Gechlorte Albträume: Von den Barbaren zur Agrarindustrie
Die Affäre Dominici, Teil 2
Teil 1: Schüsse in der Nacht: Die Affäre Dominici
Der Ort Forcalquier hatte 1952 etwa 2000 Einwohner. Am 7. August, als die Drummonds beigesetzt wurden, drängten sich dort doppelt so viele Menschen. Man hatte einen protestantischen Kirchenchor aus Nizza herbeigeschafft, kleine Mädchen streuten Blumen, aus Marseille war der britische Generalkonsul angereist. Sir Jacks nächster Angehöriger, ein Patensohn, war mit einer Abordnung der Firma Boots aus England gekommen und die Marrians, bei denen die Drummonds den Urlaub hatten verbringen wollen, aus Villefranche-sur-Mer. Lady Annes Mutter erschien nicht. Sie hatte aus der Zeitung von der Ermordung ihrer Tochter erfahren und einen Schlaganfall erlitten. Die britischen Behörden hatten es versäumt, ihr die Nachricht zuvor schonend beizubringen. Die Mutter war bis an ihr Lebensende gelähmt.
Der Bürgermeister von Forcalquier hielt eine feierliche Rede: "Sir Jack Drummond und seine Familie werden ihren letzten Schlaf in der Erde Frankreichs schlafen, die sie so sehr liebten, in der Erde, die auch die ihre ist, weil so viele britische Soldaten zusammen mit ihren französischen Kameraden ihr Blut vergossen haben, um sie zu verteidigen." Und weiter: "Die gesamte französische Nation ist mit dem britischen Volk in Trauer vereint." Große französische Tageszeitungen erklärten es zur nationalen Aufgabe, den oder die Täter der gerechten Strafe zuzuführen. Und dann wurde mit Gustave Dominici ein unartikulierter, scheinbar aus dem vorindustriellen Zeitalter übrig gebliebener Bauer, der nur etwas zugab, um es sofort wieder abzustreiten, wegen unterlassener Hilfeleistung zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Das konnte das Publikum nicht zufrieden stellen.
Mord mit Déjà-vu-Effekt
Bei der Polizei gingen mehr als 5000 Hinweise ein, diesseits und jenseits des Kanals. James Fergusson, der Autor von The Vitamin Murders, hat die im Public Records Office in Kew aufbewahrten Akten eingesehen und unter anderem einen anonymen Brief gefunden, dessen Verfasser die IRA beschuldigt. Die Drummonds wurden aus Rache dafür ermordet, dass man einer irischen Tanztruppe bei einem Volksmusikfest in Nizza das Absingen der irischen Nationalhymne untersagt und zu allem Überfluss noch den Union Jack aufgezogen hatte, als die Tänzer ihre Formation einnahmen. Ein Medium aus Johannesburg hatte einen Mann mit einem Hammer gesehen, der auf den Schienen stand. Und Lady Knollys, einer Hellseherin aus Tunbridge Wells, war Lady Anne Drummond im Traum erschienen, um ihr zu sagen, wer der Mörder war: ein Psychopath, der die Drummonds zwingen wollte, die Verantwortung für seine Verbrechen zu übernehmen. Offenbar kannte Anne Drummond seinen Namen nicht, weil sie ihn Lady Knollys sonst bestimmt genannt hätte.
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Die Special Operations Executive (SOE) des britischen Geheimdiensts hatte im Krieg eng mit dem Maquis kooperiert, ihn mit Waffen versorgt und logistische Unterstützung geleistet. Französische Zeitungen verbreiteten die Theorie, dass Jack Drummond ein Agent war, den die Londoner Zentrale in die Basses-Alpes geschickt hatte, um im Krieg mit dem Fallschirm abgeworfenes Gold zurückzufordern. Der Daily Express dagegen wollte erfahren haben, dass die Dominicis in den internationalen Waffenschmuggel verwickelt waren. Ihr Bauernhof lag auf einer geheimen Route, auf der Kriegsgerät zur FLN nach Algerien gebracht wurde. In der Mordnacht sollte eine Lieferung abgehen. Nach ihrer Weigerung, woanders zu campieren, wurden die Drummonds von den Dominicis erschossen, weil ein Terrorist namens Esteban es so verlangt hatte. Zeitungsleser, die das mit der FLN nicht überzeugte, fanden vielleicht mehr Gefallen an dem geheimen Waffenlager, das für den Vormarsch der Roten Armee angelegt worden war. Die Dominicis bewachten das Lager und töteten die Drummonds, als diese beim Campieren darauf stießen.
