in erster Linie als Reaktion auf fehlende Anerkennung oder auf eine "emotionale Überarbeitung", wie sie die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild beschrieben hat. Inwieweit ist diese "psychosoziale Dimension" neu?

Patrick Kury: Die fehlende Gratifikation ist sicher ein Merkmal. Aber es leiden keineswegs nur diejenigen unter Stress, die für ihre Leistung nicht angemessen bezahlt oder anerkannt werden. Fehlende Anerkennung gab es in jeder Epoche. Wie gesagt, Burnout ist die Krankheit einer Dienstleistungsgesellschaft, in der die Belastungen andere geworden sind. Wenn man sich die Statistiken anschaut, zeigt sich, dass alle Gründe für Verrentung rückläufig sind außer den psychischen Krankheiten. Es gibt eben weniger Staublunge, dafür mehr Depressionen.

Im Jahr 1977 nahm "Der Spiegel" den Selbstmord eines deutschen Oberschülers zum Anlass für seine Titelgeschichte "Stress – Neue Krankheit des Jahrhunderts". In der historischen Distanz wirkt die Etikettierung merkwürdig; heute würde kaum jemand einen Selbstmord auf Stress zurückführen. Der betreffende Schüler mag ja unter allem möglichen gelitten haben, unter Leistungsdruck, zu wenig Anerkennung, Kränkung, Einsamkeit. Sie nennen Stress "ein ätiologisches Passepartout", ein Schema, um alle möglichen Leiden zu erklären.

Patrick Kury: Dass das Konzept so ungemein erfolgreich war, liegt gerade an dieser Unbestimmtheit. Die Konzeption kann sozialkritisch oder kulturkritisch oder auf irgendeine andere Art gefüllt werden. Schon im ursprünglichen Konzept ist diese Unbestimmtheit angelegt; schließlich wird jede körperliche Herausforderung als Stress verstanden wird, ob nun eine positive oder negative. Zu Beginn wurde Stress nicht notwendigerweise als schädlich begriffen. Das gegenwärtige negative Verständnis setzt sich erst allmählich durch und heutzutage führt beispielsweise die WHO eine Vielzahl von gesundheitlichen Schädigungen auf Stress zurück. Wie viel das zur Klärung der Ursachen beiträgt, steht auf einem anderen Blatt.

Wer "ausgebrannt" ist, muss "gebrannt" haben und scheint ein Leistungsträger gewesen zu sein

Sie führen die Stress- und Burnout-Epidemie auf steigende Belastungen zurück. Das sagt aber nichts darüber aus, wie die Menschen mit diesen Belastungen umgehen. Sie könnten mit ihren Leiden ja statt zum Arzt zum Priester oder ihrem Ehepartner gehen. Anders gefragt: Wie viel Vergesellschaftung und Professionalisierung steckt in dieser Entwicklung, dass Belastungen zur Sache der Mediziner und Therapeuten werden?

Patrick Kury: Sicher hängt Aufstieg des Allround-Begriffs Stress eng mit dem Aufstieg der Psychologie zusammen. Der Boom setzte in Deutschland erst in den 1970er Jahren ein, im internationalen Vergleich spät, was unter anderem daran lag, dass die deutsche Hormonforschung wegen der Vertreibungspolitik der Nazis ins Hintertreffen geraten war. Damals wurden psychologische Begriffe Allgemeingut; die Gesellschaft "therapeutisierte" sich. Gleichzeitig konnten sich Psychologen mit der Vorbeugung und Behandlung von Stress neue Arbeitsfelder erschließen.

Die Zivilisationskrankheiten bieten Möglichkeiten, um sein Leid und seine Belastung auszudrücken. Das geschieht dann aber unter dem Vorzeichen einer Krankheit. Warum?

Patrick Kury: In einer sich beschleunigenden Leistungsgesellschaft hat man entweder Erfolg oder nicht. Stress in erster Linie als körperliches Leiden zu begreifen, dient der Rechtfertigung, wenn man keinen Erfolg hat. Einen Burnout zu haben, gilt als legitimer Ausstieg. Die Symptome von der Depression zu unterscheiden, ist ja in Wirklichkeit äußerst schwer. Aber das Etikett Burnout ist weit weniger stigmatisierend. Wer ausgebrannt ist, muss notwendigerweise einmal für irgendetwas gebrannt haben, ein Leistungsträger gewesen sein!

Gestresst und ausgebrannt zu sein, hat Ihrer Ansicht nach ein tendenziell positives Image?

Patrick Kury: Ja. Schon mit dem Etikett Managerkrankheit lief man nicht Gefahr, diskriminiert zu werden, weil man Schwäche zeigte. Das aber ist eine zwiespältige Sache. Das Reden über Stress entlastet, weil sich ein Leistungsabfall oder ein Misserfolg rechtfertigen lassen. Damit sagt man einerseits: "Ich brauche eine Pause!" Aber die andere Seite ist die der Prävention. Eine gigantische Industrie bietet Maßnahmen und Hilfe an, um einem Burnout vorzubeugen. Wir werden ständig aufgefordert, das große Angebot an Selbsttechnologien zu nutzen, die einen befähigen sollen, seinen Stress erfolgreich "zu managen". Dass beides möglich ist, erklärt den großen Erfolg dieser Begriffe.

Allerdings werden gesellschaftliche Problemlagen so sozusagen "entvergesellschaftet"; die Individuen sollen ihren Stress alleine bewältigen. Im Reden über Stress ist auch eine fortwährende Anpassungsleistung angelegt. Als Krankheitsursache verstanden drückt er ebenso Auflehnung gegen die Leistungsgesellschaft aus wie die Anpassung an sie.

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