Die drei Geburten des Malcolm X

24.12.2012

Der Weg des afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivisten vom Kriminellen zum schwarzen Rassisten und schließlich zum "farbenblinden" Kämpfer gegen jede Unterdrückung

Manchem mag Nationalismus als Phänomen erscheinen, das vor allem unter europäischen und amerikanischen Weißen auftritt. Es gibt aber unter anderem auch einen seit langem etablierten, sehr kämpferischen Nationalismus von Schwarzen, sowohl in Afrika wie auch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Im schlechtesten Fall ist er eine Ideologie rassischer Überlegenheit, ein "reaktiver", umgekehrter Rassismus, im besten Fall eine Idee, die die Emanzipation der Schwarzen mit einer allgemeinen Gleichstellung innerhalb des ganzen Menschengeschlechts verbindet. Auf dem Weg von der ersten zu der zweiten Position wurde der amerikanische radikale Führer der Bürgerrechtsbewegung, Malcolm X aus dem Leben gerissen.

Malcolm X. Bild: Library of Congress

Malcolm X ist mehrmals auf die Welt gekommen. Er ist aus seinem privaten wie gesellschaftlichen Elend aufgebrochen und hat eine bemerkenswerte persönliche wie politische Evolution durchgemacht.

Malcolm Little wird am 19. Mai 1925 in Omaha, Nebraska geboren. Sein Vater ist der baptistische Laienprediger und Gelegenheitsarbeiter Earl Little, seine Mutter heisst Louise. Die Familie hat sieben Kinder. Earl Little ist ein engagierter Parteigänger der Sache des schwarzen Nationalisten Marcus Garvey und lokaler Führer von dessen "Universal Negro Improvement Association" (UNIA). Garvey setzt sich für eine Rückführung der Afro-Americans auf den schwarzen Kontinent ein.

Die Familie zieht in Malcolms Kindheit mehrmals um. 1929 kauft der Vater in Lansing, in der Nähe von Detroit im Bundesstaat Michigan, ein Haus in einer vor allem von Weißen bewohnten Gegend. Nach ein paar Wochen soll der Verkauf wegen der Hautfarbe der Littles rückgängig gemacht werden. Earl Little will dagegen vor Gericht ziehen. Da brennt das Haus ab. Little beschuldigt den rassistischen Geheimbund "Black Legion" der Brandstiftung. 1931 wird der Vater von einer Straßenbahn überfahren und stirbt. Einige Schwarze verdächtigen die Black Legion, ihn auf die Gleise gestoßen zu haben.

Die Familie lebt ab jetzt von Geld aus einer Lebensversicherung des Vaters, von Mieteinnahmen und der geringen Witwenrente von Louise Little. 1938 erleidet die Mutter einen massiven Nervenzusammenbruch: Ein Gericht beschließt, sie in die Psychiatrie einzuweisen. Dort bleibt sie, bis sie 1963 von ihren Kindern herausgeholt wird. Die Kinder werden nach ihrer Einweisung getrennt und in verschiedene Pflegfamilien verbracht.

Malcolm X bei einer Presskonferenz. Bild: Library of Congress

Malcolm ist ein außergewöhnlich intelligenter und begabter Schüler. Er ist sehr enttäuscht und beendet seine Schulkarriere vorzeitig, als ihm klar wird, dass für ihn als Schwarzen eine akademische Ausbildung und entsprechende berufliche Tätigkeit, etwas als Jurist, anders als bei ähnlich begabten weißen Mitschülern, nicht in Frage kommt.

Nachdem er unter anderem einige Zeit bei einer Halbschwester in der Nähe von Boston gelebt hat, zieht er 1943 nach Harlem, New York. Er rutscht in die Kriminalität ab. Malcolm betätigt sich als unter anderem als Spieler, Zuhälter, Räuber und Drogendealer. Wegen seinem rötlichen Haar, ein Erbe seines schottischen Großvaters mütterlicherseits, wird er "Detroit Red" genannt. Er beginnt, nach der Mode die Haare zu entkräuseln, um sie denen der Weißen anzugleichen. In der Rückschau wird das für Malcolm ein besonders deutliches Zeichen seines damaligen Selbsthasses als Schwarzer sein.

Dem Kriegsdienst entgeht er, indem er eine psychische Krankheit vortäuscht. 1945 kehrt er nach Boston zurück. Dort verurteilt man ihn 1946 wegen Einbrüchen zu 10 Jahren Gefängnis. Er wird ins Gefängnis von Charlestown verbracht. Der wilde, hasserfüllte und unbeugsame Gefangene verdient sich dort mit seiner verzweifelten Wut und seinem erbitterten Widerstand gegen das Gefängnissystem den Spitznamen "Satan".

