Um Körbchengrößen besser

Prostitution wird meist mit Zwangsprostitution gleichgesetzt, dabei kann Prostitution so lustig sein - wie man im Fernsehen sieht.

Nur noch meine Möpse sind übrig

Randy hat einen Mann, der sie verlassen hat, zwei nervige Kinder (die beim Mann leben) und ein Haus, das gerade abgebrannt ist und nicht versichert war. Da ihr Kindergärtnerinnengehalt nicht ausreicht, um ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen und den Kindern mal was zu gönnen, sucht sie Hilfe in einem Unternehmensgründungsseminar. Dort hört sie, dass sie ihre eigenen Vorzüge nutzen soll. Von Unique Selling Points ist die Rede, und von Unternehmertum mit Schwung.

Gesagt, getan: Randy schaut sich an, was sie zu bieten hat, und kommt auf eine einfache Formel: "Früher hatte ich eine Familie und ein Haus. Was habe ich jetzt noch? Meine beiden Möpse und eine Vagina." Und mithilfe eines alten Freundes macht sich Randy selbständig - als Prostituierte. Der alte Freund wird ihr Zuhälter, bekommt Prozente für jeden Job und hilft bei der Vermarktung. Randys Erlebnisse in der neuen Welt der Zuhälterei werden spannend und lustig und erzählt, sie bieten Platz für eine Reflexion über die Welt, in der Frauen ihren Körper neu entdecken und gewinnbringend anbieten (können).

Eine amüsante Geschichte über Erwerbsbiografien sieht beispielsweise Spiegel Online in der Serie:

So steht Randy womöglich für eine neue Frau: eine, die unter dem wirtschaftlichen Druck zur mobilen Persönlichkeit wird, die sich den Umständen entsprechend blitzschnell anpasst und justiert. Und gerade durch diese Zurichtung soziale Dressuren überwindet.

Wer jetzt den entsprechenden Artikel bei Spiegel Online sucht, der wird feststellen, dass das Zitat nicht richtig ist, im Artikel ist von "Ray", nicht von "Randy" die Rede, von "ihm", nicht von "ihr". Und in der Serie geht es auch nicht um eine Kindergärtnerin, sondern um einen Sportlehrer. Und dieser Aspekt dürfte der Grund sein, warum die Serie "critically acclaimed" ist - und nicht etwa zu einem Aufschrei derjenigen führte, die sich gerne für ein Verbot der Prostitution oder für eine Kriminalisierung von wahlweise Prostituierten und/oder Freiern starkmachen.

Eine Prostituierte, die wie der gut bestückte Ray in der Serie Hung als lustig-überforderte Person dargestellt wird, ein Zuhälter, der letztendlich auch als gescheiterte Existenz versucht, die ihm bekannte Frau zu vermarkten, um selbst über die Runden zu kommen - das wäre keine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, kein Comedy-Drama oder Dramedy, das wäre letztendlich eine Glorifizierung der Prostitution und würde entsprechend geahndet und kommentiert werden.

Hung

Wer sich die Seiten ansieht, auf denen ein Ende der Prostitution gefordert wird, der wird feststellen, dass männliche Prostitution allerhöchstens ein Randthema ist. Meist nicht einmal das. Die Erklärung dafür wird häufig mitgeliefert: Da die Mehrheit der Prostituierten weiblichen Geschlechts ist, bedarf es keiner "Lanze", die "für die paar Männer" gebrochen wird. Dies bedeutet letztendlich jedoch, dass männliche Prostituierte auch kein Sprachrohr erhalten, bis es sie in entsprechend großer Zahl gibt.

Da aber weibliche (Zwangs-)Prostitution permanent thematisiert wird, wäre es wichtig, gerade auch die Rolle des männlichen Prostituierten zu beleuchten und auf deren Problematiken hinzuweisen. Die gleichen denen der weiblichen Prostituierten nämlich nicht nur, sondern sind mit ihnen identisch. Hinzu kommt bei den männlichen Prostituierten das, was auch Feminismustheoretikerinnen feststellten: Geht man von einer patriarchalen Welt aus (wie es Feministinnen tun), dann sind die männlichen Prostituierten ähnlich diskriminiert und aufmerksamkeitstechnisch an den Rand gedrängt wie Frauen. Geht man nicht davon aus, erübrigt sich natürlich manche Auseinandersetzung mit der weiblichen Benachteiligung im allgemeinen.

Von Prostitutions- und Homophobie

Die Frage, ob und wieso Prostitution kriminalisiert werden sollte, kann letztendlich nicht ohne eine Betrachtung der heutzutage marktorientierten Lebensweise geschehen. Dies betrifft aber alle Geschlechter gleichermaßen, weshalb es auch aufmerken lässt, dass Hung keineswegs zu Protesten von jenen führte, die Prostitution ablehnen. Eine solche Ungleichbehandlung von männlichen und weiblichen Prostituierten, die aus ähnlichen Gründen ihrem Gewerbe nachgehen, führt unweigerlich zu der Feststellung, dass Männer fast ausschließlich als Konsumenten von sexuellen Dienstleistungen wahrgenommen werden, Frauen dagegen als Anbieterinnen. Eine Ansicht, die nicht nur heute, sondern auch mit Blick auf die Geschichte falsch ist.

