Die Geldelite verselbständigt sich

04.11.2012

Der Soziologe Hans-Jürgen Krysmanski über die Reichen und Mächtigen dieser Welt

Hans-Jürgen Krysmanski, emeritierter Professor für Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, erforscht seit vielen Jahren die Reichen und Supereichen. Nun hat er mit seinem Buch: "0,1 Prozent - Das Imperium der Milliardäre", eine hochspannende Zusammenfassung seiner Arbeit vorgelegt.

Mit seinem Werk liefert Krysmanski eine Anatomie des Megareichtums dieser Welt. Er entschleiert die teilweise nur schwer zu fassende Macht, die mit diesen enormen Geldwerten verbunden ist, und verdeutlicht so, dass auch in komplexen Systemen und Strukturen, konkret benennbare Akteure am Werke sind, die aufgrund ihrer Vermögenswerte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Gestaltung dieser Welt haben.

Im Telepolis-Interview spricht der Soziologe über die Geldmacht der neuen Super-Klasse, die Schwächen der Gesellschaftswissenschaften bei der Erforschung der Mächtigen und über ein "kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe".

Hans-Jürgen Krysmanski. Bild: Krysmanski

Herr Krysmanski, der Volksmund sagt: Geld regiert die Welt. Sie setzen sich nun schon seit vielen Jahren mit den Reichen und Superreichen in Ihrer sozialwissenschaftlichen Arbeit auseinander. Stimmt der Spruch?

Hans-Jürgen Krysmanski: Mit dem Spruch "Geld regiert die Welt" sind natürlich die großen Geldbesitzer, Geldgeber und Geldnehmer gemeint. "Die mit dem Gold machen die Regeln", sagte die frühere demokratische Gouverneurin von Texas, Ann Richards. Und in dieser Welt lautet ganz ohne Frage die wichtigste goldene Regel: The winner takes all", der Gewinner kriegt alles. So steigen durch Zufall, Schläue, Gewalt, Vererbung ein paar ganz gewöhnliche Menschen in die Regionen des Superreichtums auf. Geld wird zum ultimativen Macht- und Herrschaftsmittel in den Händen von Privatleuten, die letztlich niemandem und zu nichts verpflichtet sind.

Und die erfahren nun allmählich, was man mit Geld alles machen kann?

Hans-Jürgen Krysmanski: "Money is what money does", und das ist unvorstellbar viel. Das ist die gesellschaftliche Rolle der Superreichen und ihrer Praxis. Und manche Neugierige wie unsereins, mit wenig Gold, erforschen das eben in der Theorie. Dabei verdichtet sich die Vermutung, dass da oben eine neue Klasse, eine Super-Klasse, entsteht.

Wer beobachtet die Oberschicht?

Sie kritisieren in Ihrem Buch auch, dass die Sozialwissenschaften noch immer nur relativ wenig in Bezug auf die Elite oder gar die Machtelite an Forschungsergebnissen hervorgebracht hat, da der wissenschaftliche Blick sich kaum noch auf konkret handelnde Akteure richtet. Es geht um Systeme, die miteinander kommunizieren, und komplexe Strukturen. Warum tut sich die Sozialwissenschaft, und ich erwähne insbesondere die Soziologie, so schwer damit, Ross und Reiter beim Namen zu nennen und deren Wirken zu erforschen?

Hans-Jürgen Krysmanski: Ich kann hier nur für die Soziologie sprechen. Das gängige empirische Rüstzeug der Soziologie ist für die Erforschung der Frage, was die Superreichen tun, wenn sie Macht gewinnen, kaum geeignet. Man kann sie kaum befragen und sie werden kaum antworten. Ihre Vermögen lassen sich nur mit großer Unsicherheit schätzen. Der Kanon empirischer Methoden ist nicht wirklich über die industrie- und militärsoziologischen Untersuchungen des letzten Jahrhunderts hinausgekommen. In unseren hierarchisch geschichteten Gesellschaften gibt es noch immer nur eine Beobachtungsperspektive: Die Mittelschichten beobachten die Unterschichten im Auftrag der Oberschicht. Bestenfalls beobachten verschiedene Mittelschichtenfraktionen noch einander. Wer aber beobachtet die Oberschicht?

Können Sie Probleme benennen, die sich einem kritischen Sozialwissenschaftler möglicherweise in den Weg stellen, wenn er einen gesellschaftskritischen oder einen elitekritischen Ansatz verfolgt?