Während seiner Gefangenschaft beginnt er sich durch den Einfluss eines seiner Brüder für die Lehren der "Nation of Islam" (NOI) zu interessieren. Der damalige Führer und Prophet dieser Sekte, Elijah Poole alias Elija Muhammad, predigt eine seltsam verzerrte Form des Islam, vermengt mit Schwarzem Nationalismus. Nach den Lehren der "Black Muslims" verkörpert die weiße Rasse das absolut Böse. Ursprünglich war die Erde nur von Schwarzen besiedelt, erst ein böser schwarzer Wissenschaftler schuf auf künstlichem Wege die Weißen. Durch Schliche und Verrat haben diese "weißen Teufel" die einstigen Herren der Erde, die Schwarzen, verdrängt. Das Heilmittel für die Unterdrückung der Schwarzen in Amerika ist die vollständige Loslösung vom weißen System, auch ökonomisch und politisch durch die Gründung eines eigenen Staates.

Flagge des Nation of Islam

Malcolm bekehrt sich zu der Gruppe. Damit beginnt eine tiefe Wandlung seiner Persönlichkeit. Er gibt das Glückspiel und den Genuss von Schweinefleisch, Nikotin, Alkohol und Drogen auf. Äußerlich dokumentiert er seine Wandlung, indem er den "Sklavennamen" Little ablegt und nach der Gewohnheit der NOI ein X als Platzhalter für seinen ursprünglichen Namen, den seiner afrikanischen Vorfahren, annimmt. Malcolm X hat schon vorher im Gefängnis begonnen, entschlossen und unersättlich seine Bildung nachzuholen. Er schult jetzt seinen Geist, indem er das weiße Herrschaftswissen, das er in den Büchern der Gefängnisbibliothek findet, gegen den rassistischen Strich liest, wo der Beitrag der Schwarzen zur menschlichen Kultur und Geschichte geleugnet wird.

Als man ihn 1952 entlässt, ist er geistig bewaffnet bis an die Zähne. Er wird der beste Agitator und Organisator der Nation, verschafft ihrem Anliegen im ganzen Land Gehör. Die gemäßigten Anwälte der schwarzen Sache, wie Martin Luther King, überzieht er mit beißendem Spott. Diese integrationistischen Liberalen sind für ihn schlicht "Hausneger", im Gegensatz zu den "Feldnegern", den wirklich Unterprivilegierten. Sie verraten die Befreiung ihrer Rasse durch laue Forderungen und Kompromisse, um ihre Privilegien nicht zu gefährden. Im Gegensatz zu ihnen spricht er sich nicht für Gewaltfreiheit aus.

Martin Luther King, Jr. und Malcolm X vor einer Pressekonferenz am Rande der Senatsdebate on the Civil Rights Act von 1964. Bild: Library of Congress

Die Nation ist in der schwarzen Community sehr präsent. Sie unterhält viele Schulen und Wirtschaftsunternehmen. Ende der 50er Jahre hat sie nach unterschiedlichen Schätzungen 70.000 bis 250.000 Mitglieder. Die "Fruit of Islam", die militante Ordnertruppe der Sekte, ist das Synonym für aggressive schwarze Wehrhaftigkeit. Die Stärke der Black Muslims hat viel mit der Wirksamkeit von Malcolm X und seiner charismatischen Präsenz in den Medien zu tun. Die Nation vertritt ein sehr konservatives Frauenbild und einen starken sexuellen Puritanismus.

Sie zeichnet sich durch eine lautstarke Polemik gegen das Judentum aus. Das führt zu seltsamen Allianzen. Es gibt Verhandlungen der Muslims mit dem Ku Klux Klan und der "American Nazi Party" (ANP). An wenigstens einer Großveranstaltung der Nation nehmen ANP-Mitglieder als offizielle Gäste in voller Nazi-Uniform teil. Im Februar 1962 spricht der Führer der ANP, George Lincoln Rockwell, vor 2000 NOI-Mitgliedern. Rockwell hat Elijah Muhammad als "Adolf Hitler des schwarzen Mannes" bezeichnet.

Im Januar 1958 heiratet Malcolm die Krankenschwester Betty Sanders. Er wird sechs Töchter mit ihr haben.