Hierbei ist entscheidend, dass die Prostitution von Männern auch im Zusammenhang mit der Ablehnung der Homosexualität im allgemeinen stattfand, die auf Mann/Mann-Konstellationen beschränkt wurde. In seiner Geschichte der mann-männlichen Prostitution im Kaiserreich und in der Weimarer Republik schreibt Martin Lücke:

Prostitution und sexuelle Kontakte unter Männern mussten als besonders auffällige Abweichungen von diesem monogamen und prokreativen Sexualitätskonzept erscheinen: Prostitution war alles andere als eine monogame Form der Sexualität und auch die per se nichtprokreative Sexualität unter Männern konnte in einem solchen Bild von Sexualität nur als abweichende Sexualform Platz finden. Sie hieß "konträre Sexualempfindung" und wurde mit dem Attribut der Perversion belegt. Gleichgeschlechtlich begehrende Männer galten als die "Modellperversen des 19. Jahrhunderts". Besonders jedoch mann-männliche Prostitution erscheint als deutliche Abweichung von diesem Sexualitätskonzept, war sie doch eine Synthese aus beiden Übeln. Man traute ihr zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu, "wie ein missgestaltetes Riesenuntier [...] immer gefährlicher und dämonischer ihre eklen Quallenarme" auszubreiten und auf diese Weise einer Sozialdisziplinierung des Sexuellen entgegenzutreten.[1]

Hier zeigt sich bereits, dass die Kommentierung und Bewertung der Prostitution auch stets mit religiösen und konservativen Ansichten einherging, die Sex nur innerhalb der Ehe als Institution und nur in heterosexuellen Beziehungen guthieß und gleichgeschlechtlichen Verkehr als abartig abstempelte.

Hinzu kommt jedoch eine sich bis heute haltende Ansicht, dass Frauen, was den Sexualtrieb angeht, weitaus mehr mit Gefühlen hantieren als Männer. Dies manifestiert sich auch in der Idee, dass eine "Virgo Intacta" (eine Frau mit intaktem Jungfernhäutchen) etwas Kostbares sei, während ein Mann, der zu einem gewissen Zeitpunkt noch "jungmännlich" ist, eher als komisch-absurd bis bemitleidenswert gilt.

Das führt zwangsläufig zu der Idee des automatisch dauergeilen Mannes, der auch ohne Gefühle einfach drauflospenetrieren kann, während die Frau nur zum Sex mit Gefühlen bereit ist, der sich für den heterosexuellen Mann aufsparen lässt, den sie als heterosexuelle Frau möchte. Nicht nur die Aspekte der gleich- oder mehrgeschlechtlichen Liebe/Erotik, sondern auch die Tatsache, dass es ebenso sexkonzentrierte Frauen gibt, wie auch gefühlskonzentrierte Männer (so man diese Pauschalbegriffe nutzen will), bleiben in dieser Gesamtbewertung außen vor.

Arme Frau, geiler Mann

Wie diese Ansicht zur unterschiedlichen Bewertung von Prostitution führt (je nachdem, von wem sie durchgeführt wird) zeigt sich nicht nur anhand der Serie Hung, sondern auch an anderen Filmen, die sich mit dem Problem der Prostitution beschäftigen. So war der Film Paradies: Liebe ein Beispiel dafür, wie die auf Liebe und Zärtlichkeit hoffende Frau einen Mann ausbeutet, der sie seinerseits ausbeutet. Der Streifen setzt sich nicht mit den Gründen für Prostitution in Ferienländern auseinander, sondern erweckt eher Mitgefühl für eine alte Frau, die nicht mehr dem Schönheitsideal entspricht. Die Hauptdarstellerin ließ denn auch in Interviews verlautbaren, sie wisse jetzt, wie sich solche Frauen fühlen:

Das ist eine Frau, die ein paar Mal im Jahr nach Afrika reist und dort einen Liebhaber unterhält. Der wird umfassend finanziell unterstützt - da gibt es die abstrusesten Verwicklungen. Bei der Recherche habe ich mit Sugarmamas gesprochen. Sie sitzen zum Beispiel am Strand an der Bar und haben ihre Hand auf dem Schenkel ihres jungen schwarzen Liebhabers liegen. Das sind tolle Eindrücke und tolle Frauen, die eben nicht allein in einem Zimmer in Dortmund sterben wollen. Ich verstehe jede Frau, die das macht.

Eine solche (Mitgefühls-)Bekundung gegenüber einem Mann, der sich im Urlaubsland eine (Bett-)Gefährtin kauft, ist schwer denkbar. Hier gibt es stattdessen Formate wie Auf Brautschau im Ausland, in denen die Männer weniger als arme und sich nach Zärtlichkeit und Sex sehnende Menschen, denn als dauergeile Idioten erscheinen. Die Frau jedoch wird als diejenige verklärt, die sich selbst einredet, es ginge um Liebe und Zärtlichkeit. Obgleich den Frauen, die in die entsprechenden Tourismusgebiete reisen, klar sein muss, weshalb die jungen, attraktiven Beachboys (wie sie recht verklärend genannt werden) an ihnen interessiert sind.