Bei anderen Hinweisen beschleicht einen ein eigenartiges Gefühl, wenn man an die britischen Urlauber denkt, die im September 2012 beim See von Annecy erschossen wurden. 1952 sagte ein Verkehrspolizist aus, dass am Abend des 4. August ein zweiter Hillman mit britischem Kennzeichen vor dem Hotel L’Ermitage in Digne anhielt, wo die Drummonds eine Stunde zuvor gegessen hatten. Der Fahrer, in dessen Auto eine Frau in Schwarz saß, fragte den Polizisten, ob er ein anderes Auto aus Großbritannien gesehen habe. Als dieser das bejahte, ging der Mann in das Hotel, um 15 Minuten später in der Richtung weiterzufahren, die auch die Drummonds eingeschlagen hatten. Wurden die drei Engländer also verfolgt? Der Fahrer und seine Begleiterin, die Frau in Schwarz, wurden nie identifiziert.
Besonders in Frankreich fand die Geschichte mit dem zweiten Hillman viel Anklang, weil sie die Ursache für das Verbrechen nach Großbritannien verlagerte. Sechzig Jahre später, nach dem Vierfachmord auf dem Parkplatz bei Chevaline, zeigte sich der zuständige Staatsanwalt sehr schnell überzeugt davon, dass der Grund für die Bluttat in der britischen Heimat des Ehepaars al-Hilli zu suchen sei. Als ich in der Zeitung las, dass durch die Auswertung von Überwachungskameras festgestellt werden soll, ob der BMW der al-Hillis von einem anderen Auto (vorzugsweise mit britischem Kennzeichen) verfolgt wurde, fragte ich mich unwillkürlich, ob das Polizeiroutine ist oder ob sich jemand an die Affäre Dominici erinnert hatte. Wenn jetzt noch eine Dame in Schwarz auftaucht, wird es richtig unheimlich (es gibt schon einen verdächtigen Mann mit tiefschwarzem Haar, der allerdings weder einen BMW-Kombi noch einen Hillman-Kombi, sondern einen Peugeot fahren soll).
Um das Paar im zweiten Hillman ranken sich einige Theorien, die meistens mit Geheimdiensten und internationalem Waffenhandel zu tun haben. Nach den Parkplatz-Morden von Chevaline sagte ein Polizeisprecher, dass es sehr lange dauern könne, den Täter zu finden. Sofort schossen die wildesten Spekulationen ins Kraut. Weil wir jetzt nicht mehr im Kalten Krieg sind, sondern in dem gegen den Terror, ging es nicht um Russen, sondern um eine Spur nach Bagdad (die al-Hillis haben irakische Wurzeln), Islamisten und um Schurkenstaaten, die angeblich bei al-Hillis Firma ein Satellitensystem ordern wollten. Dann berichteten Le Parisien und die Daily Mail unter Berufung auf die Gendarmerie, dass nicht der Radfahrer Sylvain Mollier zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sei, wie von Staatsanwalt Eric Maillaud behauptet, sondern die Familie al-Hilli (was Maillaud umgehend als "dreiste Lüge" bezeichnete). Ziel des Anschlags sei der Techniker Mollier gewesen.
