Das Mädchen Malala, die Mullahs und die Gunst der Stunde

17.10.2012

Failed State Pakistan: Wacht die Regierung jetzt auf?

Was ist das für ein Land? Am vergangenen Montag fand sich in der Zeitung The Dawn eine Meldung über einen Angriff auf eine Polizeistation in der Umgebung von Peshawar, einer Stadt im Nordwesten Pakistans, nicht weit von der sogenannten "Tribal Zone", den Stammesgebieten, die an Afghanistan grenzen. Mehr als 300 (!) Bewaffnete hatten sich Sonntagnacht ein mehrstündiges Feuergefecht mit Polizisten und Kräften der paramilitärischen Frontier Constabulary geliefert. Der Bericht verzeichnet sieben Tote und 12 Verletzte unter den Sicherheitskräften. Dem Polizeichef und zwei weiteren Sicherheitsbeamten wurde die Köpfe abgeschlagen. Unter den Angreifern gab angeblich es keinen Toten , nur zwei Verletzte, sie nahmen die drei Köpfe mit, 15 Kalschnikows, zwei Raketenwerfer und anderes militärisches Gerät. Das Polizeirevier wurde niedergebrannt.

Es fanden sich an dem Tag noch andere Meldungen in der Zeitung über Tote nach Angriffen in Quetta, in Belutschistan und in Karatschi. Doch war der oben genannte Bericht der finsterste. Er war es nicht nur wegen der Brutalität und Wucht, mit der die Angreifer vorgingen, sonder auch, weil in den bekannteren und teilweise auch auf das Grenzgebiet spezialisierten Medien des Landes, die online zugänglich sind, The Nation, The News, PakTribune, The Express Tribune, The Frontier Post oder auch Geo TV nichts über mögliche Hintergründe des Angriffs zu erfahren war und auch keine offizielle Reaktion, weder von der örtlichen Verwaltung, noch von der Regierung zu lesen war. Einzig, dass dem geköpften Polizeichef posthum vom Innenminister eine Tapferkeitsauszeichnung ausgeprochen wurde.

Am Montag Abend wurde dann bekannt, dass die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) die Verantwortung für den Angriff übernommen habe. Er sei aus Rache geschehen, weil die Sicherheitskräfte zuvor Razzien in Talibanausbildungslager in Peschawar durchgeführt hatten. Bei den Trauerfeierlichkeiten versprach der Informationsminister von Khyber Pakhtunkhwa, früher North-West Frontier Province, dass man bald eine Operation gegen die Terroristen durchführen werde.

Der Taliban-Sprecher, der die Tat reklamierte, die Zahl der Toten auf zehn korrigierte und außerdem von Sicherheitskräften sprach, die man entführt habe, war Ihsanullah Ihsan (Ehsanullah Ehsan oder auch Ahsanullah Ahsan geschrieben), der gleiche Mann, der auch den Mordanschlag auf die 14-Jährige Malala Yousafzai im Swat-Valley (unweit von Peschawar) als Akt der Taliban der Weltpresse verkündete ("...dann haben die Taliban keine Zukunft mehr"). Für seine Ergreifung hat der pakistanische Innenminister Rehman Malik nun eine Belohnung von umgerechnet 800.000 Euro ausgesetzt.

Taliban: Bestrafung des Mädchens war eine Pflicht

Ihsan hatte gestern verlauten lassen, dass Malala Yousafzai keine unschuldige Person sei, sondern eine "amerikanische Spionin". In einem Statement rechtfertigte er den Mordanschlag. Malana gelte, da im Juli 1997 geboren, mit 15 Jahren nicht mehr als Kind, ungeachtet dessen, ob die Pubertät schon eingesetzt habe. Nach islamischen und paschtunischen Traditionen sei es erlaubt, eine Frau, die sich als Sünderin erwiesen habe und gegen die Scharia verstoßen habe, zu bestrafen.

Dafür gebe es sogar eine Verpflichtung. Malana habe ihre gerechte Strafe erhalten, weil sie über die BBC (wo sie einen Blog veröffentlichte, Anm. d. A.) Geheimnisse der Mudschahedin und der Taliban verriet und dafür viele Belohnungen von den Zionisten erhielt. Zudem habe sie Propaganda gegen die Taliban betrieben; es gehe nicht um den Schulbesuch von Mädchen, sondern um einen Medienkrieg.