Zwischen Prostituierten (egal welchen Geschlechtes) gibt es kaum Unterschiede, wenn es darum geht, dass sie aus wirtschaftlicher Not handeln. Die trotzdem unterschiedliche Bewertung der gleichen Lebensumstände von männlichen und weiblichen Prostituierten lässt sich dadurch erklären, dass angenommen wird, Frauen seien durch das Penetriertwerden per se die Unterlegenen (was natürlich die Mann-Mann-Konstellation nicht berücksichtigt, sondern die Penetration von nicht daran interessierten Menschen als Folge ihrer finanziellen Not sogar eher verharmlost bzw. bagatellisiert), während die Männer als Penetrierende ja stets die Oberhand behalten (was aber die körperlichen Aspekte nicht mit einbezieht - der Mann muss immerhin eine Erektion nicht nur kurzfristig aufrecht erhalten).

Besser in der Mine als Beachboy

Interessant ist, dass die wirtschaftliche Not bei denjenigen, die sich gegen Prostitution aussprechen, im allgemeinen keine Rolle spielt. Es wird nicht nur Zwangsprostitution mit der selbstbestimmten Prostitution vermengt, es wird auch der Aspekt ausgeblendet, dass die Prostitution nicht nur für viele die einzige Rettung ist, sondern bei denen, die sie selbstbestimmt betreiben, auch eine direkte Folge des "Sex-Sells"-Denkens. Dabei ist es kaum zu verstehen, wieso in einer Welt, in der alles ein Preisschild umgehängt bekommt, der eigene Körper bzw. dessen Verwendung in Verbindung mit Sex nicht zum Tragen kommen sollte. Sowohl beim Mann als auch bei der Frau.

Es wäre also sinnvoll, zunächst einmal Zwangsprostitution und freiwillige Prostitution auseinanderzuhalten und nicht in eine Missionierungssprache zu verfallen, die Prostituierte im allgemeinen vor ihrer Ausbeutung schützen will. Als zweiten Schritt müsste man logischerweise überlegen, welche Möglichkeiten Prostituierte hätten, die aus wirtschaftlicher Not handeln, wäre nicht ihr geldwertes Tauschobjekt Körper vorhanden. Hierbei würde dann eben auch die männliche Prostitution berücksichtigt werden müssen.

Um sich mit den Ursachen von nicht selbstbestimmter Prostitution zu befassen, müsste jedoch zunächst einmal der Kontakt zu jenen gesucht werden, die der Sexarbeit nachgehen - ob männlich oder weiblich. Aus dem Elfenbeinturm die Empörung verlautbaren zu lassen, ist vielleicht ein recht angenehmer Zeitvertreib, doch an der Situation der Frauen und Männer, die aus (wirtschaftlicher) Not gezwungen sind (oder werden), der Prostitution nachzugehen, wird dies nichts ändern.

Eines bleibt jedoch stets bei denjenigen, die Prostitution kriminalisieren wollen, ausgeklammert: Der Sexualtrieb ist bei Frau und Mann nun einmal vorhanden und (brutal, aber ehrlich gesagt) - viele Menschen haben einfach auf dem Markt des Gutaussehens oder Cleverseins verloren. Sie wurden gewogen und zu leicht befunden. Aussortiert. Die Mär von "jedem Topf, der einen Deckel findet", ist letztendlich nur eine Mär, die dazu führen soll, dass der Sexualtrieb, wenn überhaupt, außerhalb der Beziehung nur durch Masturbation ausgelebt werden soll.

Derjenige, der nun einmal in den Genuss von Sexualität kommen möchte, hat gefälligst bis zur Beziehung zu warten, bis zu dem Moment, an dem sich neben der Sexualität auch die Gefühle einstellen. Doch nicht nur wird für viele dieser Augenblick nie kommen - diese Argumentation lässt auch offen, was der- oder diejenige in der Zwischenzeit tun soll. Sich die Dienstleistung eines Sexarbeiters (egal welchen Geschlechtes) zu erkaufen, sollte solange nicht verboten sein, wie der Sexarbeiter diese Dienstleistung selbstbestimmt anbietet.

Nur bei den Sexarbeitern mit: "Wirtschaftliche Not sollte nicht zum Verkauf des Körpers führen" zu argumentieren, ist verlogen - angesichts der Tatsache, dass Menschen aus genau der gleichen Not heraus ihren Körper auf vielfältige Art und Weise verkaufen. Es zeigt auch, dass hier letztendlich erneut der Körper als Mittel zur Sexualität glorifiziert wird und als eine Art "heilige Hülle" dient. Der Beachboy oder die Beachbraut dürfen sich gerne in irgendwelchen Minen oder sonst wo zu Tode schuften - aber sobald sie ihre Sexualität als Zahlungsmittel anwenden, ist die Empörung groß.

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