Obama punktet im Showdown in Boca Raton

23.10.2012

Im letzten TV-Duell stritten Romney und Obama über US-Außenpolitik - und waren sich ziemlich einig

Das Lachen über die Scherze des Kontrahenten beim jährlichen Al-Smith-Wohltätigkeitsdinner im New Yorker Waldorf-Astoria ist verstummt, die weißen Fliegen abgelegt: Im Rentnerparadies Florida, Geburtsort von Romneys Sozialschmarotzer-Kommentar und einer von neun wichtigen Wechselwählerstaaten für den 6. November, hat das dritte und letzte TV-Duell der US-Präsidentschaftswahl stattgefunden. Für Spannung war gesorgt: Eine landesweite CNN-Umfrage setzte beide Kandidaten zuvor mit jeweils 47 Prozentpunkten Kopf an Kopf im Rennen ums Weiße Haus.

Screenshot aus der Video-Aufzeichnung des letzten TV-Duells

Thema der letzten Fernsehdebatte war die Außenpolitik. Afghanistan und Irak, Israels "rote Linie" für Iran, der Aufstieg Chinas, der Nahe Osten und das "neue Gesicht des Terrorismus", zudem "Amerikas Rolle in der Welt". Obama hatte vier Jahre Zeit, um sich in die komplexe Materie einzudenken, er ging als klarer Favorit in die letzte Debatten-Runde.

Romney dagegen stand vor einer ungleich schwereren Aufgabe: Der Versuch, durch eine Auslandsreise Ende Juli in dieser Sparte Erfahrung vorzutäuschen, war fehlgeschlagen. Entsprechend angespannt war dann auch der Gesichtsausdruck seiner Ehefrau im Publikum vor dem Start der Diskussion. Und der dürfte sich in den 90 Minuten nicht all zu stark verändert haben. Die letzte Debatte hat vor allem eines gezeigt: In der Außenpolitik unterscheiden sich die beiden am wenigsten. James Carvell fasste es wohl am besten zusammen: "President Obama came to attack, Governor Romney came to agree."

Zunächst aber warf Romney seinen Wahlslogan in den Ring.Obamas Außenpolitik löse sich vor aller Augen auf. Allerdings deckte sich dann das, was er als Präsident sowohl in Ägypten als auch in Syrien getan hätte und tun würde, mit dem, wie Obama es gehandhabt hat: Die Opposition unterstützen, ohne selbst militärisch einzugreifen. Romneys individueller Zusatz: darauf achten, dass gelieferte Gewehre nicht in die falschen Hände geraten.

Ein ähnliches Bild zeichnete sich auch beim Atomstreit mit dem Iran ab. Obama erklärte, dass die Sanktionen gegen das Regime greifen würden. Romney: "I want to underscore the point the president made." Natürlich wären die Sanktionen effektiv, sagte er, immerhin hätte er selbst schon vor sieben Jahre eben solche gefordert. Der Unterschied, der freilich wenig überzeugend wirkte, da er lediglich darauf abzielte, eine bestimmte Wählergruppe zu erreichen: Als Präsident würde er Ahmadinedschad anklagen wegen der Drohungen des Völkermords gegenüber Israel. Bei einem Angriff würde man selbstverständlich hinter Israel stehen, versicherten beide. Und der Einsatz von Drohnen? Was der Präsident macht sei richtig, so Romney. Er würde genauso weitermachen.

Die Außenpolitik ist nicht Romneys Thema und das war deutlich zu erkennen. Er ließ von klaren Ansagen ab, brachte in hektischen Antworten gleich das ganze Themenspektrum des Abends unter, so dass der Moderator ihn wieder einfangen musste: "We will get to that." Und er wirkte generell unsicher. Zur Bekämpfung des internationalen Terrors meinte er Richtung Obama: "We can't kill our way out of this mess." Um einen Moment später zu erklären: "Mein Plan ist geradeaus: die bösen Kerle verfolgen und töten." Romneys Angriffe blieben auch deshalb fade, weil es zu oft die waren, die er schon seit Monaten verkündet. Obamas angebliche "Entschuldigungs-Reise" nach Amtsantritt hätte außenpolitische Schwäche offenbart. Der Präsident, so ein weiterer Vorwurf, hätte amerikanische Werte verraten, als er sich nicht deutlich zum demokratischen Aufbegehren der Grünen Revolution in Teheran bekannte.

Romney versuchte zwar, eine ähnliche Strategie wie in der ersten Debatte abzufahren, indem er seine Positionen in die politische Mitte rückte (ein CNN-Kommentator taufte ihn zum "Friedens-Kandidaten"). Doch statt damit zu überraschen, verblasste er so mit zunehmender Zeit neben Obama. Auch weil dieser in der letzten Debatte seinen besten Auftritt ablieferte.

Obama wirkte wach und konzentriert und umriss ähnlich wie Romney im ersten TV-Duell stichpunktartig seine Vision für die nächsten vier Jahre. Ein Amerika, das anführt, indem es eng mit regionalen Partnern zusammenarbeitet. Obama gelangen dabei zwei gute Attacken. Einmal, als er Romneys komplette Kandidatur erinnerungswürdig abkanzelte: "Sie scheinen die Außenpolitik der 1980er Jahre, die Sozialpolitik der 1950er Jahre und die Wirtschaftspolitik der 1920er Jahre einführen zu wollen."

Und ein weiteres Mal, als Romney Obamas Budgetbeschneidung beim Militär kritisierte: "Unsere Marine ist jetzt kleiner, als sie es jemals seit 1917 gewesen ist." Romney dachte wohl, er hätte mit dem Konservenangriff einen Trumpf gelandet. Bis Obama zynisch retournierte: "Wir haben auch weniger Pferde und Bajonetts." Der Charakter des Militärs habe sich einfach verändert, erklärte Obama und stellte Romney als "Cold War-Warrior" dar, der noch nicht in der Kriegsführung des 21. Jahrhunderts angekommen sei. Dass Romney nicht ganz unterging, lag daran, dass ihm zwischendurch immer wieder ein Brückenschlag gelang, weg von der Außenpolitik zurück zur heimischen Wirtschaftslage. Das ist sein Fachbereich, das merkte man auch heute wieder.

Zwar gewinnt man in den USA weniger durch Expertise in der Außenpolitik als durch scheinbare Wirtschaftskompetenz. Doch an diesem Abend in Boca Raton, der selbsternannten "Stadt für alle Jahreszeiten", ging es allein darum, den Wählern zu zeigen, wer der überzeugendere "Mann für alle Situationen" ist. Und als Commander-in-Chief machte Barack Obama eine eindeutig bessere Figur. In der CNN-Umfrage nach der Debatte stimmten 48 Prozent für den Amtsinhaber als Sieger. Romney musste sich mit 40 Prozentpunkten zufrieden geben. Noch haben die US-Bürger 14 Tage, um sich endgültig festzulegen.

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