1961 wird er als nationaler Sprecher der NOI de facto zweiter Mann der Gruppe. Doch seine Position ist alles andere als gefestigt. Obwohl er in jeder Hinsicht ein treuer Anhänger des Sektenoberhauptes ist, wird er vielen Führern der Nation mit der Zeit zu mächtig und eigenständig. Intrigen setzen ein. Durch seine Präsenz in den Medien fühlt sich Elijah Muhammad bedroht. Andererseits wird Malcolm klar, dass der Führer der Black Muslims Wasser predigt und Wein säuft. Entgegen der rigiden Sexualmoral der Bewegung hat Elijah Muhammad Affären und Kinder mit seinen Geliebten. Dazu mehren sich Gerüchte, dass seine Neider in der Nation Malcolm mit Gewalt aus dem Weg räumen wollen.

Einen Skandal um Malcolm X gibt es schließlich am 1. Dezember 1963, als er von der Presse nach seiner Meinung zu dem Attentat auf Präsident Kennedy gefragt wird. Seine Antwortet ist, das sei ein Fall von "chickens coming home to roost". Das bedeutet etwa, dass Kennedy geerntet habe, was er gesät hat. Er ergänzt: "chickens coming home to roost never did make me sad; they've always made me glad." Damit löst er eine landesweite Welle der Empörung aus. Die Nation distanziert sich von der Aussage. Elijah Muhammad belegt ihn mit einem 90tägigen Redeverbot.

Am 8. März 1964 erklärt er, die Organisation zu verlassen und gründet mit einem Kreis von Anhängern eine eigene Moschee, die "Muslim Mosque Inc". Er versteht sich jetzt als "normaler" sunnitischer Muslim. Obwohl er bei der Polemik gegen das weiße Amerika weiterhin keine Kompromisse macht und "by any means necessary", die schwarze Knechtschaft überwinden will, weitet sich seine Weltsicht. Nun will er sich der Kooperation mit Weißen nicht mehr prinzipiell verschließen. Der große Katalysator dabei ist seine Pilgerfahrt nach Mekka, auf die er sich im April 1964 begibt. Er teilt Tisch und Bett mit weißen Muslimen. Tief beeindruckt von der Brüderlichkeit unter den Pilgern, unabhängig von Herkunft und Rasse, kann er an seinem umgekehrten Rassismus nicht mehr festhalten. Er findet zu einer "farbenblinden", universellen spirituellen Perspektive aus dem Geist des ursprünglichen Islam. Ab jetzt nennt er sich auch El-Hajj Malik El-Shabazz.

Im Anschluss an seine Hajj reist er über mehrere Monate durch Afrika, unterbrochen von einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Er besucht in Kairo das zweite Treffen der "Organisation für Afrikanische Einheit" (OAU). Malcolm wird in vielen Ländern Afrikas gefeiert, hofiert und beinahe wie ein Staatsmann behandelt. Er trifft fast jeden wichtigen politischen Führer des Kontinents, zu Beispiel Ägyptens Staatpräsidenten Gamal Abdel Nasser, Ahmed Ben Bella, den Staatspräsidenten Algeriens und Kwame Nkrumah, den Präsidenten Ghanas.

Wie weit seine Veränderung ging und in welche Richtung er dabei unterwegs war, darüber streiten sich Muslime, Marxisten, Vertreter des Schwarzen Nationalismus und Liberale bis heute. Gerne reklamieren sie alle Malcolm für ihre Sache. Tatsache ist sicher, dass er sich antiimperialistischen und sozialistischen Positionen gegenüber öffnete.

Malcolm versteht seine am 28. Juni 1964 gegründete politisch-säkulare und panafrikanische "Organization of Afro-American Unity" (OAAU) als Vehikel der Einheit auch mit schwarzen Nicht-Muslimen. Bevor das Pflänzchen dieser Bewegung feste Wurzeln schlagen kann, fällt er jedoch einem Attentat zu Opfer: Am 21. Februar 1965 wird er in New York erschossen. Schon vorher gibt es einen Brandbombenanschlag auf seine Wohnung.

Einschusslöcher in der Wand der Bühne, auf der Malcolm X erschossen wurde. Bild: Library of Congress

Wer wollte einen der kommenden schwarzen Führer aus dem Weg räumen? Scheinbar haben Schergen von Elijah Muhammad den Abtrünnigen für seinen "Verrat" bestraft. Drei des Attentats Angeklagte, Anhänger des Propheten der Nation of Islam, wurden zu Haftstrafen von 20 Jahren bis lebenslänglich verurteilt. Oder wurde dem weißen Amerika, das Problem Malcom X zu brennend, seine Klarheit, Kraft und sein Charisma zu gefährlich? Wie beim Mord an John F. Kennedy finden die Spekulationen und Verschwörungstheorien bis heute auch hier kein Ende. Schon Malcolm selbst hat gemutmaßt, dass hinter den anonymen Drohungen gegen sein Leben ganz andere Kräfte stecken könnten als nur die Nation of Islam.

