Wenn das Pferd auf den Freier wartet

Alle Jahre wieder werden "Tierbordelle" aus dem Giftschrank der Medien gekramt, diesmal sieht sich sogar die deutsche Regierung gezwungen, aktiv zu werden. Aber gibt es eigentlich Beweise für sie?

Wenn die Länderkammer Deutschlands Handlungsbedarf sieht, lohnt es sich oft, genauer hinzuschauen. Die Badische Zeitung hat dies im Fall der Tierbordelle getan und, was wenig erstaunlich ist, herausgefunden, dass es für die Existenz von Tierbordellen in Deutschland bzw. überhaupt keinen Beweis gibt.

Interessant dabei ist, wie die Feststellung, es gäbe Tierbordelle, zur Länderkammer gelangte - zwar ging die Initiative für eine Neuregelung zoophiler Praktiken (bzw. des Verbotes dieser) von Rheinland-Pfalz aus - doch da berief man sich auf hessische Informationen, die wiederum nicht belegbar sind. Belege erachtet Madeline Martin, die hessische Tierschutzbeauftragte, aber auch gar nicht für notwendig. Für sie liegt es "im Bereich des Hochwahrscheinlichen und Logischen, dass wir [Tierbordelle] auch in Deutschland haben", wenn es diese in Skandinavien gibt.

Wer den Artikel bei der Badischen Zeitung weiterliest, der stellt jedoch fest, dass auch die skandinavischen Tierbordelle eher eine Art Mythos sind und letztendlich nur in einem Bericht der Zeitung "24timer" auftauchten, von dem dann diverse andere Medien die "Information" übernahmen. Außer diesem Bericht gibt es noch diverse "Tierschutzseiten", die so etwas behaupten, aber alleine schon durch ihre Aufmachung wenig seriös anmuten.

So schreibt der bekannte Tierrechtler Carsten Thierfelder, dass es die Tierbordelle gebe, bleibt aber außer einem Bild sowie einem kurzen, reißerischem Text, in dem von "Porno-Hölle" gesprochen wird, weitere Beweise schuldig, Links zum Originalartikel oder gar sonstige Hinweise fehlen völlig. Es wäre daher wichtig zu wissen, weshalb nunmehr ein solcher Aktivismus in Bezug auf Zoophilie begonnen hat.

Von abgeschlachteten Pferden und Zoophilen

Der frühere Begriff "Sodomie", der auch für z.B. Analverkehr zwischen männlichen Menschen genutzt wurde, geht auf die Stadt "Sodom" zurück, die laut der Bibel unter Feuer und Schwefel begraben wurde, da sie "der Sünde anheim gefallen war". Er ist also religiös aufgeladen. Der Begriff Zoophilie ist, wie auch der Begriff der Ephebophilie oder der Pädophilie, umstritten. Kritiker monieren, dass durch die Verwendung der Wortendung "philie", die sich vom Begriff für Freundschaft und Liebe ableitet, die Neigung, die nach Meinung der Kritiker früher oder später mit (gewaltsamen) Taten einhergehen muss, verharmlost wird. Wie bei der Pädophilie, so wird argumentiert, wird hier von jenen, die diese Neigung aufweisen, ein Begriff genutzt, der die Realität verschleiert und den Opfern gegenüber nicht mit genug Empathie ausgestattet ist.

Bei der Zoophilie kann es (wie auch bei anderen Paraphilien) zu gewaltsamen Taten kommen. Dies muss jedoch nicht der Fall sein. Vielfach herrscht der Gedanke vor, dass Zoophilie mit Tierquälerei einhergeht. Die Bilder von gewaltsam penetrierten Tieren entstehen fast automatisch in den Köpfen derjenigen, mit denen man über Zoophilie redet.

Eine andere Seite der Zoophilie ist dagegen weithin unbekannt - die der gewaltlosen Zoophilie. Sie ist auch deshalb unbekannt, weil der Begriff Zoophilie an sich schon bei vielen Ekel und Abneigung erzeugt und daher die Bereitschaft, sich zu dem Thema zu informieren, überschattet wird von der spontanen Abneigung gegen Menschen, die sich in irgendeiner Form zu ihrem Tier sexuell hingezogen fühlen (bzw. dies als Partner haben oder haben möchten). Dies lässt eine Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern Zoophilie auch ohne Gewalt praktiziert wird, fast unmöglich erscheinen. Ausgehend von dem Aspekt, dass auch Tiere eine Würde haben, die durch die (sexuelle) Beziehung mit dem Menschen verletzt wird (weil das Tier keine Wahlmöglichkeit hat), wird Zoophilie auch als Ausbeutung von Tieren angesehen.

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Interessant ist, dass bei der Diskussion rund um Zoophilie stets auch Tierquälereien im allgemeinen mit der Zoophilie vermengt werden. So werden beispielsweise die Taten von sogenannten Pferderippern (Täter, die Pferde entweder töten oder verstümmeln - häufig im Genitalbereich) automatisch mit Zoophilie in Verbindung gesetzt. Dabei können diese Taten sexuell motiviert sein, dies muss jedoch nicht der Fall sein. Tierquälerei ist, selbst wenn man den großen Bereich der Massentierhaltung sowie der Tierversuche ausklammert, nicht oft sexuell motiviert. Viele Taten gehen beispielsweise auf Kinder oder Jugendliche zurück, die augenscheinlich nicht wissen, dass auch Tiere leiden können (oder denen dies egal ist), wie z.B. im Fall des Igels, der mit Benzin übergossen und angezündet wurde. In anderen Fällen ist Unwissen (z.B. falsche Ernährung, die zu Koliken usw. führt), eine eher gleichgültige Haltung gegenüber Tieren per se, oder aber der Wunsch, das Tier loszuwerden, ohne hierfür Extrakosten bzw. Aufwand zu haben (Ertränken von Bauernhofkatzen, Erschlagen von streunenden Hunden), der Grund für die Quälerei.

Unabhängig davon, wie man zur Zoophilie steht, stellt sich die Frage, inwiefern die Tatsache, dass Zoophile existiert, automatisch zur Existenz von Tierbordellen führen muss.

Was nachgefragt wird, wird auch angeboten

Eine Begründung dafür, dass es Tierbordelle geben müsste, wird häufig aus der Marktprämisse, dass eine Nachfrage auch ein Angebot kreiert, abgeleitet. Hierbei wird außer Acht gelassen, dass es eine echte Nachfrage für Tierbordelle geben müsste - und nicht nur eine innerhalb einer überschaubaren Gruppe vorherrschende sexuelle Präferenz in Bezug auf Tiere. Es herrscht jedoch auch bei (Haus-)Tieren ein großes Angebot, so dass (sollte es um den Erwerb eines Tieres gehen, um mit diesem die eigene sexuelle Neigung auszuleben) kein Etablissement notwendig wäre.

Ein Blick in diverse Kleinanzeigenportale bzw. -zeitungen reicht aus um herauszufinden, dass täglich viele Hunde einen neuen Besitzer "suchen". Das österreichische Portal willhaben.at listet beispielsweise am 24. Oktober 2012 69 Mischlinge und 56 Rassehunde auf, die für unter 50 Euro zum Verkauf stehen. Man könnte hier als Gegenargument anführen, dass nicht jedem zoophilen Menschen, der eine sexuelle Beziehung mit einem Hund wünscht, auch automatisch die Möglichkeit gegeben ist, diesen bei sich zu halten. Allerdings dürfte bei entsprechend starker Neigung ein Umzug kein unüberwindliches Hindernis sein.

Die Frage wäre auch, welche Tiere in einem Tierbordell überhaupt als geeignet für die Prostitution in Frage kämen - und inwiefern sich deren Haltung dann realisieren ließe. Neben dem "Vorzeigetier" Pferd, das seit Katharina der Großen als Sinnbild des zoophilen Partners dient, kämen wenige Tiere in Frage, die zudem noch ohne große Anschaffungs- und Haltungskosten sowie entsprechender tierärztlicher Behandlung auskämen. Zudem sind heutzutage gerade auch Tierschützer sehr aktiv und aufmerksam, so dass kaum anzunehmen wäre, dass ein solches Etablissement dauerhaft im Verborgenen "blühen" könnte.

Katharina die Große, portraitiert von Giovanni Battista Lampi.

Selbst wenn diese Argumente nicht als stichhaltig angesehen werden würden, läge es an denjenigen, die nun ihren Vorstoß, Zoophilie stärker zu kriminalisieren, mit dem Vorhandensein von Tierbordellen zu begründen, deren Existenz auch nachzuweisen. Es reicht nicht, hier lediglich von "es wäre möglich" zu raunen, oder davon, dass es "anzunehmen" sei. Sehr viel wahrscheinlicher ist nämlich, dass mit der Verbotsdebatte die Lobbyarbeit der Tierschützer gegen Zoophilie im allgemeinen Früchte getragen hat, weil bei diesen oftmals das Gerücht der Tierbordelle weitergetragen wird, ohne sich um Fakten diesbezüglich zu bemühen.

Zoophilie (bzw. deren Ausleben) zu verbieten, ist eine Sache, die bewertet werden kann und sollte. Doch diesen Verbotsvorstoß mit einem unbewiesenen Mythos, der in den Köpfen der Öffentlichkeit Bilder von gequälten und nur zum sexuellen Verkehr mit Fremden gehaltenen Tieren, die von gewissenlosen Menschen reihenweise penetriert werden, entstehen lässt, zu begründen, zeigt einmal öfter wie wenig sich die Politik noch um Fakten kümmert, wenn es darum geht, sich PR-wirksam zu präsentieren. So beschäftigt sich also die Politik (bewusst simpel ausgedrückt) mit Scheinproblemen und kann sich nachher auf die Fahne schreiben, aktiv gegen Tierbordelle vorgegangen zu sein - möge es sie gegeben haben oder nicht.

Problematisch bei diesem Thema ist, dass sich (aufgrund der Verquickung der Themenfelder Zoophilie und Tierquälerei) diejenigen, die das Thema aufgreifen, stets als Zielscheibe übereifriger Tierschützer anbieten, die der Meinung sind, hier solle Tierquälerei verharmlost werden. Eine unaufgeregtere Diskussion würde diesem Thema gut tun.

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