An den Theorien änderte das wenig. Die möglicherweise tödlich endenden Erbstreitigkeiten in der Familie al-Hilli wurden durch Spekulationen über ein Doppelleben des dreifachen Familienvaters Mollier ersetzt, das Satellitensystem durch die Atombombe. Und Staatsanwalt Maillaud hat beste Chancen, den Sébeille-Gedächtnispreis zu erringen, seit er erklären muss, warum das mit der Spurensicherung so lange dauerte (Déjà-vu: Kompetenzgerangel zwischen Gendarmerie und Kriminalpolizei) und die kleine Zeena erst nach acht Stunden im Auto ihrer toten Eltern gefunden wurde. Bemerkenswert ist eine Pressekonferenz, bei der Maillaud bedauerte, bei einer ersten Befragung seiner wichtigsten Zeugin fast nichts verstanden zu haben. Er kann nämlich kein Englisch, und die vierjährige, schwer traumatisierte Zeena aus einem Ort bei London scheinbar kein Französisch. Wer hätte das gedacht?
Wenige Tage nach der Tat entwickelte sich ein bizarr anmutender Disput zwischen britischen und französischen Blättern. Britische Journalisten warfen ihren französischen Kollegen vor, neue Gerüchte über die Ermordung der britischen Staatsbürger nicht auf der Titelseite groß herauszubringen, sondern sie in den Faits divers zu begraben. Die Franzosen hätten nun erwidern können, dass die Mordsache da auch hingehört. Stattdessen wiesen sie nach, dass sie diese zwar im Vermischten behandelt hatten wie moniert, sehr wohl aber auch immer wieder, und das beim geringsten Anlass, auf den Titelseiten großer Zeitungen.
Und was taten die politischen Führer der beiden Länder? Cameron und Hollande setzten sich gemeinsam vor die Fernsehkameras und versprachen, dass alles Menschenmögliche getan werde, um den Fall aufzuklären. Das ist löblich. Trotzdem muss die Bemerkung gestattet sein, dass es schon Verbrechen gegeben hat, die viel folgenschwerer waren (nicht für die Angehörigen der Opfer, aber für den Rest der Welt) und nicht annähernd diese Beachtung fanden. Was ist da los? Ich kann es mir nur so erklären, dass ein Nerv getroffen wurde. Schwer zu bestreiten ist, dass die Affäre Dominici auch heute noch das Zeug hat, viele Menschen in Frankreich und Großbritannien in Wallung zu bringen. Man kann das an den erregten Diskussionen erkennen, die der eine neue Theorie präsentierende TV-Zweiteiler von 2003 auslöste. Das Fernsehspiel sah damals jeder fünfte Franzose, was in Zeiten der medialen Zersplitterung ein extrem guter Wert ist. L’Affaire Dominici war der Quotenrenner des Jahres.
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| L’Affaire Dominici (2003) |
Durch die vielen Ähnlichkeiten mit diesem bis heute ungelösten Fall, würde ich sagen, wurde der Vierfachmord von Chevaline auf einer aus Erinnerungen aller Art gespeisten Gefühls- und Erregungswoge aus tieferen Bewusstseinsschichten nach oben getragen, auf die Titelseiten britischer und französischer Blätter und hinein in die Pressekonferenz von David Cameron und François Hollande. Das müsste für Medienforscher und Psychoanalytiker genauso interessant sein wie für Kriminologen und Juristen. Man wird noch sehen, wie und ob es gelingt, die Fälle auseinander zu halten, die Fakten von der Fiktion zu trennen, sich nicht in der Zeitebene zu irren. Vielleicht kennt man am Ende nicht nur den Parkplatz-Mörder von Chevaline, sondern weiß auch mehr über die Affäre Dominici. Im Moment allerdings denkt man bei der Lektüre britischer und französischer Blätter eher an eine Form von medialer Demenz, die da um sich greift. Manch ein Journalist, der gerade dem neuesten Scoop hinterherläuft, scheint mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu leben.
