SPD will "Pille danach" rezeptfrei

29.10.2012

Das in Deutschland verschreibungspflichtige Medikament kann in den USA und 28 europäischen Ländern ohne ärztliche Bescheinigung erworben werden

Die "Pille danach" ist ein Medikament, das oft mit der "Abtreibungspille" RU-486 verwechselt wird. Tätsächlich handelt es sich dabei aber um zwei ganz verschiedene Arzneimittel: Während RU-486 in einem Zeitraum bis zu 63 Tagen nach der Empfängnis eingenommen wird und dann dazu führt, dass ein Abgang ausgelöst wird, bestehen die "Pillen danach" aus dem Gelbkörperhormonderivat Levonorgestrel (LNG), das innerhalb von drei Tagen nach einem unverhüteten Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft verhindern soll.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt die rezeptfreie Abgabe des seit Langem bewährten Medikaments, das unter zahlreichen Markennamen angeboten wird. An diese Vorgabe halten sich 28 europäische Staaten und die USA, aber nicht die Bundesrepublik Deutschland. Das will die SPD nun ändern: Ihre Bundestagsfraktion hat in der letzten Woche einen Antrag mit der Nummer 17/11039 eingebracht, der über eine "Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung gemäß der Empfehlung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte […] die rechtlichen Voraussetzungen für die rezeptfreie Abgabe eines Medikaments" schaffen soll.

Dadurch werden nach Ansicht der Sozialdemokraten nicht nur ungewollte Schwangerschaften, sondern auch Schwangerschaftsabbrüche vermieden, weil der Aufwand der Einnahme nach einem geplatzten Kondom oder einem ungeplanten Koitus deutlich geringer wäre als aktuell. Außerdem könnte das Medikament sehr viel schneller eingenommen werden als bisher, was die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaftsverhütung deutlich erhöht.

Bislang scheiterte eine Änderung der Rechtslage vor allem an Politikern aus der Union. Hier wird teilweise damit argumentiert, dass LNG nicht nur über eine Behinderung des Eisprungs und der Spermienbewegung wirken, sondern auch die Einnistung einer befruchteten Eizelle behindern könnte, wogegen man religiös-ethische Bedenken habe. Ob dies tatsächlich der Fall ist, ist unter Medizinern umstritten. Als gesichert gilt jedoch, dass LNG einer bereits eingenisteten befruchteten Eizelle nichts mehr anhaben kann.

Gegner führen außerdem Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, verspätete Menstruationsblutungen, Zwischenblutungen, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen ins Feld. Allerdings haben viele andere rezeptfreie Medikamente ähnliche oder stärkere Nebenwirkungen. In diesem Kontext stuft die WHO LNG als verhältnismäßig gut verträglich ein. Und der Hinweis, dass bei schnellem Erbrechen erneut eine Pille eingenommen und mit übelkeitsunterdrückenden Zusatzmedikamenten wie Metoclopramid (MCP) im Magen behalten werden muss, kann Benutzerinnen der Pille nicht nur von einem Arzt, sondern auch von einem Apotheker gegeben werden.

Nicht betroffen von dem SPD-Antrag wäre der Progesteron-Rezeptor-Modulator Ulipristal, der seit 2009 in der EU als verschreibungspflichtiges Medikament zugelassen ist. Er soll eine Schwangerschaft innerhalb von fünf Tagen nach einem Koitus verhindern, indem er die Produktion von Eiweißstoffen hemmt.

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