"Bildung stellt heute keinen Wert mehr dar"

11.11.2012

Thomas Rietzschel über das Phänomen des Dilettantismus. Teil 2

Nur in der rationellen Übertreibung wird noch klar, was überhaupt Sache ist: Auch falls man nicht allen seiner Positionen zustimmen sollte, ist Thomas Rietzschels mit kräftigen Extrapolationen gewürztes Buch Stunde der Dilettanten eine bemerkenswerte und nicht zuletzt exzellent formulierte Abrechnung mit der zunehmenden Dilettantisierung der Politik und fortwährenden Irrationalisierung der Gesellschaft, in der die wirtschaftliche Macht in dem Maße zu expandieren scheint, wie das Bildungsniveau abnimmt, Unwissenheit und Angebertum nicht Hindernisse, sondern im Gegenteil Voraussetzungen für beruflichen Erfolg geworden sind und sich dementsprechend vor allem in den obersten Etagen strukturell narzisstische und clevere Idioten tummeln.

Im Bezug auf den gegenwärtigen Politikbetrieb sprechen Sie von einer "Verzwergung" der Politik. Welche Rolle spielen bei diesem Prozess die Medien, beziehungsweise deren Übernahme durch den Boulevard?

Thomas Rietzschel: Im Zuge des Übergangs von der Bonner zur Berliner Republik hat sich das Rollenverständnis vieler verändert. Es wimmelt von verkappten Wasserträgern der Politik. In der Nähe der Macht, wie sie sich in Berlin zwangsläufig ergibt, habe viele die Distanz verloren. Schauen sie sich die Hauptnachrichten von ARD und ZDF an, da wirkt doch vieles schon wie Verlautbarungsjournalismus. Es wird transportiert, was die Politik verkaufen will, Phrasen und Plattitüden. Es hat sich eine plumpe Vertraulichkeit eingeschlichen, die sich bereits in der intimen Titulierung der Politiker durch die Journalisten offenbart, "Angela Merkel", "Wolfgang Schäuble" und so weiter und so fort. Und es ist sicher auch kein Zufall, dass der journalistische Mut meist erst aufflammt, wenn einer abtreten muss oder zu fallen droht. Das, was eigentlich Journalismus sein sollte, wird uns immer öfter als Unterhaltungsprogramm geboten. Die "wichtigste" Talkshow der ARD wird von Günther Jauch, einem Entertainer moderiert, einem journalistischen Dilettanten.

Könnten Sie sich vorstellen, dass in Deutschland die Blender zur Zeit der Treuhand hegemonial geworden sind?

Thomas Rietzschel: Den Blendern ist im Zuge der Wiedervereinigung eine große Chance geboten worden. Ein Irrtum wäre es allerdings anzunehmen, dass die Blender ohne die Wiedervereinigung nicht an die Macht gekommen wären. Zwar konnten sie nun in einem Land auftrumpfen, das mit den Regeln bürgerlicher Wirtschaft überhaupt nicht mehr vertraut war, und konnten dort noch mehr als in West-Deutschland aufschneiden. Alles in allem jedoch teile ich nicht die pauschale Verurteilung dessen, was die Treuhand gemacht hat. Schließlich musste sie ein völlig marodes Wirtschaftssystem abwickeln. Ohne die Treuhand wäre dieser Prozess wahrscheinlich noch viel chaotischer abgelaufen. Die Wiedervereinigung hat den Aufstieg der Blender befeuert, verursacht hat sie ihn nicht.

"Das Tun des Einzelnen besagt nichts gegen eine historische Entwicklungstendenz"

Sie erklären die Erosion der bürgerlichen Werte in ihrer eigenen Gesellschaft mit fehlender Bildung, die Sie wiederum auf die Einführung der Reformpädagogik zurückführen. Zumindest einer der Hauptprotagonisten Ihres Buches, Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, scheint aber nicht gerade einem antiautoritären Kindergarten entsprungen zu sein. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Thomas Rietzschel: Die Reformpädagogik ist integriert in den Prozess eines fortschreitenden Bildungsverlustes. Bildung stellt heute keinen Wert mehr dar. In der Guttenberg-Affäre wurde deutlich, dass sie etwas ist, worüber man sich zum Gaudi der Gesellschaft lustig machen kann. Und ob Herr von und zu Guttenberg nun ein Elite-Gymnasium besucht hat oder in einem antiautoritären Kindergarten erzogen wurde, spielt dabei insofern keine Rolle, als das Tun des Einzelnen nichts gegen eine historische Entwicklungstendenz besagt.