Photoroman
Wir jedenfalls sind jetzt wieder im Jahr 1952 und 300 Kilometer vom See von Annecy entfernt, an dem die Familie al-Hilli Campingurlaub machen wollte. Bei der Kriminalpolizei in Marseille wurde nach dem Prozess gegen Gustave Dominici wegen unterlassener Hilfeleistung beschlossen, dass Kommissar Sébeille weiter ermitteln sollte. Sein Ruf war allerdings ramponiert. Als ihn die Presse zum "Maigret von Marseille" ernannte, war das zunächst noch anerkennend, dann aber immer spöttischer gemeint. Inzwischen hatte man ihm den Beinamen "Commissaire Tourne-en-Rond" (Kommissar Dreht-sich-im-Kreis) gegeben. Sébeille wollte sich unbedingt rehabilitieren. Für ihn konnte der Mörder nur einer von den Dominicis sein. Der 16-jährige Enkel, Roger Perrin, war am Abend des 4. August in der Grand’Terre gewesen, wo er oft übernachtete, behauptete aber, vor den Morden zum einige Kilometer entfernten Hof seiner Eltern zurückgekehrt zu sein. Von vielen dummen Lügen, die im Laufe der Ermittlungen erzählt wurden, leistete er sich eine der dümmsten, als er angab, am Morgen nach der Tat Milch von einem Bauern geholt zu haben, der ein halbes Jahr zuvor gestorben war. Sébeille glaubte, dass er etwas verschwieg, hielt ihn aber nicht für den Mörder.
Zum ersten Jahrestag der Morde erschienen zahlreiche, für die Polizei nicht sehr schmeichelhafte Zeitungsartikel. An der Stelle, an der man die Leiche von Elizabeth Drummond gefunden hatte, stand wie heute auch ein Kreuz, bei dem Leute Blumen ablegten. Ein Bürgerkomitee hatte Geld gesammelt, damit die letzte Ruhestätte der Toten im Friedhof von Forcalquier die Grabplatte erhalten konnte, die man in Welles’ The Tragedy of Lurs sieht (damals war der Familienname der Opfer noch richtig geschrieben, mit zwei m). In Großbritannien wurde zum Gedenken an Jack Drummond ein Forschungsstipendium für Ernährungswissenschaftler ausgesetzt. Kommissar Sébeille hatte seine zermürbenden Besuche bei den Dominicis wieder aufgenommen, ermittelte immer weiter und verhörte noch einmal alle Zeugen. Dabei brachte er dieses und jenes ans Licht, was den Aussagen der Dominicis widersprach. Die Zeugen hatten sich bisher nicht erinnert, oder niemand hatte sie gefragt, oder ihre Angaben waren im Wust der Akten vergraben gewesen. Der Informationsaustausch zwischen Kriminalpolizei und Gendarmerie war verbesserungsbedürftig. Die Berichterstattung über den Fall al-Hilli lässt befürchten, dass sich daran nicht viel geändert hat.
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| The Tragedy of Lurs |
Der Urlauber Jean Ricard war am Morgen des 5. August 1952 beim Hillman der Drummonds vorbeigekommen. Sébeille legte ihm ein Tatortphoto vor, auf dem die tote Anne Drummond, von Kopf bis Fuß in eine Decke eingehüllt, auf dem Bauch und im rechten Winkel zum Auto lag. Ricard hatte es anders in Erinnerung. Seinen Angaben nach hatte Lady Anne gegen 7 Uhr parallel zum Hillman gelegen, und auf dem Rücken. Das hatte er daran gesehen, dass die Füße nicht bedeckt waren und die Zehen nach oben standen. Seit dem Mord war ein Jahr vergangen. Hatte sein Gedächtnis Ricard einen Streich gespielt? Zur Überprüfung befragte Sébeille Faustin Roure, den Eisenbahner, der gegen 6.30 Uhr zum Fundort der Leiche gekommen war. Auch in seiner Erinnerung hatte die Tote parallel zum Wagen gelegen, war aber ganz in die Decke eingehüllt gewesen, die Füße inklusive. Für Sébeille stand damit fest, dass sich am Morgen des 5. August eine Person an der Leiche zu schaffen gemacht und sich versteckt gehalten hatte, wenn jemand zum Hillman kam. Seiner Überzeugung nach konnte es nur Gustave Dominici gewesen sein. Für Sébeille war das ein entscheidender Moment in den Ermittlungen.
