Kopieren ist eine Kulturleistung

05.11.2012

Die Digitalen im Gespräch mit Ilija Trojanow darüber, dass der Fetisch Copyright Neuem im Wege steht und Kunst auch Kopien beinhaltet

Künstler aller Länder vereinigt Euch, Ihr habt nur Eure Urheberrechte zu verlieren. In einer aufgeheizten Diskussion um das Leistungsschutzrecht von Verlegern und der Frage, wie weit die Kopie eines Inhalts rechtmäßig ist, auch wenn sie nur dem eigenen Gebrauch oder gar nur dem Verweis auf den Inhalt dient, kommen letztendlich wesentliche Fragen ins Hintertreffen.

Copy und Paste sind eine Kulturleistung. Nicht erst beim Konsumenten. Denn, so Ilija Trojanow, Kopieren ist ja bereits Teil des künstlerischen Prozesses. Künstler selbst raubkopieren nicht einfach Vorhandenes, sie verstehen sich als Innovatoren. Und abseits von Fällen wie zu Guttenberg stellen eindeutige Kopien eine zu vernachlässigende Größe dar. Davon abgesehen handele es sich bei Doktorarbeiten um ein Ritual der ökonomischen Ermächtigung, nicht um literarische Arbeit.

Die Moderne stehe unter einem Originalitätsdruck, so Ilija Trojanow, dabei könne ein Remake Sinn machen, bereits Bestehendes neuen Generationen wieder zuzuführen. Die Aura des Kunstwerks im Zeitalter der Reproduzierbarkeit ist, wie Benjamin vorausgesagt hat, mit der Ausnahme von Werken in Nischen verschwunden, die als Konzept nicht kopiert werden können.

Kunst kommt von Kopieren. Und sie kopiert sich auch selbst, indem sie entweder eine Iteration, eine neue Version darstellt oder wie am Beispiel von Techno die eigene Struktur wiederholt. Selbst dann, wenn diese wie durch Brandt Brauer Frick per Hand gespielt wird. Musik hat auf der einen Seite eine Tradition der Rück- und Selbstbezüglichkeit. Schon Led Zeppelin oder Bob Dylan stellen im Remix neue Musik aus vorhandenen Quellen her, ohne nur zu kopieren. Und der Mashup solcher Musik in neuem Kontext ist das, was Pop ermöglicht. Die Wiedergabe auf der Basis einer Gleichheit der musikalischen Vokabeln, die sich nur selten wirklich weiter entwickelt.

Dem stehen der Kampf um das Copyright und der daraus resultierenden Verwertbarkeit durch Verwertungsgesellschaften immer auch entgegen. Denn drei Ebenen geraten unglückselig ineinander, wenn es um die Kopie eines Teiles oder einer Passage in einem Kunstwerk geht. Die künstlerische, die rechtliche und damit auch die wirtschaftliche. Trojanow, der zusammen mit Juli Zeh im Sommer 2012 eine erneute Debatte um das Urheberrecht als Reaktion auf den Aufruf zahlreicher Autoren gestartet hat, sieht das Copyright sich mehr und mehr zu einem Fetisch in der Gesellschaft etablieren. Man tue geradeso, als handele es sich hier um ein Fundament unserer Kultur. Was nicht der Fall sei. Große Kulturleistungen haben immer ein starkes Mäzenatentum hinter sich gewusst. Die unzähligen Literaturpreise seien in dieser Richtung zu sehen.

Das müsse man sich vor Augen halten, eine Subventionskultur zu akzeptieren und sie zu fördern, würde bedeuten, dass man Inhalte auch kostenlos zur Verfügung stellen müsse. Um der kulturellen Weiterentwicklung Willen.

Die Copy & Paste-Kultur der vergangenen Jahrzehnte hat ungeheuer viel hervorgebracht. Sie ermöglicht das, was in der Wissenschaft entsteht, wenn eine Erkenntnis auf der anderen frei aufbauen kann und sie dann weiterentwickelt. Aber auch hier sind Patentstreitereien zum Stolperstein geworden. Was man patentieren lassen kann, kann zum Stopp für alles weitere werden. Die ursprüngliche Idee, durch Patente oder das Copyright für Künstler deren Existenzgrundlage zu sichern, führt dazu, dass im Musiksektor die GEMA heute nur 10 Prozent der Künstler etwas auszahlt, die meisten aber leer ausgehen. Ob es eine Grundversorgung für Künstler geben sollte, das sei dahin gestellt. Dass aber auf der anderen Seite die Anstrengung, die zu Kunst führt und von vielen genossen wird, für den Mittelbau einfach zu wenig abwirft, stellt die Grundfrage, ob das System der Leistungsschutzrechte nicht Wenigen an der Spitze alles und dem Rest nichts ermöglicht.

Der Preis dafür ist allemal ein Lauf im Minenfeld der Patente und Copyrightverletzungen, der Künstler zum Trippelschritt zwingt, wenn sie eine Idee aufnehmen und daran arbeiten. Vor allem in einem Zeitalter, in dem es für eine Arbeitskopie nur noch einen Tastendruck braucht.

Die Digitalen

Drei Medienarbeiter (Michael A. Konitzer, Anatol Locker und Harald Taglinger), die sich schon seit Ende der 80er in digitalen Kanälen bewegen, haben den digitalen Wandel gelebt und begleitet. Sie unterhalten sich in einem Podcast einmal im Monat über die derzeitigen Hotspots und darüber wie in einer sich entwickelnden digitalen Welt die Konstante Mensch sich mit komplexeren medialen Möglichkeiten agiert. Das tun sie nicht alleine. Sie laden Gäste dazu ein. Sie plaudern mit ihm/ihr/ihnen über seine Sicht des Themas. Alle Folgen sind auch via iTunes als Podcast verfügbar.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige

Vier Tage Amerika

Ralf Bendrath 18.09.2001

Impressionen aus Washington

Dienstag, der elfte September, zehn Uhr morgens in Washington D.C. Ich habe hier vergangene Woche an einer Konferenz teilgenommen und warte auf einige Kollegen, die am Samstag für eine Reihe gemeinsamer Termine aus Berlin ankommen sollen. Die freie Woche nutze ich, um Freunde zu besuchen, und versuche, noch ein paar Interviews zu organisieren. Meine Gastgeberin Jenny klopft heftig an die Tür: "Komm schnell - das World Trade Center und das Pentagon brennen!"

weiterlesen
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS