Selbstdiagnosen gehen gerne daneben
Während die einen Krankheitsrisiken verdrängen, neigen die anderen dazu, aufgrund der Suche nach Symptomen die Schwere ihrer veremeintlichen Erkrankung zu überschätzen, Selbstdiagnosen durch Internetsuche gehen daher oft in die Irre
Wer den Eindruck hat, irgendetwas körperlich zu haben oder krank werden zu können, nutzt gerne die Möglichkeiten, die das Internet bietet, um sich schnell zu informieren. Bei Menschen, die zu Ängsten neigen oder hypochondrisch sind, kann das allerdings dazu führen, dass sie sich nur das herauspicken, was negativ ist. Während sie bei den denselben Symptomen bei anderen etwa der Meinung sein können, dass es sich um ein harmloses Unwohlsein handelt, können sie bei sich selbst in Panik geraten und fürchten, dass ein Herzinfarkt kurz bevor steht oder es sich um einen Krebs handelt.
Das kennt jeder aus eigener Erfahrung, egal ob an sich selbst oder bei anderen, Wissenschaftler von der Hong-Kong-Universität haben die Folgen der Online-Selbstdiagnose einmal untersucht, weil das nicht nur immer häufigere gemacht wird, sondern auch in Zukunft noch wichtiger und einflussreicher werden dürfte. Dazu kommt, dass die Gesundheitsindustrie eine boomende Branche ist, die ihr Geschäft auch mit der Angst und dem Versprechen auf Heilung macht. Jetzt schon wird in der Gesundheitsindustrie 10 Prozent des BIP in den reichen Ländern umgesetzt, Tendenz schnell wachsend. In ihrer Studie, die im Journal of Consumer Research erschienen ist, bestätigen sie die Neigung vieler, die im Internet nach Symptomen suchen, sich als schwer krank einzuordnen. Den Grund sehen sie vor allem darin, dass die Menschen sich vornehmlich an den Symptomen orientieren, aber die geringe Wahrscheinlichkeit vernachlässigen, dass ihre Symptome tatsächlich mit einer schweren Krankheit verbunden sind. Sie verbinden also nicht die von ihnen vermutete Krankheit mit deren statistischer Häufigkeit in der Bevölkerung, in einer Risikogruppe oder in einer Jahreszeit. Das dürfte daran liegen, dass Symptome "konkret" sind, während statistische Angaben - die durchschnittliche Exzessmortalität liegt etwa 8.000 - als "abstrakt" erscheinen.
Da 8,5 Prozent der Menschen in den USA - und ähnlich viele vermutlich in anderen Ländern - Hypochonder sind, also die von ihnen festgestellten Beschwerden gerne damit verbinden, schwer krank zu sein, sagen die Wissenschaftler, dass aus der zunehmenden Online-Selbstdiagnose negative Folgen verstärkt werden, beispielsweise unnötige Ängste und falsche Ausgaben für Therapien. Es gibt freilich auch die umgekehrte Einstellung, also dass Menschen bei sich selbst das Gefährdungsrisiko systematisch unterschätzen, weil sie es nicht wahrhaben wollen, während sie bei anderen durchaus die Symptome richtig einschätzen können. Daher gingen die Wissenschaftler davon aus, dass die fehlende Distanz zu sich selbst die Selbstdiagnose beeinträchtigt, während man objektiver die Symptome der anderen diagnostizieren kann. Schließlich ist man davon auch nicht betroffen.
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Um diese Hypothese zu überprüfen, führten die Wissenschaftler einige Tests durch. So wurden Versuchspersonen gefragt, wie hoch sie ihr Risiko einschätzen, an HIV zu erkranken (selbstbezüglich), die andere Gruppe wurde gefragt, wie hoch das Risiko eines durchschnittlichen Bewohners in Hong Kong ist (fremdbezüglich). Die Wahrscheinlichkeit sollte auf einer Skala angegeben werden. Überdies wurde gefragt, wie hoch das Risiko in der Gesamtbevölkerung ist und welche Verhaltensweisen den Einzelnen mit welcher Wahrscheinlichkeit riskant sind. Wenn von einem hohen allgemeinen Risiko und einem geringen Risiko für die Verhaltensweisen ausgegangen wird, betrachten sich die Menschen selbst als weniger gefährdet als die anderen. Wenn hingegen das allgemeine Risiko gering, aber für die Verhaltensweise das Risiko hoch eingeschätzt wird, sehen sich die Menschen selbst stärker gefährdet.
In einem weiteren Versuch sollte eine andere Gruppe von Versuchspersonen sich vorstellen, dass sie selbst oder ein anderer unter verbreiteten Symptomen wie nur Husten oder Husten, Fieber, Triefnase und Kopfweh leiden, und dann einschätzen, wie wahrscheinlich es ist, ob sie oder die andere Person entweder an einer Schweine- oder einer normalen Grippe erkrankt ist. Die Erkrankung an der Schweinegrippe ist selten, die an einer saisonalen Grippe häufig. Auch hier glauben die Menschen eher, dass sie selbst krank sind, wenn sie vier Symptome haben, aber die Infektionswahrscheinlichkeit (Schweinegrippe) gering ist, während sie ihr Krankheitsrisiko bei einer hohen Infektionswahrscheinlichkeit (saisonale Grippe) und nur einem Symptom (Husten) unterschätzen. Wenn sie das Risiko für andere Menschen angeben sollen, liegen sie hingegen meist richtig. Ähnliche Ergebnisse stellten sich heraus, wenn es um Brustkrebsrisiko bei der besten Freundin oder einer durchschnittlichen Frau geht, um eine nicht genannte, aber angeblich verbreitete bzw. seltene Krankheit bei einer Person mit einem chinesischen bzw. einem englischen Namen oder auch um eine zeitliche Distanz wie im Fall der Osteoporose, die bei Frauen häufiger auftritt, aber erst im fortgeschrittenem Alter.
Wenn Menschen, so das Ergebnis, sich selbst oder eine ihnen nahestehende Person anhand von Symptomen diagnostizieren, liegen sie weitaus häufiger falsch, als wenn es um andere Menschen geht, zu denen sie eine größere Distanz haben, die also mehr Objektivität und weniger Betroffenheit mit sich bringt und daher dem wissenschaftlichen Blick näher ist. Die Wissenschaftler wollen aus den Ergebnissen auch Handlungsempfehlungen ableiten. Wichtig sei es beispielsweise, das Erkrankungsrisiko deutlicher zu machen, aber es sei auch besser, statt im Netz nach Symptomen und damit nach möglichen Krankheitsbilder herumzusuchen, lieber zu einem Arzt zu gehen. Der sei nicht nur ausgebildet, sondern habe überdies auch den sachlicheren Blick von außen. Der Vorschlag wird aber keine Chance haben, selbst wenn er die Gesundheitskosten für den Einzelnen und die Gesellschaft möglicherweise senken könnte. Allerdings, so heißt es im Volksmund nicht ganz falsch, kommt man mitunter aus dem Krankenhaus und aus der Praxis kränker raus, als man reingeht. Zudem würde man dann auch sagen müssen, dass man dem Experten ganz vertrauen sollte, während man sich aufgrund von Misstrauen gegen sich selbst in der Unmündigkeit einsperren müsste.
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37962/1.html- Professionelle Hypochondrie (15.11.2012 12:58)
- Medizinische Fachsprache (15.11.2012 9:05)
- Re: Andererseits... (14.11.2012 20:36)
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