Die Revolutionäre und die Konterrevolutionäre der Energiewende

16.10.2012

Ein Kommentar

Als Angela Merkel nach Fukushima die Energiewende ausrief, galt das zu Recht als revolutionäre Tat. Die hundertprozentige Umstellung der fossil-atomaren Energiewirtschaft auf ein neues Energiezeitalter ist revolutionär und mutig. Doch wo sich eine Revolution abzeichnet, regt sich auch die Konterrevolution.

Die Kanzlerin wusste damals, dass ihr etwa ein Drittel ihrer Partei folgen wird, ein Drittel dagegen und ein weiteres Drittel neutral war. Röslers FDP macht sowieso nur, was die alte Energiewirtschaft will.

Die Bedenkenträger, die Interessenvertreter der alten Energiewirtschaft und die Konterrevolutionäre, sehen in diesen Tagen der Strompreisdiskussion ihre Stunde gekommen. In Zeiten des Zweifels und Angstmachens wird unendlich viel energiepolitischer Unsinn geredet und geschrieben. Die Energiewende sei zu teuer, zu unsozial und überhaupt nicht machbar.

Die Süddeutsche Zeitung meint hingegen zu Recht: "Zweifler und Zauderer haben noch nie große Geschichte geschrieben. Für Wandel braucht es Mut und Durchhaltevermögen." Richtig ist, dass es einen exakten Fahrplan für die Energiewende nicht geben kann. Richtig ist aber auch, dass das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz weltweit das effektivste und erfolgreichste Instrument zum raschen Umstieg auf die erneuerbaren Energien ist und deshalb von 59 Ländern in seiner Intention übernommen wurde. Die neuesten Erfolgszahlen auf der Basis des EEG: Im Herbst 2012 werden in Deutschland bereits 27 % des Stroms ökologisch erzeugt. 2011 waren es noch 20 %.

Wenn die Kosten des EEG eine soziale Schieflage aufzeigen, dann kann und muss dieses Gesetz nachgebessert, aber doch nicht abgeschafft werden, verehrter Herr Rösler. Denn eine Wende weg von der Wende sollte es schon gar nicht geben.

Die Energiewende läutet die dritte industrielle Revolution ein so wie die Dampfmaschine die erste und das Auto die zweite. Auch bei früheren Umbrüchen gab es Proteste, Ängste und Bedenken. Als die erste deutsche Eisenbahn fuhr, wurde davor gewarnt, weil "die Kühe schwindsüchtig werden, wenn die Züge mit 28 Kilometern Geschwindigkeit pro Stunde durch Deutschland rasen". Als dem deutschen Kaiser Wilhelm II gemeldet wurde, dass Berta Benz mit einem Benzinauto von Mannheim nach Pforzheim gefahren sei, meinte der Kaiser: "Wir brauchen keine Autos – wir haben doch Pferde." Auf ähnlichem Niveau spielt sich zurzeit in Deutschland die Energiewende-Diskussion ab. Kein Wort über die Endlichkeit und die viel schneller steigenden Preise der alten Energieträger. Und kein Wort über die Kosten des Klimawandels. In hysterischen Zeiten wissen wir Deutsche oft wogegen wir sind, aber selten wofür.

Was ist eigentlich passiert? Der Strom wird pro Monat im Schnitt für einen Drei-Personenhaushalt um etwa fünf Euro teurer. Das sind ungefähr die Kosten für zwei Weizenbier, meinte die TAZ. Und das sollte uns eine umweltfreundliche, sichere und vom Ausland unabhängige Energieversorgung nicht wert sein? Wie lächerlich!

Die Energierevolutionäre sollten in dieser Gespenster-Diskussion endlich in die Offensive gehen und die Konterrevolutionäre in ihre Schranken weisen. Die Strompreiserhöhung wird flankiert von einer Strompreis-Lüge. Ein Problem liegt nämlich tatsächlich darin, dass die privaten Verbraucher den Strom der Großindustrie mit finanzieren müssen.

Die Wahrheit ist, dass der Strom wohl noch zwei Jahre etwas teurer werden wird – vielleicht noch um ein weiteres Weizenbier im Monat – ,aber danach preiswerter, weil Sonne und Wind keine Rechnung schicken. Schon in wenigen Jahren wird fossil-atomare Strom teurer sein das der erneuerbare. Und über die heutige Aufregung werden wir nur noch lächeln.

Franz Alt: Sonnenseite.com.

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