Hans-Jürgen Krysmanski: Intellektuelle haben zu allen Zeiten diesen Fragen nachgespürt, sich für diese Problematik sensibilisiert. Einige sind dann in die Beratung und Betreuung dieser höheren, herrschenden Kreise eingestiegen. Einige sind dabei eingefangen und korrumpiert worden. Andere sind untergegangen oder haben begonnen, die imperialen Strukturen und die Handlungen der "imperial Strukturierten" zu analysieren und zu bekämpfen.

Und schließlich ist in diesen Auseinandersetzungen eine zentrale Kategorie für die frühen Formen des heutigen Imperiums der Milliardäre gefunden worden: der Begriff des Kapitals. Und es war Karl Marx, der das bahnbrechende Werk dazu geschrieben hat. Von hier aus muss nun weitergedacht werden, wobei der Marxismus heute zwar ebenso wie etwa der Darwinismus zu den klassischen Marksteinen wissenschaftlichen Fortschritts gehört. Aber er ist nur die Basis, nicht das Ende der kritischen Erkenntnis ökonomischer, sozialer und politischer Entwicklung.

Diese Probleme sind nicht von der Hand zu weisen. Andererseits: Es gibt durchaus immer wieder auch kritische Soziologen, ich denke hierbei zum Beispiel an Pierre Bourdieu, der sagte, die Soziologie ist wie eine Art Kampfkunst zu verwenden. Damit meinte er: Die Soziologie als Gesellschaftswissenschaft ist doch hervorragend dazu geeignet, einen herrschaftskritischen Blick zu veranschlagen, politische Missstände zu dekonstruieren und so die Hintergründe der Probleme für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Wird vielleicht der Machtelite auch deshalb nicht näher auf die Hände geschaut, weil zu viele Sozialwissenschaftler lieber den bequemeren Weg gehen, ohne anzuecken und sich Schwierigkeiten einzuhandeln?

Hans-Jürgen Krysmanski: Ja, es gibt diese praktischen Barrieren, die sich für einen Sozialwissenschaftler beim Blick in diesen irdischen Himmel auftun. Arnold Gehlen, der konservative Sozialphilosoph, hat immer wieder gesagt: Diese Bereiche der Macht und Herrschaft sind Regionen des Schweigens. Damit unsere Institutionen nicht gefährdet werden, sollten auch Soziologen hier das Maul halten. Von John Kenneth Galbraith kennen wir den Satz: "Unter allen Klassen sind es die Reichen, die am meisten beachtet und am wenigsten studiert werden." Wer also klug ist und auf einer Karriereleiter steht, schweigt.

Zu den Schweigenden scheinen auch so manche Sozialwissenschaftler zu gehören, oder?

Hans-Jürgen Krysmanski: Sicherlich. Die Erforschung von Macht und Herrschaft ist überhaupt seit jeher den seltsamsten Konjunkturschwankungen unterworfen. Gerade wenn es zum Beispiel in der Praxis interessant wird und Kräfteverhältnisse sich ändern, ziehen sich Sozialwissenschaftler oft in subtilste Reflexionswinkel zurück. Und zwar in der ja nicht falschen Einschätzung, dass in zugespitzten Konfliktsituationen eher Polizei, Geheimdienste oder das Militär gefragt sind als Soziologen. Aber das Erkenntnisinteresse verschwindet selbstredend nicht einfach, wenn die akademischen Spezialisten das Weite suchen.

Das Unerwartete ist schon da

Die Fragen nach Macht und Geldmacht werden dann scheinbar von anderen Interessierten angegangen.

Hans-Jürgen Krysmanski: Ja, sie werden mal mehr, mal weniger wissenschaftlich, weiter bearbeitet, Graswurzelforschung, investigativer Journalismus und so weiter springen ein. So war es zum Beispiel um 1900 in den USA, in der Zeit eines ersten großen Herrschaftsschubs kapitalistischer Räuberbarone. Und so ist es heute wieder.

Was würden Sie sich von angehenden Sozialwissenschaftlern wünschen, damit diese den Möglichkeiten, die ihnen ihre Wissenschaftsdisziplin bietet, gerecht werden?