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| The Tragedy of Lurs |
1955 interviewte Orson Welles Claude Delorme für seine TV-Reportage The Tragedy of Lurs, die unvollendet in einem Lagerraum verschwand, bis Christophe Cognet sie 1999 ausgrub und zugänglich machte. Der Rechtsanwalt Delorme ist der Mann mit der Paillerol-Theorie (siehe Teil 1), der 1952 vom britischen Konsulat in Marseille engagiert wurde. 1954, im Mordprozess gegen Gaston Dominici, trat er als Nebenkläger auf. In seinem Schlussplädoyer rekonstruierte er noch einmal den Tathergang. Kommentatoren lobten ihn für die Präzision und Klarheit, mit der er diese Aufgabe erledigte. Delorme zeigt Welles eine Art Photoalbum, in dem er seine "Beweise" gesammelt hat. Da wundert man sich nicht schlecht, wenn man immer von diesem offiziellen, von Sébeille herumgezeigten Tatortphoto gelesen hat (Lady Anne neben dem Hillman und im rechten Winkel dazu) und davon, wie wichtig die Entdeckung für ihn war, dass die Leiche vor dem Eintreffen der Polizei (und ihres Photographen) parallel zum Auto lag. In der Darstellung von Maître Delorme lag die Leiche von Lady Drummond zuerst parallel neben dem Auto und wurde dann durch Gustave Dominici sieben Meter von diesem wegbewegt. Das belegt er mit zwei ganz anderen "Tatortphotos". Auf dem einen ist ein komplett in eine Decke eingewickelter Körper zu sehen. Er liegt im Gras neben dem Randstreifen der Route Nationale, auf dem das Auto geparkt ist. Das passt zur Aussage von Roure, nicht aber zu der von Ricard, der Lady Annes Füße sah. Auf dem zweiten Photo liegt der Körper, die Füße jetzt gut sichtbar, einige Meter vom Hillman entfernt.
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| The Tragedy of Lurs |
Statt etwas zu beweisen, wie Maître Delorme mit der Selbstzufriedenheit des Gerechten meint, werfen diese Photos nur Fragen auf. Wann wurden sie gemacht? Am Tag, als die Leichen gefunden wurden? Später irgendwann? Bevor Sébeille mit Ricard sprach oder danach? Und warum wurden sie überhaupt gemacht? Delorme hat noch mehr Photos in seinem Album. Gustave Dominici behauptete, nicht direkt beim Hillman gewesen zu sein. Vielmehr habe er sich etwa hundert Meter davon entfernt befunden, als er den Motorradfahrer Jean-Marie Olivier anhielt und bat, die Polizei zu informieren. Olivier sagte dagegen aus, Gustave sei hinter dem Auto hervorgesprungen, als er angefahren kam. Zu beiden Varianten präsentiert Delorme ein Photo, um zu "beweisen", dass Dominici von Anfang an gelogen hat. Einmal sieht man Gustave (oder ein Double?) beim Hillman (wenn auch davor und nicht dahinter), das andere Mal ist er weiter weg. Das ist beunruhigend.
"Dokumentierte" die Polizei den Morgen nach der Tat im Stile eines Photoromans, und das in mehreren Varianten, um für jede Version den passenden Satz Bilder parat zu haben? Lässt Maître Delormes bizarrer Auftritt in Welles’ Film Rückschlüsse auf die Qualität der Beweisführung zu, mit der er und der Staatsanwalt (unter freundlicher Mithilfe des Richters) immerhin ein Todesurteil gegen Gaston Dominici erreichten? Welche Bilder wurden den Geschworenen vorgelegt? Dachten diese Honoratioren, dass schon irgendwie stimmen müsse, was auf solchen Photos zu sehen war? Oder war ihnen stets klar, dass die Photos nur eines beweisen: Die Polizei schoss nachträglich die Bilder zu dem, was sie rekonstruiert hatte.
