Zurück in die Zukunft der Volksrepublik?

Jens Mattern 20.10.2012

Polen entdeckt den sozialistischen Alltag wieder

Polen gelten als auf ihre Geschichte fixiert. Alljährlich werden historische Schlachten nachgespielt - von der Auseinandersetzung zwischen den deutschen Ordensrittern und dem polnisch-litauischen Heeresverbund bei Grunwald (1410) über die Abwehr der Roten Armee bei Warschau (1922), den Zweiten Weltkrieg und Straßenschlachten zwischen Miliz und Solidarnosc-Anhängern. Bei den Events entscheidet die Wahl der Uniform, ob man bei Gut oder Böse mitspielt.

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Nun hat ein junges polnisches Ehepaar Geschichte inszeniert, nur für sich und ganz ohne Militaria. Über die Moral der Darsteller wird gerade diskutiert. Izabela Meyza und Witold Szablowski, beide von Beruf Journalisten, taten ein halbes Jahr so, als würden sie im Jahre 1981 leben, in der Volksrepublik Polen (allgemein "PRL" genannt).

Für das Experiment wählten sie eine möglichst "originalgetreue" Wohnung im Plattenbau im Süden Warschaus mit 38 qm, verzichteten auf Internet und Mobiltelefon, ernährten sich nur von dem, was es auch im Jahr 1981 zu kaufen gab. In den Urlaub ging es nach Bulgarien, mit einem Fiat 126, die Verhütung wurde nach damaligen Ratgebern (Kalender, Körperbeobachtung) vorgenommen.

Über die Reise in die Zeit, die sie einst als Kleinkinder erlebt hatten, haben sie ein Buch herausgebracht und mittlerweile viele Interviews gegeben. Das Interesse ist groß.

In den Internetforen zweifelten viele Stimmen am Sinn des Experiments, die Verniedlichung des Sozialismus wurde befürchtet, andere sahen ihre Kindheit durch das Buch herabgewürdigt, viele schwelgten jedoch in Nostalgie, manche baten geradezu flehentlich um eine Zeitmaschine. "Unsere kleine PRL" ist ein weiterer Beitrag zur aktuellen "Faszination für die PRL", wie es das linke Nachrichtenmagazin Przeglad letztlich entzückt feststellte.

Vor allem die Generation der 25- bis 35-Jährigen entdeckt gerade diese Periode von seiner popkulturellen Seite. Auf Facebook hat Born in the PRL hat mittlerweile zweimal so viele Fans als die Seite der auflagenstarken Zeitung "Gazeta Wyborcza", ebenso Pewex (der Name der polnischen Geschäfte mit Westwaren).

Auf den ersten Blick erscheint die Bewegung, umso jünger, umso unpolitischer - nach einer Umfrage verbinden 60-Prozent der Schulabgänger die Abkürzung PRL mit "Design" und nicht mit einem vergangenen repressiven System. Das verwundert nicht, bei alI den neuen Internetshops und reale Geschäften, die mit Devotionalien aus der jungen Vergangenheit handeln.

Bild: J. Mattern

Seit ein paar Jahren werden auch die polnischen Neonschriften, die ersten Vorboten der Werbung, die in den großen Städten in den 1950ern und 1960ern einen Hauch von der weiten Welt verbreiteten, nicht mehr einfach auf den Müll geworfen. Sie bekommen Wertschätzung in einem eigenen Museum und erfahren Bewunderung in Galerien, auch in New York.

Aktuell sind Hauswandwerbemalereien aus den 1970er Jahren hipp, die die ihre meterhoch angepriesenen Produkte wie Armbanduhren längst überlebt haben. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Alltagskultur im polnischen Sozialismus fehlt bislang.

Ganz unpolitisch ist die aktuelle Nostalgie nicht

Angesichts der Wirtschaftskrise werden die vergangenen Verhältnisse zunehmend als eine vergangene Utopie der Sicherheit gedeutet. Wenn auch die Wirtschaft wächst, so bekommen derzeit selbst die gut ausgebildeten Absolventen von Hochschulen in Polen keine adäquaten Jobs mehr.

"Wer die Kindheit in der PRL verlebt hat, der will im Nachhinein nicht die ganze Kindheit verurteilt haben", deutet die Psychologin Agnieszka Mrozik die Nostalgie der Generation der 35-jährigen.