Hans-Jürgen Krysmanski: Sie müssen ihren eigenen Weg gehen. Ich muss immer an die Einschätzung eines der jungen, eigensinnigen dot.com-Milliardäre aus Silicon Valley denken, Joe Firmage, der 1998 als 28-Jähriger über die nach 1980 Geborenen schrieb: "Trotz all ihrer Schwächen hat diese neue Generation mehr als alle anderen vor ihr ein tiefes, inneres Bewusstsein davon, was ihr bevorsteht. Sie ist bombardiert worden mit den lautesten, größten, gleißendsten, stärksten, leckersten, übelsten, besten und schlimmsten Angeboten des Marktes. Und trotz all diesen Konsumlärms, oder vielleicht gerade deswegen, ist diese Generation am empfänglichsten für die sanften, natürlichen, wahren Qualitäten des Lebens. Ihre Imaginationskraft ist atemberaubend kreativ, denn ihnen sind extreme Formen des "edutainment" aufgetischt worden, die weit über das Vorstellungsvermögen ihrer Vorgänger hinausreichen. Ihre Fähigkeit, Vielfalt zu tolerieren, ist enorm und für immer mehr von ihnen ist diese Mannigfaltigkeit der Erfahrungen etwas, wonach sie suchen, statt sie zu bekämpfen."

Was wollen Sie damit sagen?

Hans-Jürgen Krysmanski: Also: Avanti Dilettanti! Avanti Digerati! Letztlich geht es in den Sozialwissenschaften zu allen Zeiten um die Frage, wie man sich Menschheitsgeschichte insgesamt phantasievoll und utopienreich vorstellen kann. Heutzutage lässt sich zudem spielerisch mit vielerlei digital angehauchten Modellen mit den Möglichkeiten des Internet umgehen, um die menschliche Entwicklung unseres Planeten als Ganzes zu verstehen. Ich würde hier beispielsweise die experimentellen Aktivitäten von Google nicht unterschätzen.

Dass hört sich gut an, aber die Realität sieht nun erst mal so aus, dass die Superreichen relativ unbeobachtet von einem analytischen wissenschaftlichen Blick agieren können. Nun stehen diesem "Imperium der Supereichen, wie Sie sagen, auch Akteure gegenüber. Michael Hardt und Antonio Negri sprechen in ihrem Buch Empire von einer "Multitude", also einer zunehmend Masse differenzierender Subjekte.

Hans-Jürgen Krysmanski: Ja, und diese Multitude ist sehr interessant. Diese Multitude ist dabei, ihre Fähigkeiten des Reflektierens und Sprechens über die neuen Formen postkolonialer Unterdrückung und Herrschaft auszubilden und immer klarer den Widerstand zu proben. Dabei geht es längst nicht mehr nur um politische Kritik, sondern um den radikalen Umbau des gesamten ökonomischen Systems, um die Transformation des Kapitalismus als solchen. So haben wir heute tatsächlich zum ersten Mal in der Geschichte des Macht- und Herrschaftshandelns einen Zustand erreicht, der es "im Prinzip" allen Menschen ermöglicht, sich die Freiheit zu nehmen. Damit haben nun ironischerweise auch die Milliardäre (die ihren Superreichtum im Dschungel des Kapitalismus erworben haben) die Freiheit, den Kapitalismus zu überwinden. "Kapitalismus als System wird für Kapitalisten immer unattraktiver. Die Klügsten unter ihnen suchen nach Alternativen, um ihre Privilegien abzusichern", schreibt Immanuel Wallerstein.

Wenn man Ihre Thesen hört, muss man davon ausgehen, dass es bereits "weit nach 12" ist.

Hans-Jürgen Krysmanski: Ja, es ist nach zwölf, die Nacht beginnt. Und wenn man dem vor kurzem gestorbenen Eric Hobsbawm glaubt, "wird Blut fließen, viel Blut". Das Unerwartete ist schon da. In meinem Buch habe ich das so umschrieben: "Die herkömmlichen politischen Systeme als solche werden immer bedeutungsloser. Und auch für die Leistungs- und Wissenseliten und sogar für die Manager wird die Situation immer prekärer. In dieser Lage verselbständigen sich die Geldeliten, sie beginnen im wahrsten Sinne des Wortes, auf eigene Faust mit Söldnerarmeen, privaten Polizei- und Geheimdiensten zu operieren. Klimawandel, Ressourcenprobleme und wachsende, unumkehrbare Arbeitslosigkeit deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich die souveränen, wohlgeschützten Eigner des Besten, was diese Welt zu bieten hat - wie einst die Feudalherren - gut gerüstet. Uns bleibt im Augenblick nur, die Erwartung neuer und neuartiger Klassenkonflikte zu konstatieren."

