Amerikanische Serrata

Peter Mühlbauer 22.10.2012

Die Durchlässigkeit der US-Gesellschaft nimmt ab

In ihrem Buch Why Nations Fail - The Origins of Power, Prosperity, and Poverty untersuchen die Ökonomen Daron Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology und James A. Robinson von der Harvard-Universität, warum Staaten scheitern. Dazu verweisen sie unter anderem auf die Serrata, die in Venedig ab dem Jahr 1315 eine feste Grenze zwischen einer kleinen Oberschicht und dem Rest der Bevölkerung festschrieb. Sie ist nach Ansicht der beiden Autoren maßgeblich für den späteren Niedergang der Handelsstadt mit verantwortlich.

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Die New-York-Times-Autorin Chrystia Freeland, deren Buch Plutocrats - The Rise of the New Global Super-Rich and the Fall of Everyone Else vor wenigen Tagen erschien, sieht solch eine Entwicklung derzeit in den USA im Gange. Im 19. Jahrhundert galt das Land als sozial sehr viel durchlässiger als Europa, was bis heute zum Selbstverständnis der USA gehört. Doch mehrere Studien zeigen, dass sich dieses Verhältnis zu Beginn des 21. Jahrhunderts umgekehrt hat. Heute ist der soziale Aufstieg in den meisten europäischen Ländern leichter als in den USA.

Die "Great Gatsby Curve". Grafik: BoogaLouie. Lizenz. CC BY-SA 3.0.

Dem kanadischen Wirtschaftswissenschaftler Miles Corak zufolge hängt dies mit dem Grad der ökonomischen Ungleichheit zusammen: Steigt sie, dann nimmt die soziale Durchlässigkeit ab. Ein Zusammenhang, den Coraks Kollege Alan Bennett Krueger als "Great Gatsby Curve" beschrieb.

Dass die ökonomische Ungleichheit in den USA in den letzten Jahrzehnten zunahm, ist unbestritten: 93 Prozent der Einkommenszuwächse zwischen 2008 und 2010 gingen an ein einziges Prozent der US-Bürger. Die restlichen 99 Prozent mussten sich mit sieben Prozent der Zuwächse begnügen. Dem nicht genug: Das reichste Promille der Bevölkerung – einer unter Tausend – verbuchte nach Berechnungen des Berkeley-Ökonomen Emmanuel Saez und des Franzosen Thomas Piketty 37 stolze Prozent der gesamten Einkommenszuwächse für sich. Im Durchschnitt waren das 4,2 Millionen Dollar pro Haushalt mehr.

Aufrechterhalten und befördert wird das zunehmende Ungleichgewicht Freelands Wahrnehmung nach weniger durch genetische Selektion als durch ein ständiges Maßschneidern politischer und wirtschaftlicher Regeln. Dadurch profitierten in den letzten Jahren nicht die von Romney gescholtenen ärmeren 47 Prozent der Bevölkerung am stärksten vom Staat und der Regierung, sondern die, deren Investitionen, Boni und Gehälter mit gigantischen Bailouts "gerettet" wurden. Und während die durchschnittliche Steuerrate bei Reichen in den 1950er Jahren bei heute unvorstellbaren 90 Prozent lag, zahlten von den Top 400 im Jahr 2009 sechs gar keine Bundeseinkommensteuer und weitere 27 zehn Prozent oder weniger. Kein einziger wurde mit mehr als 35 Prozent zur Kasse gebeten.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37853/1.html
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