John F. Kennedy. Bild: Cecil Stoughton, U.S. federal government

Malcom X integrierte sowohl Spiritualität als auch säkulare Politik in sein Weltbild. "Unsere Religion ist der Islam, unsere Philosophie ist Schwarzer Nationalismus", hat er erklärt. Von der Nation of Islam wurde "Black Nationalism" als Selbstbezeichnung nie benutzt, aber de facto vertrat sie mit ihrem Separatismus entsprechende Positionen. Laut George Breitman kann man Malcolm seit seiner Gefängniszeit als Vertreter des Schwarzen Nationalismus bezeichnen. Dieser ist aber mit Separatismus nicht deckungsgleich. Jeder Separatist unter den Afro-Amerikanern ist ein Nationalist, aber nicht jeder Nationalist ein Separatist. Schwarzer Nationalismus kann hier auch einfach bedeuten, dass die afroamerikanische Community eine weitgehende Selbstbestimmung, jedoch innerhalb einer größeren staatlich-politischen Struktur, wie die USA sie darstellt, erlangt und ihre Dinge selbstständig regelt. Malcolm X war nach seiner Trennung von der NOI kein Separatist mehr, sondern neigte letzterer Position zu.

Malcolm X 1964 im Queens Court. Bild: Library of Congress

Was heute von ihm bleibt, ist das Beispiel seiner erstaunlichen Evolution. Malcolm ist zweimal aus der Nacht geflohen. Deshalb kann man von den drei Geburten des Malcolm X sprechen. Durch seine Geburt als "Nigger" im Amerika der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts war er für ein Leben im Müll bestimmt. Die erträglichste "berufliche" Perspektive und Möglichkeit, seine vielen Fähigkeiten und Talente einzusetzen, schien ihm die Karriere eines erfolgreichen Kriminellen. Etwas Besseres war für einen jungen Schwarzen seiner Generation in einem Land, wo die Hautfarbe über Aufstieg oder Elend entschied, kaum vorgesehen.

In einer scheinbar ausweglosen Situation, im Gefängnissystem des weißen Rassismus, hat er sich gegen diesen destruktiven Weg entschieden und unter Anspannung aller seiner Kräfte begonnen, sein Leben und seine Person neu zu formen. Aus dem Süchtigen und Kriminellen wurde der umfassend gebildete, charismatische und rhetorisch brillante Prediger der Nation of Islam. Damit hat er bewiesen, dass eine schwierige Ausgangslage und ein schwieriges Schicksal kein Fluch sein muss und ein Mensch sich von Süchten und der Tendenz zur Selbstzerstörung befreien kann.

Zum dritten Mal kam er auf die Welt, als er sich von der rassistischen Hybris und der engen, fanatischen Weltsicht der Nation verabschiedete. Er trennte sich von seinem Übervater Elijah Muhammad, auch weil offenbar wurde, dass dieser den ethischen Maßstäben, die er von seinen Anhängern einforderte, selbst nicht genügte. Er überwand den unselektiven Hass auf alle Weißen. Bei seiner ersten Konversion im Gefängnis wurden die Schwarzen seine Brüder. Bei seiner zweiten großen Wandlung in der heiligen Stadt des authentischen Islam erkannte er sich im Antlitz hellhäutiger und blonder Reisegefährten.

Denzel Washington als "Malcolm X" in Spike Lees gleichnamigen Film von 1992. Bild: Warner Bros.

Nicht zuletzt durch den Film von Spike Lee über sein Leben aus dem Jahr 1992 und durch Hip Hop-Gruppen wie Public Enemy ist Malcolm X für das schwarze Amerika eine Ikone geworden. Gerade unter Jugendlichen ist Malcolm populär. Gesunde Vorbilder werden hier auch dringend benötigt. Der Gangster ist für perspektivlose schwarze Jugendliche immer noch oft ein attraktives "role model" in Sachen Männlichkeit und sozialer Aufstieg. So problematisch die Ikonisierung politischer Vorbilder auch sein mag: Malcom X zeigt, trotz seines schlimmen Endes, einen möglichen Weg aus dem Elend und einen Weg zu individueller und kollektiver Emanzipation.

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