Doch es ist ja nicht alles schrecklich. Und vielleicht hatte Eric Hobsbawm doch nicht so ganz Recht. Was heute geschieht, ist ja auch in einem ganz tiefen Sinne "interessant". Und wir kennen ja auch Klassenkonflikte, die friedlich, zivil (wenn auch nicht unbedingt gemütlich) abliefen. Und in diesem Chaos steckt ja auch das Neue, an das wir uns halten können.

Für ein Verständnis der Ranking-Listen der Reichen fehlt uns die Bildung

In Ihren Ausführungen klingt an, dass die Superreichen über eine ziemlich große Macht verfügen müssen. Können Sie diese Macht für uns skizzieren?

Hans-Jürgen Krysmanski: Die 1 Prozent oder 0,1 Prozent können sich ihrer Verantwortung für die wachsende Kluft in unseren Gesellschaften nicht entziehen, schreibt die Reuters-Korrespondentin Chrystia Freeland, die demnächst ein Buch über die "Super Elite" herausbringt. Aber auch die Politik hat versagt. Ausgerechnet für diejenigen, die sich in dieser "Winner takes all"-Ökonomie bereichert haben, sind die Steuerlasten gesenkt worden.

Gegen die exorbitanten Gehälter der Topmanager ist nichts getan worden.

Hans-Jürgen Krysmanski: Nein, stattdessen wurden die Gewerkschaften gezielt geschwächt. Chrystia Freeland schreibt: "In von Plutokraten finanzierten Think Tanks wurden unentwegt intellektuelle Argumente gegen die Selbstorganisation der Beschäftigten produziert. Im Jahre 2009 zahlten von den 400 reichsten Steuerzahlern der USA 6 überhaupt keine Steuern, 27 weniger als 10 Prozent und der Rest in keinem Fall mehr als 35 Prozent."

Das ist interessant. Aber diese Ebene, also die Bilder, wenn man so will, von den dahinter stehenden Machtzusammenhängen, wird in dem öffentlichen politischen Diskurs, wie er von den Medien erzeugt wird, nahezu völlig ausgeblendet.

Hans-Jürgen Krysmanski: Das ist völlig richtig. Man kann ja in den dramatischsten Worten über die unheimliche Macht der Finanzmärkte, der Banken schwadronieren. Aber in der Öffentlichkeit fehlen oft die simpelsten Voraussetzungen, um in diesen Dimensionen zu denken. Für ein Verständnis dieser Ranking-Listen von Forbes, Bloomberg, Manager Magazin usw. fehlt uns sozusagen die Bildung.

Wie sollte denn ein "Bildungsprozess" aussehen, um ein Verständnis für diese verdeckten Motivationslagen zu erhalten?

Hans-Jürgen Krysmanski: Als Einstieg in einen solchen Bildungsprozess sollte man vielleicht einmal eine Diskussion über die Deckelung der größten Vermögen in Gang setzen. Zunächst wäre die Aufregung groß. Wahrscheinlich würde "Enteignung" geschrien. Aber was bedeutet es, wenn man beispielweise sagt: die immer noch enorme Summe von 500 Millionen Euro oder Dollar, das sollte doch einem Individuum oder einer Familie reichen. Damit müsste man doch zufrieden sein, sich alle Konsumwünsche erfüllen können, und sogar noch ein bisschen Macht, ein bisschen Kunst und Wissenschaft kaufen und philanthropisch tätig sein.

Von den jetzt diskutierten Formen einer Vermögensabgabe jedenfalls halte ich nicht viel. Da kämen nur Peanuts mit Placebo-Effekt zusammen. Viel interessanter also wäre eine öffentliche Diskussion über eine Deckelung des Superreichtums: Wo ist die obere Grenze für Vermögen, bevor die Sache unsozial, zerstörerisch, gesellschaftlich sinnlos, gefährlich für alle Beteiligten wird - auch für die Superreichen selbst? So betrachtet sind die aktuellen Aktionen für eine UmFAIRteilung zu zahm, denn sie nennen zu wenige Rösser und Reiter.

Der Handlungsspielraum dieser Supereichen oder auch der Machtelite scheint gigantisch. Gibt es dazu überhaupt ein Gegengewicht?

Hans-Jürgen Krysmanski: So wie die Technokraten und Bürokraten in Brüssel aufgestellt sind, so wie die Heere von Lobbyisten es sich dort gemütlich gemacht haben, so wie das Europäische Parlament mit ein paar Machthäppchen abgespeist worden ist, war von vornherein klar, dass Euro-Zone und Europäische Gemeinschaft den ganz großen, längst global vernetzten ökonomischen Interessen dienen sollen. Die großen Vermögen samt deren Mehrern, Beschützern, Rechtfertigern und Minnesängern haben für alle möglichen Zukunftsbedingungen, auch den Zerfall der Euro-Zone, gut vorgesorgt.