Hier schwingt ein Vorwurf gegen die polnischen Rechten mit. Polens Antikommunisten, meistens Anhänger der Kaczynski-Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), dulden keine Verharmlosung der Zeit der "Martyrologie", in der sie oder ihre Angehörigen von dem SB (dem polnischen Inlandsgeheimdienst) verfolgt wurden. Unter ihnen sind ältere Konservative, die in der Solidarnosc engagiert waren, aber auch 20-Jährige, die vor General Jaruzelskis Villa in der Nacht vor dem Jahrestag zur Einführung des Kriegsrechts (13.12.1981) lauthals protestierten.

Deren Damokles-Schwert heißt IPN (Institut für Nationales Gedenken). Mit staatsanwaltlicher Vollmacht ausgestattet untersucht die Behörde Verbrechen, die zwischen 1939 bis 1989 am polnischen Volk begangen wurden. In der Zeit der Kaczynski-Regierung (2005 – 2007) diente es zur Demaskierung von Personen der Öffentlichkeit als Geheimdienstmitarbeiter.

Aber auch die antikommunistische Behörde mit ihren gefürchteten Aktenkammern wirkt mit popkulturellen Mitteln. Kürzlich brachte das Institut eine internationale Ausgabe von Kolejka (Warteschlange) heraus, eine Art sozialistisches Monopoly, bei dem die Spieler die Tücken der Mangelwirtschaft bewusst werden soll.

Bild: J. Mattern

Kommunistische Symbole sind verboten

Die liberal-konservative Regierung unter Donald Tusk verbietet die Symbole des Kommunismus – seit 2009 können Zeichen totalitärer Systeme mit Gefängnis geahndet werden, dazu zählt das Tragen eines T-Shirts mit dem Konterfei von Karl Marx oder Che Guevara.

Bei anderen PRL-Hinterlassenschaften, die juristisch nicht zu bannen sind, entzünden sich Konflikte zwischen Nostalgikern und deren Gegnern. In der kleinen westpolnischen Gemeinde Chojnow wird gerade um ein Fresko aus dem Jahre 1970 gerungen. Das Wandbild zeigt den Kosmonauten Juri Gagarin und Soldaten der Roten Armee. Der zuständige Prälat will das Wandgemälde weiß übermalen lassen, weil es "nicht mit dem kirchlichen Kunstkanon vereinbar" sei. Die meisten Gemeindemitglieder halten dagegen.

Anderswo greifen die PRL-Verteidiger selbst zum Pinsel. So sind sowjetische Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg, die in vielen polnischen Provinzstädten als "Siegesdenkmäler" herum stehen, in einigen Orten bunt angemalt. Die Verfechter protestieren so gegen die anstehende Entfernung der stählernen Denkmäler, die an den Kampf der Roten Armee gegen die Wehrmacht erinnern. Den Panzern sind Facebook-Seiten gewidmet. "Die Kommunisten haben unser Land zerstört und ihr habt nichts gegen das Denkmal, nur weil es gut aussieht!", beschwert sich dort ein Internetnutzer.

Bild: J. Mattern

Zeitrungen lassen ganz demokratisch über Gebäude aus der Volksrepublik abstimmen, ob sie nun "modernistisch" oder sozialistische Altlast sind, die abgerissen gehören.

Das Urteil der Autoren von "Unsere kleine Volksrepublik", zurückgekehrt in ihre geräumigere Eigentumswohnung, die sie 30 Jahre lang abzahlen müssen, ist gemischt. Das System an sich sei unsinnig gewesen, berichtet Witold Szablowski, das Leben mühsamer. Doch in der PRL-Zeit habe man mehr mit einander gesprochen, mangels SMS, Internet und Satellitenfernsehen. Der Kapitalismus lässt die polnische Gesellschaft (gemeint ist die Mittelschicht) vereinsamen. Die Erfahrungen wirkten wie eine "persönliche Immunisierung" gegen den Konsumrausch gewesen, gegen das immer mehr und mehr.

"Nasz maly PRL", so Szablowski, ist auch ein Know-how-Handbuch für die kommende Weltwirtschaftskrise, wie wir zurecht kommen, wenn Mangel herrscht."

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37830/1.html
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