Im Bunde mit Verschwörungstheorien

An der verhältnismäßig ausführlichen Rechtfertigung ist abzulesen, dass die Taliban sich genötigt sahen, auf die öffentliche Meinung zu reagieren, die in diesem Fall in Pakistan zu einer hörbaren, vielstimmigen und entschiedenen Verurteilung des hässlichen Anschlags führte. Auch wenn die Demonstrationen für Malala Yousafzai und ihr Engagement bald nur mehr wenige hundert Teilnehmer zählten, so war der öffentliche Protest doch ungewöhnlich stark.

Den Gegenwind mussten auch die Taliban zur Kenntnis nehmen. Sie haben allerdings auch zur Kenntnis genommen, dass selbst in diesem eindeutigen Fall - der Anschlag war schon länger geplant und die Taliban machten keinen Hehl aus ihrer Tat -, die für Pakistan nicht untypischen Verschwörungstheorien Gehör fanden. Auf facebook, Twitter und anderen ähnlichen Seiten wurde schon vor der Erklärung Ihsan gestreut, dass Malala eine US-Spionin sei und sie Teil einer ausländischen Verschwörung sei.

Die radikalen Mullahs momentan an den Rand gedrängt - eine Chance für Pakistan?

Manche, wie der Autor Ahmed Raschid, bekannt auch in Deutschland für sein 2002 erschienenes Buch "Taliban", schöpfen aus der öffentlichen Erregung über die hinterhältige Tat, die an dem Mädchen begangen wurde, Hoffnung. Dass die pakistanische Öffentlichkeit und die vor allem die Politik jetzt endlich aufgewacht sind und die Konfrontation mit den Taliban aufnehmen.

Die radikalen Mullahs und ihre Einfluss würden durch den Anschlag zur Seite gedrängt, die Stimmung sei für einen moderaten Islam, die Zeit sei günstig, um im Grenzgebiet zu Afghanistan, insbesondere in Nord-Waziristan, für Ordnung zu sorgen. Jetzt hätte man die öffentliche Unterstützung für eine solche Aktion in der Öffentlichkeit, so Raschid in einer lesenswerten Situationsanalyse.

Maulana Fazlullah und die Grenzen

Talibanführer wie Maulana Fazlullah, der nach übereinstimmenden Berichten, denen von Talibanseite nicht widersprochen wurde, die Fäden hinter dem Anschlag auf das Mädchen gezogen hat (Taliban's "Radio Mullah" sent hit squad after Pakistani schoolgirl) hätten mit ihren ständigen Standortwechseln, begleitet von Anschlägen, zwischen Pakistan und Afghanistan, die Lage zwischen den beiden Ländern so angespannt, dass ein Krieg drohe.

Würde Afghanistan künftig dafür sorgen, dass Fazlullah, der sich im pakistanischen Swat-Tal einen berüchtigten Namen gemacht hat (Die Scharia erlaubt uns nicht, dass wir die Waffen niederlegen), dort keinen Unterschlupf mehr finden kann und würde es Pakistan gelingen, die Grenze nach Afghanisatn für die Extremisten zu schließen, wäre Friede möglich, so Raschid. Eine Hoffnung allerdings mit vielen "wenn" und einer Grenze, die schwerlich gegen Personen mit großer Ortskenntnis abzusichern ist. Aber vielleicht wäre der Zeitpunkt für Pakistan tatsächlich günstig, nun mit Entschiedenheit gegen die Extremisten vorzugehen.

So, even as the army is under extreme public pressure to show its teeth and move into Waziristan, its core constituencies of right-wing politicians and mullahs have been weakened.

Allerdings spricht die eingangs genannte Reaktion auf den Talibananschlag in Peschawars allernächster Umgebung (bei einem deristündigen Gefecht, also mit reichlich Zeit, um Verstärkung zu schicken), der sich nach den skandalösen Schüssen auf das Mädchen (dem es langsam besser zu gehen scheint) ereignete, nicht für eine neue Entschlossenheit. Und auch die - nach dem Anschlag auf das Mädchen in die Öffentlichkeit geworfene - Ankündigung, in Nordwaziristan möglicherweise eine militärische Operation durchzuführen, wird gerade wieder Schritt für Schritt zurückgenommen.

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