Die Verhinderer von Revolutionen haben historisch enorm dazugelernt

Wie kann man dieser Entwicklung Einhalt gebieten?

Hans-Jürgen Krysmanski: Etwa durch eine Revolution? Die Verhinderer von Revolutionen haben historisch enorm dazugelernt, ihr Arsenal reicht heute von brutaler Waffengewalt, rücksichtslosen Überwachungstechniken bis zu höchst subtilen "weichen" Formen der Machtausübung und Beeinflussungskunst. "Revolutionäre" hinken da aus vielerlei Gründen weit hinterher, nicht zuletzt, was die theoretische Durchdringung dieser Zusammenhänge betrifft. Aber sie beginnen aufzuholen. Da spielt selbstverständlich auch das Internet eine Rolle.

Was meinen Sie damit: "Sie beginnen aufzuholen"?

Hans-Jürgen Krysmanski: Es ist ein großer Fortschritt, dass sich durch Bewegungen wie Occupy Wall Street und 99 Prozent im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein einige Einsichten festgeschrieben haben, hinter die nicht mehr zurückgefallen werden kann. Man kann nicht mehr leugnen, dass es eine extreme Ungleichheit der Einkommen auf nationaler und dann noch einmal auf transnationaler Ebene gibt. Man kann nicht mehr den extremen Einfluss leugnen, den das Bankensystem im Interesse von einem Prozent der Weltbevölkerung auf alles, was geschieht, ausübt. Das alles war vor wenigen Jahren noch nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein. Jetzt aber wird dieses Wissen die Basis für Widerstand von Bildungsbürgern und Facharbeitern, für die unterschiedlichsten Gegenbewegungen "von unten".

Nun, wie es aussieht, wollen die Menschen eben die Welt mitplanen, mitgestalten.

Hans-Jürgen Krysmanski: Ja, genau das wollen sie. Und das ist ein neues Phänomen. Sie wollen Transparenz der dem Lobbyismus verfallenen sogenannten Verwaltungsentscheidungen. Sie fordern Dateneinsicht. Sie merken, dass sie mit ihren Computern, über die Netze, mitkontrollieren und mitgestalten könnten. Und etwas hochgestochen vielleicht - ich versuche das in meinem Buch zu erklären - könnte man sagen, dass Planung auf dem Niveau des Planetarischen zur Debatte steht.

Das Geschrei gegen solche emanzipatorischen, nichtkommerziellen Nutzungen des Internet ist groß. Es kommt von denen, welche die Planungshoheit des Kapitals in der bisherigen Form erhalten wollen. Dabei ist es völlig richtig, wenn Heiner Flassbeck schreibt: "Es ist das mangelnde Verständnis des komplexen Systems der globalen Ökonomie, das bis weit in die Linke hinein das permanente Versagen der Politik erklärt. Wir haben nicht die Politiker, die Politik in der globalen Ökonomie machen könnten, und wir haben nicht die Ökonomen, die in der Lage wären, ein Design für diese globale Ökonomie zu entwerfen."

Jean-Claude Juncker, Premier des kleinen Luxemburg, wird folgender Satz aus seiner Trickkiste im Umgang mit Staats- und Regierungschefs der EU nachgesagt: "Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt." Wie bewerten Sie diese Aussage im Kontext Ihrer Forschung?

Hans-Jürgen Krysmanski: Nun, darin steckt die grundsätzliche Frage, wie sich Politik zum Reichtum als der Quelle privater Machteinflüsse verhält. Geht Reichtum zur Politik oder Politik zum Reichtum? Wer ruft wen an und wer kommt? Ein russischer Oligarch, Wladimir Jewtuschenkow, Russlands mächtigster Bankier, berichtet von seiner Beziehung zu Jean-Claude Juncker Folgendes. Vor zehn Jahren habe es noch jahrelanger Verhandlungen bedurft, bis er 25 Prozent der in Luxemburg situierten, einst von der Sowjetunion gegründeten East-West United Bank erwerben konnte. Dann waren es fünfzig, dann hundert Prozent. Als aber 2008 die Finanzkrise ausbrach, wurden reichen Russen plötzlich überall Banken angeboten: "Jetzt bekomme ich innerhalb von fünfzehn Minuten einen Termin beim luxemburgischen Premierminister." Es ist dieser private Zugang zur öffentlichen Politik, der all diese neuen Machtstrukturen des großen Geldes begründet.

