Vom sozialen zum selbstorganisierten Wohnungsbau

17.11.2012

Wohnen als Projekt - Teil 1

Lebensläufe werden immer vielfältiger, passende und bezahlbare Wohnungen immer knapper. Die Standard-Wohnlösung für alle gibt es längst nicht mehr: Wer heute gut wohnen will, muss entweder über finanzielles oder soziales Kapital verfügen - am besten aber über beides.

Laufende Mieterhöhungen, Ausverkauf städtischer Wohnungen an Heuschrecken, Gentrifizierung von Altbauvierteln: Auf dem deutschen Wohnungsmarkt ist es in den letzten Jahren ungemütlich geworden. Die Zeiten, in denen man einfach nur günstig und in Frieden wohnen konnte, sind lange vorbei. Manche Mieter mögen da wehmütig an die Zeiten des sozialen Wohnungsbaus zurückdenken: Damals, ja damals war nicht nur die Rente, sondern auch die Wohnung sicher!

Bei näherer Betrachtung trübt sich allerdings das Bild jener seligen Epoche. Denn so sozial war der soziale Wohnungsbau keineswegs. Er nutzte vor allem einer Mafia aus Bauträgern und Wohnungsbaugesellschaften, die sich mit den üppigen staatlichen Fördergeldern und Steuergeschenken die Taschen vollstopfte, während die Masse der Bevölkerung mit normierten "3-Zimmer-Küche-Bad" in teuer erkauften, aber billig gebauten Wohnblocks abgespeist wurde. Dem Fördermodell des sozialen Wohnungsbaus weinen deshalb auch Kritiker der heutigen Verhältnisse keine Träne nach, auch die nicht, die eine staatliche Subventionierung des Wohnungsbaus und der Mieten nach wie vor für notwendig halten.

Muss sozialverträgliches Wohnen so aussehen? Foto: Reinhard Huschke

Im Jahr 2001 endete der klassische soziale Wohnungsbau durch den Bund und wurde durch verschiedene Förderprogramme (auf niedrigerem Niveau) vor allem auf der Ebene der Länder und Kommunen abgelöst. Schon vorher führte das allmähliche Auslaufen der Belegungsbindungen dazu, dass die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland stetig abnahm: Gab es Mitte der 1980er Jahre noch rund 4 Millionen staatlich geförderte Wohnungen, waren es Ende 2010 nur noch 1,7 Millionen. Allein in den letzten Jahren verschwanden so jedes Jahr 100.000 günstige Wohnungen vom Markt.

Diese Lücke, die der Staat ließ, konnte auch der frei finanzierte Wohnungsmarkt nicht füllen, zumal es für Investoren im letzten Jahrzehnt interessantere Spekulationsmöglichkeiten als den Bau von Mietwohnungen gab. Die Folge ist heute ein zunehmender Mangel an bezahlbaren Wohnungen in vielen Großstädten der Republik.

Von der Normwohnung zu neuen Wohnmodellen

Die Abkehr vom staatlich geförderten Wohnstandard hat allerdings auch einen positiven Aspekt: Es entstanden Freiräume für neue Wohnmodelle, die früher kaum eine Chance gehabt hätten, sich gegen subventionierte Wohnungsbaugesellschaften einerseits und solvente Bauträger andererseits durchzusetzen. Aktuelle Fördermöglichkeiten für den Wohnungsbau, wo es sie noch gibt, sind meist flexibler und passen daher besser zur gewandelten Lebenssituation eines Großteils der Bevölkerung. Denn die Alleinverdienerfamilie mit ein bis zwei Kindern, der die genormte Dreizimmerwohnung des Sozialen Wohnungsbaus einst zugedacht war, ist schon lange zum Auslaufmodell geworden.

"In westdeutschen Großstädten macht der klassische Haushaltstypus […] statistisch nur noch 10-15 % der Haushalte aus", schrieb der Stadtsoziologe Walter Siebel bereits 2006 in der Architekturzeitschrift "archplus". Stattdessen gibt es immer mehr Alleinerziehende, Patchworkfamilien, generationenübergreifende Wohngemeinschaften und kulturell-soziale Wohnprojekte, die auf dem Wohnungsmarkt nur schwer ihren Ansprüchen genügenden und zugleich bezahlbaren Wohnraum finden.

Deshalb machen immer mehr Menschen ihre Wohn-Idee zum Projekt und schaffen sich "ihren" Raum einfach selbst. Die Realisationsformen von selbstorganisierten Wohnprojekten sind dabei äußerst vielfältig - sie reichen vom eigentumsorientierten Bauen in Baugruppen über Wohngenossenschaften bis zu kreativen Kombinationen verschiedener Wohn- und Finanzierungsmodelle. Im Folgenden sollen verschiedene Konzepte und Perspektiven für sozialverträgliches Wohnen vorgestellt werden.

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