So oder so hat er von der Toleranz einer bildungsvergessenen Gesellschaft profitiert. Immerhin war es die Bundeskanzlerin, die, kaum dass ihr Minister des geistigen Diebstahls überführt war, ganz selbstverständlich erklärte, sie haben den Mann doch nicht als Promovenden eingestellt, weshalb er auch getrost Minister bleiben könne. Dass es dann anders kam, haben wiederum andere erzwungen.

Sie haben natürlich bemerkt, dass von und zu Guttenberg, der sich ja gerne damit aufspreizt, Platon auf altgriechisch zu lesen, in einem Interview mit Giovanni di Lorenzo zoon politicon mit politisches Tier übersetzte, was anscheinend dem Chefredakteur der "Zeit" auch nicht aufgefallen ist...

Thomas Rietzschel: Sie haben es beide nicht bemerkt. Man sieht, wie hier nur noch mit Versatzstücken und Bildungsbrocken herumgeworfen wird, die man gar nicht verstanden hat, mit denen man sich aber umso bedenkenloser schmückt. Weil er nicht weiß, wovon er spricht, schwadroniert der Dilettant hemmungslos. Das ist in der Politik gang und gäbe.

"Der materielle Zuwachs ist eine Illusion"

Können Sie sich vorstellen, dass zwischen einer sozial polarisierenden Wirtschaft und Politik, der Ökonomisierung des Alltagslebens und der Brutalisierung der Gesellschaft ein Kausalnexus besteht - und wenn nein, warum nicht?

Thomas Rietzschel: Doch, er besteht. Und dies ist vor allem die Folge eines voranschreitenden Bildungsverlustes, einer gesellschaftlichen Umorientierung, in deren Verlauf der Einzelne gelernt hat, sein Selbstbewusstsein nur mehr aus materiellem Zugewinn zu beziehen. Im Zuge des wachsenden Wohlstandzuwachses hat sich diese materielle Orientierung in den Vordergrund geschoben, politisch forciert. Das heißt, politische Macht wurde erlangt oder gesichert, indem man immer mehr Wohlstand versprochen hat. Das war das Procedere des letzen fünfzig Jahre. Unterdessen jedoch droht der Schwindel aufzufliegen. Denn Wachstum lässt sich nicht unendlich steigern. Schon heute ist der Reichtum, von dem wir glauben, zehren zu können, nicht mehr real, sondern nur noch virtuell vorhanden. Den imaginierten Vermögen fehlt die Deckung, nicht anders als auf den Konten des Jahrhundertbetrügers Bernard Madoff. Wir leben davon, neue Schulden aufzunehmen, um die alten bezahlen zu können.

Der materielle Zuwachs ist eine Illusion. Daraus werden wir auf längere Frist unser Selbstbewusstsein nicht mehr herleiten können, nicht als Gesellschaft und nicht als Individuen. Wir haben aber auch nichts mehr, das wir an dessen Stelle setzen können, keine ideellen Werte, keine Bildungsstreben. Vielmehr existiert da ein riesiger bildungsentleerter Hohlraum, den wir mit materiellem Zuwachs nicht mehr füllen können. Und wie jeder ausgesaugte Hohlraum so birgt auch dieser die Gefahr in sich zu implodieren.

Ist das eine zu steile These für Sie, wenn ich jetzt behaupte, dass sich doch ein bürgerlicher Wert gehalten hat, nämlich das Geld?

Thomas Rietzschel: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber auf diesen Wert ist weiter kein Verlass, weil das Geld nicht mehr da ist. Es existiert nur noch die Illusion davon. Die Bilanzen zum Beispiel der Bundesbank stimmen nur noch, weil darin als Forderungen Riesensummen stehen, die uns andere Länder schulden, allein diese Schulden sind durch nichts gedeckt.

Letzte Frage: Wie könnte dieser Entwicklung Einhalt geboten werden? Und was muss geschehen damit die ganze Chose wieder in Richtung Goethe, Hacks und Aristoteles geht?

Thomas Rietzschel: Sie haben vorhin gesagt, ich sei ein Konservativer. Das stimmt. Aber sind nicht alle, die vorausgedacht haben, immer auch Konservative gewesen? Nur wenn wir das, was da ist, im Hegelschen Sinne "aufheben", können wir vorankommen: Wir müssen es bewahren, überwinden und weiterentwickeln. Alle revolutionären Versuche, die tabula rasa machen wollten, sind nach kurzer Zeit gescheitert, haben im Chaos geendet. Wir können also die Dinge nur verändern, indem wir sie bewahren. Das zum ersten. Und zweitens verfügen wir heute über technische Mittel, die es leicht machen sollten, uns wieder auf die Bildung zu besinnen. Von den Dilettanten haben wir uns lange genug verschaukeln lassen.

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