Das Monster von Lurs
Im November 1953 startete Kommissar Sébeille seinen Generalangriff, um die "Mauer des Schweigens" endgültig zum Einsturz zu bringen. Er und Untersuchungsrichter Périès verhörten Gustave so lange, bis er nach einem Wutanfall des Kommissars unter Tränen eine neue Version der Ereignisse zu Protokoll gab. Von den Schüssen aufgewacht, konnte er nicht mehr schlafen. Morgens um 4 Uhr fragte er seinen Vater, ob er wisse, was geschehen sei. Gaston sagte ihm, dass er die Drummonds im Streit erschossen hatte und brach dann wie üblich mit den Ziegen in die Berge auf. Gustave ging zum Hillman, sah die Leichen von Sir Jack und Lady Anne und auch Elizabeth, deren Arm sich bewegte und kehrte zurück zum Hof, um seiner Mutter und seiner Frau Yvette zu berichten. Aber warum hatte er die Leiche neben dem Auto bewegt? Vorschlag von Kommissar Sébeille: Er hatte unter dem Körper von Lady Anne nach Munition gesucht. Ja, sagte Gustave, so war es. Gegen 6 Uhr ging er noch einmal zum Tatort, um diesen nach Munition abzusuchen, die zu seinem Vater hätte führen können. Warum er dann aber die Patronen liegen ließ, die von den Gendarmen beim Hillman gefunden wurden, blieb ungeklärt.
Clovis bestätigte die Aussage seines Bruders. Ende 1952, als Gustave im Gefängnis saß und Clovis auf dem Hof der Eltern aushalf, hatte es Streit darüber gegeben, wie der Alte Clovis’ Mutter behandelte. In einem Wutanfall hatte Gaston plötzlich - auf Provenzalisch - etwas gesagt, das sich Sébeille so übersetzte: "Drei habe ich schon umgebracht. Wenn es sein muss, bringe ich noch den Vierten um." Dieses erste der Geständnisse Gastons entschwand wie fast alles bei diesem Fall ins Ungefähre, als die Dominicis behaupteten, der Patriarch habe etwas anderes gesagt, nämlich: "Drei haben sie schon umgebracht. Wenn es sein muss, bringe ich noch den Vierten um." So erzählte es Gustave, als er 1955 von Orson Welles interviewt wurde. Beim Prozess fragte Jean Giono, ob Gastons diverse Geständnisse in den Akten wortgetreu wiedergegeben seien? Die Antwort: "Ja, peinlich genau. Man hat sie nur ins Französische übertragen." Von "wortgetreu" kann also keine Rede sein, denn eine Übersetzung ist immer auch eine Interpretation. Giono wusste, dass schon eine Änderung der Satzstellung eine neue Bedeutung schaffen kann. Die Juristen scheint das nicht interessiert zu haben.
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| The Tragedy of Lurs |
Freitagabend, 13. November 1952. Nachdem die Söhne den Vater schwer belastet hatten, wurde Gaston Dominici von Gendarmen abgeholt und in den Justizpalast von Digne gebracht. Dort warteten schon die Reporter. Während Sébeille den mutmaßlichen Mörder einem ersten Verhör unterzog (laut Protokoll bis 22.30 Uhr und dann wieder ab 7 Uhr morgens; die ganze Nacht hindurch, behauptete später der alte Dominici), rang Roger Périès, der Untersuchungsrichter, einem der Söhne ein weiteres Geständnis ab. Clovis gab kurz vor Mitternacht zu, den in der Durance gefundenen Karabiner doch zu kennen. Bisher hatte er das beharrlich abgestritten. Die Waffe, sagte er aus, gehöre seinem Vater und sei auf einem Regalbrett im Schuppen aufbewahrt worden.
