Wie lange lässt sich der Tod hinausschieben?
Durch nichtgenetische Veränderungen ist die Lebenserwartung von Menschen in den reichen Industriestaaten in nur vier Generationen um 165 Prozent gestiegen - und sie wird weiterhin ansteigen
Die Lebenserwartung steigt weltweit an. Die Menschen werden älter, manche Gesellschaftvergreisen. Eine Lebenserwartung von über 80 Jahren ist in vielen der Industriestaaten schon erreicht. Seit 1900 ist die Lebenserwartung deutlich und kontinuierlich angestiegen. Innerhalb von nur vier Generationen von insgesamt 8.000 Generationen der Menschheit fand der Großteil der Lebenszeitverlängerung statt, so ein internationales Forscherteam. Besonders in jungen Jahren sind die Unterschiede enorm. Bis zum Alter von 15 Jahren ist die Sterbewahrscheinlichkeit Jäger-und-Sammler-Völkern um hundertmal höher als heute in Schweden oder Japan - und zehnmal höher für die gesamte Lebensspanne.
Ist der Tod eine Krankheit, die behandelt werden kann? Gibt es für jede Art ein Höchstalter? Wie weit lässt der Tod hinausschieben? Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung, vom Institute of Public Health der Universität Süddänemark und vom Duke Population Research Institute der Duke University haben ausgehend von der Mortalität von Jäger-und-Sammler-Völkern versucht, die unterschiedliche durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen in verschiedenen Kulturen und Zeiten zu erfassen. Ihre Studie ist in PNAS erschienen.
Errklärungsbedürftig ist für die Wissenschaftler die schnelle Veränderung der menschlichen Mortalität im "evolutionären Kontext" und für eine evolutionäre Theorie des Alterns. Der Ansatz nennt sich vergleichende Biodemografie, in der die "fundamentalen demografischen Muster" herausgefunden und "evolutionäre Erklärungen für ihre Variabilität" entwickelt werden sollen.
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Zunächst verglichen sie die Populationen mit einer niedrigen Mortalität mit der Lebenserwartung von jetzt lebenden Jäger-und-Sammler-Völkern, die für Populationen in früheren Zeiten stehen. Beachtenswert ist, dass die Lebenserwartung etwa von (seit langer Zeit sesshaften) Schweden um 1800 herum mit 32 Jahren kaum länger als die von Jäger-und-Sammlern mit durchschnittlich 31 Jahren. Letztere reicht von einem Minimum von 21 Jahren bis zu einem Maximum von 37 Jahren bei unterschiedlichen Völkern. Um 1900 war die Lebenserwartung der Schweden bereits auf 52 Jahre gestiegen, jetzt liegt sie bei 82 Jahren. So ist gewissermaßen die Jäger-und-Sammlern eigene Lebenserwartung seit 1800 mit einer Rate von 12 Prozent pro Generation um insgesamt 165 Prozent bis zu den zeitgenössischen Schweden angestiegen.
Die Wissenschaftler warten mit vielen weiteren Vergleichen auf. So liegt die jährliche Sterbewahrscheinlichkeit bei einem 65-jährigen Jäger und Sammler bei 5,3 Prozent, bei einem gleichaltrigen Japaner aber nur noch bei 0,8 Prozent. Noch drastischer wird der Unterschied, wenn es heißt, dass ein 30-jähriger Angehöriger eines Jäger-und-Sammler-Volks dieselbe Sterbewahrscheinlichkeit wie ein 72-jähriger Japaner hat. Daher wäre das Alter eines 72-jährigen Japaners relativ zu Jäger und Sammlern eigentlich erst 30 Jahre.
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Die durchschnittliche Mortalität von Jäger-und-Sammlern ist deutlich näher bei der von frei lebenden Schimpansen, unseren engsten Verwandten, als bei den Menschen in Schweden oder Japan. Das ist insofern bedeutsam, weil bereits die Mortalität von Jäger und Sammlern im Vergleich zu anderen Säugetieren, insbesondere wenn die Größe berücksichtigt wird, schon deutlicher geringer ist. Schon der kleine Unterschied zwischen Schimpansen und Jägern und Sammlern hat sich über eine Evolutionsgeschichte von mehr als 6 Millionen Jahren entwickelt.
Die Forscher verglichen die schnelle Erhöhung der Lebenserwartung der Menschen auch mit der von Tieren, die unter Laborbedingungen zu einem höheren Alter gezüchtet wurden. Bei Fruchtfliegen konnte das durchschnittliche Lebensalter in einem Versuch innerhalb von 15 Generationen beispielsweise um 30 Prozent(2 Prozent pro Generation) erhöht werden, in einem anderen sogar in 13 Generationen um 100 Prozent (5 Prozent pro Generation). Das ist aber nichts gegen die 165 Prozent seit 1800 oder 12 Prozent pro Generation bei Menschen.
Zwar konnten durch Mutationen oder Reduzierung der Nahrungsaufnahme die Lebenserwartung von Nematoden-Würmern um 100-200 Prozent, von Fruchtfliegen um 85-100 Prozent und von Mäusen um 50 Prozent erhöht werden, aber die Plastizität der Lebenswartung von Menschen übersteigt meist die Erfolge dieser Experimente und ist, so die Forscher, nicht auf Mutationen, sondern praktisch vollständig auf Veränderungen der Umwelt zurückzuführen, beispielsweise auf die Behandlung von Verletzungen und Krankheiten, besserer Ernährung, besserer Bildung, besseren Lebens- und Wohnverhältnissen, also letztlich durch Technik. Der Körper selbst spielt dabei eine geringere Rolle, vermutlich könnte auch bei anderen Säugetieren unter ähnlichen Bedingungen die Lebenserwartung deutlich ansteigen.
Für James Vaupel, Lead-Autor der Studie und Direktor des Max-Planck-Institut für demografische Forschung, ist noch kein biologisches Höchstalter zu erkennen, wie er Telepolis sagte: "Es gibt keinen Beweis, dass sich die Lebenserwartung einer drohenden Grenze nähert. Die Lebenserwartung wird wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten weiter um etwa drei Monate pro Jahr erhöhen."
Für die Forscher ist die Plastizität der menschlichen Lebenserwartung jedenfalls ein Problem für die bisher gepflegte Evolutionstheorie des Alterns. Hier geht man davon aus, dass die Mortalität in höherem Alter durch zunehmend schädliche Mutationen verursacht wird. Das aber sei kaum vereinbar mit der festgestellten, umweltbedingten Plastizität der Mortalität in allen Altersstufen. "Warum", so fragen die Forscher, "gibt das menschliche Genom den Menschen eine Lizenz, drastisch die Mortalität durch nichtgenetische Veränderungen zu reduzieren? Gibt es bei anderen Arten vergleichbare Größen der Plastizität? Wie lange kann die Lebenserwartung noch steigen und durch welche Mittel?" Das wüssten wir natürlich auch gerne …
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37819/1.html- Blödsinn (18.10.2012 13:29)
- Re: Die Wikipedia lebt vom Wissen aller (18.10.2012 12:34)
- Ach ja: Hat das Selbstbewusstsein im Gehirn loaklisierbar? (17.10.2012 19:03)
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