Wie kann man die gläsernen Festungen der Banken und Konzerne erforschen?

Gibt es einen vorgelagerten politischen Formationsprozess, der dazu dient, das Agendasetting der Reichen und Mächtigen zu formen?

Hans-Jürgen Krysmanski: Vorgelagert sind, wie gesagt, die Wealth-Management-Industrie und die vielen informellen Macht- und Beeinflussungsnetzwerke. Aus der Sicht des Wealth-Managements erscheinen die "high-net-worth-individuals" (HNWIs) und "ultra-high-net-worth-individuals" (UHNWIs) zunächst einmal als eine Menschengruppe, die wirklich nichts anderes im Kopf hat, als ihre Vermögen zu bewahren, zu vermehren und - wenn's hoch kommt - zu rechtfertigen; das alles gepaart mit der "großen Vererbungssorge" (Marx). Blickt man allerdings etwas genauer hin, so zeigen sich hinter der Palette der Verwertungs- und Investitionsangebote des Wealth-Managements doch die Schemen realer globaler Trends. Diese strategischen Einschätzungen für die Superreichen werden von den entsprechenden Think-Tanks und Stiftungen mit ihrem oft seltsamen Denkpersonal geliefert. Den UHNWIs soll durchaus eine realistische Vorstellung vom gegenwärtigen Weltsystem nähergebracht werden. Zugleich aber gewinnt man den Eindruck, als wolle von denen kaum jemand so genau wissen, was wirklich passiert.

Wie sieht dieser Prozess des Agendasettings aus?

Hans-Jürgen Krysmanski: In der Zeitschrift Forbes erschien vor kurzem ein Bericht unter dem Titel "Milliardäre lenken Millionen in die Think-Tanks", der sich zunächst einmal auf den noch immer weltweit größten Gedankenmarkt, die USA, konzentriert. Die Zahl der Think-Tanks ist allein dort von wenigen Dutzend in den 1940er Jahren auf heute mehr als 1800 angewachsen. Viele der Neugründungen sind ganz ungeniert parteilich. Doch das führende Personal dieser Institutionen, konfrontiert mit der Widersprüchlichkeit und Komplexität der Probleme, ist nicht so ohne weiteres willfährig. So sagt Tevi Troy, ein Senior Fellow des streng konservativen Hudson Institute: "Ich bin ein begeisterter Fan von Think-Tanks. Aber der Preis dieser Politisierung ist, dass gute Politikforschung aus öffentlichen Institutionen nicht mehr ernstgenommen wird. Ihre gefüllten Taschen erlauben den Reichsten, immer mehr an Einfluss in dieser Welt zu gewinnen."

Und da ist man dann schnell bei Geheimgesellschaften und Verschwörungen (die es ohne Frage gibt, auch wenn sie niemals "weltumspannend" sein können). Immer wieder tauchen die Namen Bilderberg oder Davos auf, auch wenn das nur die Spitze eines Eisbergs ist. Aber wie dies erforschen? Mit welchen Methoden? Welche Möglichkeiten hat der investigative Journalismus? Man braucht ja nur einmal den Security-Apparat zu erleben, der in Gang gesetzt wird, wenn man als einfacher Besucher in einer der großen Foundations eine Verabredung hat. Ganz zu schweigen von den gläsernen Festungen der Banken und Konzerne.

Aus dem erlauchten Kreise der Bilderberger kommt auch der frischgebackene SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Ist es ein gutes Zeichen, wenn ein möglicher neuer Bundeskanzler bereits im Vorfeld eine Politik der Hinterzimmer betreibt?

Hans-Jürgen Krysmanski: Das ist nun wirklich egal, ob Herr Steinbrück oder Herr Westerwelle oder Herr Trittin sich zu den Treffen der Bilderberger kutschieren lassen. Wenn sie klug sind, stellen sie amüsiert skeptische Beobachtungen an. Andernfalls werden sie halt eingelullt und instrumentalisiert. Das politische Spektrum soll durch solche Verbrüderungen jedenfalls auf rechte Neoliberale und linke Neoliberale eingegrenzt werden. Und uns soll es gleichgültig werden, wer die nächsten Wahlen gewinnt, so wie in den USA. Über die dortige Situation schreibt Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman: "Wir bekommen auf jeden Fall eine Regierung von den 0,01 Prozent durch die 0,01 Prozent für die 0,01 Prozent."

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