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| The Tragedy of Lurs |
Am Samstag machten viele Zeitungen mit der Schlagzeile auf, dass Gaston Dominici der Mörder der Familie Drummond sei. Er war nun "Der wilde Eber von La Grand’Terre", "Das Monster von Lurs" und so weiter. Périès verhörte Gustave, der auch zugab, den Karabiner zu kennen. Bei ihm war das immer so. "Dieser Sohn", schreibt Giono, "hat die Sensibilität derer, die nur in einer Gruppe handeln. Er hat das Bedürfnis, jemanden neben sich zu haben: seine Mutter (die er liebevoll wie einen Schild vor sich hält), seinen Vater (den er nicht mehr beschuldigt, oder den er, sobald er seine Gegenwart fühlt, nicht mehr zu beschuldigen wagt), seine politische Partei, seine Frau." Was macht man mit so einem Zeugen? Polizei und Justiz entschieden sich für die Vereinfachung, die Maître Delorme bei Welles zum Besten gibt: Gegenüber Kommissaren, Untersuchungsrichtern und Staatsanwälten (Autoritätspersonen) sagte Gustave die Wahrheit, wenn er Gaston belastete. Im Beisein seines Vaters nahm er das Belastende zurück, und also log er. Das tat er, weil er nicht die Kraft hatte, gegen seinen Vater (eine Autoritätsperson) aufzubegehren. Diese Interpretation war nicht logisch, aber praktisch.
Am Ende des Kinofilms L’Affaire Dominici tritt Emile Pollak als er selbst auf. Pollak war einer der Verteidiger beim Mordprozess und betont, dass es nur ein einziges konkretes Beweisstück gab: den in der Durance gefundenen Karabiner. Darum war es so wichtig, dass Gustave und Clovis die Waffe als das Eigentum ihres Vaters identifizierten und sagten, wo er sie aufbewahrt hatte. Gustave behauptete später, ein Assistent von Untersuchungsrichter Périès habe ihm und Clovis eine Skizze des Schuppens gegeben. Clovis habe auf eine Stelle gezeigt, und er habe sich angeschlossen. Die Behörden bestritten das. Die beiden Brüder wurden zum Schuppen gebracht, wo sie unabhängig voneinander auf dasselbe Regalbrett zeigten. Maître Delorme hat die Bilder dazu in seinem Album.
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| L’Affaire Dominici (1973) |
Mit Gaston wurde die Prozedur später wiederholt. Auch von ihm gibt es ein Bild. Nach seiner Verurteilung sah der aus Paris entsandte Kommissar Chevenier die Akten durch. Dabei entdeckte er noch ein Photo, wo Gaston mit seinem Stock auf die richtige Wand, dort aber auf die falsche Stelle zeigt. Chevenier fand das äußerst befremdlich und wurde vom neu eingesetzten Untersuchungsrichter wegen seiner Voreingenommenheit gegenüber der Justiz gerügt. Wer nicht voreingenommen ist, glaubt dies: Der Photograph hatte in dem Schuppen Probleme mit der Belichtung und schoss deshalb mehrere Photos, um hinterher das beste auswählen zu können. Dabei ermüdete der Arm des alten Mannes, weshalb er nicht immer auf dieselbe Stelle zeigte. Für die Beweiskraft dieser Bilder ist das nicht so gut. Schon wieder hat man mehrere zur Auswahl. Beim Prozess wurde selbstredend nur das "richtige" Photo gezeigt: das, wo Gaston auf dieselbe Stelle zeigt wie seine Söhne. Alles andere wäre zu verwirrend gewesen. Und schließlich ging es um die Wahrheit.
Gechlorte Albträume: Von den Barbaren zur Agrarindustrie
Kleinbürgerliche Schattenbilder
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37949/1.html- Schöne Artikel (29.11.2012 12:37)
- Re: Das Motiv fehlt (24.11.2012 0:18)
- Das Motiv fehlt (19.11.2012 18:02)
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