Wissenschaftler fordern "flächendeckende und effiziente Interventionen in Schulen und Betrieben" zur Bekämpfung ungesunder Lebensweisen

Florian Rötzer 08.11.2012

Risiken wie Übergewicht und zu wenig körperliche Aktivität sollen sich ausbreiten und verfestigen

In einer Studie wurden bei mehr als 8000 10- bis 17-jährige und 18- bis 25-jährigen Deutschen untersucht, wie viel sie wiegen, wie viel Sport sie machen und ob sie rauchen. Um zu sehen, welche Auswirkungen Übergewicht, Rauchen und geringe körperliche Betätigung haben, wurden die körperlichen Leistungen beim 1000-Meter-Lauf und Klimmzügen geprüft. Die besten Leistungen erzielten erwartungsgemäß diejenigen, die sich normgerecht verhielten. Das waren im Rahmen der nicht repräsentativen Studie [http://www.dshs-koeln.de/fitfuersleben "Fit-fürs-Leben"], an der Schüler, Auszubildende und vor allem Soldaten (66 Prozent) freiwillig teilgenommen hatten, bei den Erwachsenen 28,4 Prozent der Männer und 35,4 Prozent der Frauen.

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Gesundheit und Leistungsfähigkeit hängen auch von körperlicher Fitness ab. Und die wird durch die moderne Lebensweise, so die weit verbreitete Meinung, beeinträchtigt. Haben sich Menschen früher in der Arbeit und der Freizeit noch, wenn auch nicht freiwillig, körperlich bewegt und haben sie körperlich geschuftet, während ihre Nahrung deutlich weniger kalorienbestückt war wie heute, so haben Technik und Wohlstand zu einer überwiegend sitzenden Lebensweise mit erhöhter Zufuhr von kalorienreicher Nahrung geführt. Die Verbreitung der elektronischen und digitalen Medien soll den Trend zum homo sedens, der nur teilweise die Inaktivität durch körperliche Betätigung kompensiert, noch verstärkt haben. Kinder und Jugendliche würden sich in der Lebensphase, in der sie früher am stärksten körperlich aktiv waren, immer weniger bewegen und auch zunehmend keinen Gefallen mehr am Sport haben, dafür aber einen wachsenden Anteil ihrer Zeit vor Bildschirmen verbringen, so die Autoren.

Die 18- bis 25-jährige Männer sind mit 37,4 Prozent häufiger übergewichtig als die 10- bis 17-jährigen (30,6%), bei den Frauen sind es mit 23,0 Prozent weniger im Verhältnis zu den Männern, aber auch zu den jüngeren (29,3%). 24,3 Prozent der 18- bis 25-jährigen Männer und 29,7 Prozent der Frauen treiben nie oder selten Sport, bei den 10- bis 17-Jährigen sind es mit 11,2 bzw. 20,2 Prozent zwar deutlich weniger, aber doch eigentlich auch erstaunlich viele Inaktive.

"Mit Auftreten und insbesondere mit steigender Anzahl der Risikomerkmale kommt es zu deutlichen Leistungsminderungen", schreiben die Autoren der Studie, die im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde. Da der Höhepunkt der körperlichen Leistungsfähigkeit eigentlich zwischen 25 und 35 erreicht werde, sei es bedenklich, wenn sich die 24- bis 25-Jährigen auf dem Leistungsniveau der 14- bis 15-Jährigen befinden. Die Autoren warnen, dass "ohne Interventionen in Schulen und in Betrieben die weitere Fixierung und Verbreitung ungesunder Lebensweisen kaum zu verhindern" sei. Die aber würden die Verbreitung chronischer Erkrankungen verstärken, die nicht nur die Betroffenen gefährden, sondern auch das Gesundheitssystem belasten. Dazu würden durch die geringere körperliche Leistung und Belastbarkeit schon vor Beginn chronischer Krankheiten Probleme durch "eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, verminderte Produktivität, höhere Fehleranfälligkeit und Unfallgefahr" auftreten.

Man gewinnt den Eindruck, die Autoren von der Deutsche Sporthochschule Köln, dem Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Koblenz, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Universität der Bundeswehr und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention gehen von einer genormten Gesellschaft aus, in der alle jedes Risiko vermeiden und sich extensiv um körperliche Fitness kümmern, um höchste körperliche und wirtschaftliche Leistung für die Gesellschaft zu erbringen und dieser Kosten zu ersparen. Die erforderte Disziplinierung der Lebensweisen dürfte aber auch in früheren Zeiten nicht von allen geleistet worden sein, zudem gibt es auch Risiken, die etwa durch exzessive sportliche Betätigung oder durch unfallgefährdete Sportarten entstehen. Dies nicht zu berücksichtigen, zeigt schon die Einseitigkeit der Perspektive, die meint, in den Katastrophenalarm einstimmen zu müssen, um die Menschen auf die genormte Lebensweise auszurichten. Dabei ist nicht einmal zweifelsfrei klar, ob Übergewicht (Dicke leben länger) tatsächlich die Lebenserwartung verkürzt oder viel Bewegung (Die sitzende Lebensweise macht uns nicht dick) die Lebenserwartung steigert.

Eine andere, ebenfalls gerade im Open Access Journal PLoS One erschienene Studie bestätigt allerdings den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Gesundheit. Ausgewertet wurden Daten von mehr als 650.000 Menschen im Alter zwischen 21 und 90 Jahren aus sechs Untersuchungen. Die Menschen wurden durchschnittlich zehn Jahre lange beobachtet, um bei den Über-40-Jährigen Überlebenskurven ausrechnen zu können. Wenn man nur 75 Minuten in Woche einigermaßen schnell geht, dann steigt die Lebenswahrscheinlichkeit um durchschnittlich 1,8 Jahre gegenüber Inaktiven. Wer sich mehr bewegt, gewinnt nach der Studie noch mehr Zeit. 450 Minuten oder mehr schnellen Gehens oder einer vergleichbaren Aktivität sollen 4,5 Jahre bringen. Ein normales Gewicht nutzt aber nichts, wenn man sich körperlich schont. Am besten sei es, wenn man aktiv und normalgewichtig sei. Allerdings basierten die Angaben über die körperliche Aktivität und das Körpergewicht nur auf Angaben der Teilnehmer.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37966/1.html
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