Peer Steinbrück

13.11.2012

Eine Laudatio auf unseren Cicero

Nicht zuletzt die Stadtwerke Bochum erkannten eines der größten Redetalente der deutschen Politikgeschichte, das bereits deshalb insbesondere mit Marcus Tullius Cicero verglichen werden kann, weil er am 20. Mai 2011 den Cicero-Rednerpreis verliehen bekam. Diese renommierte Auszeichnung erhielten vor ihm bereits Nobelpreiskandidaten wie Thomas Gottschalk und Hans-Olaf Henkel. Die anlässlich der Preisvergabe gehaltene Laudatio von Professor em. Dr. Gerd Ueding liegt verführerischerweise als Word-Datei vor, so dass wir dem geneigten Leser nun eine aktualisierte Version bieten können.

Caelum et terra transibunt, verba autem mea non transibunt.

Es gilt das geschriebene Wort.

Rhetorische Kraft und politische Energie

Laudatio auf Peer Steinbrück zur Verleihung des Cicero-Rednerpreises

Überarbeitete Version von Alexander Dill, 9. November 2012

Sehr verehrter Herr Steinbrück,
lieber Herr Bundespräsident,
sehr geehrte Damen und Herren,

im Jahre 64 vor Christi wurde Marcus Tullius Cicero gegen den Kandidaten Lucius Sergiius Catilina in Rom zum Konsul gewählt. Auch unser Preisträger ist nun angetreten, um das dritthöchste Amt im Staate zu erringen. Der Inhaber des zweithöchsten sitzt hier unter uns und es darf als Omen und Koinzidenz bezeichnet werden, dass dieser, der Empfehlung seiner mutigen Förderer und Gönner aus den Stadtwerken Bochum entsprechend, zum Präsidenten unseres Landes gewählt wurde.

Ich möchte Ihnen nicht verschweigen, dass ich nicht nur selbst empfehle, auch unseren Preisträger in die Reigen der Adepten der Stadtwerke Bochum, jener altehrwürdig-altmodischen Akademie aufzunehmen, deren hartnäckige Unzeitgemäßheit einen angenehmen Kontrast zu den leichtlebigen und oberflächlichen "Likes" unserer Zeit bietet, sondern dass ich auch die verehrten Anwesenden bitte, das Ihre zu tun, damit ein derart vorzügliches Redetalent auch künftig seine kostbare Kraft nicht für kleinkarierte bürokratische Aufgaben vergeuden muss, sondern in der vollen Blüte seines rhetorischen Talents den 16 Völkern Germaniens politische Energie spenden kann.

Unser Preisträger ist aufgrund seiner erwiesenen Kompetenz im Lande Nordrhein-Westfalen, wo er bis 2004 eine bis heute viel gerühmte und vor allem wirksame Haushaltssanierung durchführte, zum Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland ernannt worden. Jeder von Ihnen hier weiß, welch' Großes er dort leisten musste, sollte - und eben auch konnte.

Ich darf ihnen eine Anekdote nahelegen, die nicht nur amüsant ist, sondern viel über den Charakter unseres Preisträgers, darin wiederum besondere über seine Bescheidenheit sagt. Ich war selbst an jenem Tage, dem 10. Dezember 2008, anwesend, als sich unser hochgeehrter Patron und Gönner Josef Ackermann zusammen mit vielen Freunden von Morgan Stanley, Lehman Brothers, UBS und Goldman Sachs persönlich bei Peer - Peer, so darf ich Dich doch nun nennen - für das Finanzmarktstabilisierungsgesetz bedanken konnte, das in Rekordzeit verabschiedet wurde.

Auch dazu, verehrter Peer, hast Du Dein rhetorisches Talent im Deutschen Bundestag eingesetzt. Besonders ein Satz des Gesetzes hat bis heute eine besondere Bedeutung: "Ein Haushalts- und Wirtschaftsplan wird nicht aufgestellt", heißt es in Absatz 3 § 11 des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes. So kann das Gesetz auch heute noch so flexibel und effektiv gehandhabt werden, wie es die Finanzmärkte erfordern. Wir möchten uns gar nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn die bisher rund 200 Milliarden Euro statt in die Hände verantwortungsvoller Kaufleute in die Taschen von freigiebigen Menschheitsbeglückern geraten wären, die damit das Füllhorn der Wohlfahrt ausgeschüttet hätten.

Peer aber, begleitet von seinem treuen Assistenten Jörg Asmussen, winkte bei Josefs Lob ab: "Nicht mir", sagte er, "Euch gebührt das Lob, die Weltwirtschaft vor dem Absturz bewahrt zu haben." Als seine Freunde eine Pressemitteilung über diesen Dank veröffentlichen wollten, bestand Peer darauf, dass weder diese, noch das Gruppenfoto dazu veröffentlicht werden. So bist Du Peer, lässt andere vortreten, etwa Deinen treuen Jörg und natürlich Josef. Der Vorschlag, den Du an jenem 10. Dezember 2008 Deinen Freunden unterbreitet hast, deren Initiative Finanzstandort Deutschland leider nicht mehr besteht (Das plötzliche Verschwinden der Initiative Finanzstandort Deutschland), soll hier von mir zitiert werden, ist er doch immer noch aktuell. Er wurde zumindest im Protokoll vermerkt:

Bundesfinanzminister Steinbrück fordert die IFD auf, über ein fokussiertes Modell der Politikberatung sowohl der Versicherungs- als auch der Kreditwirtschaft nachzudenken, das den geänderten Finanzmarktbedingungen Rechnung trägt. So sollen unter anderem neue Regulierungen im Finanzsektor sowie die europäische Integration im Bankensektor von der IFD begleitet werden.

Leider haben die Europäische Zentralbank und die EU auf diesen glänzenden Vorschlag nicht gehört, die Regulierung durch die zu Regulierenden ausführen zu lassen. Auch Frau Merkel wollte nicht hören und entsandte stattdessen mit Jens Weidmann einen eigenen Schatzmeister.

Lieber Peer Steinbrück, das Vertrauen in die Mündigkeit und Selbständigkeit der Finanzwirtschaft, das in diesem, Deinem Vorschlag zum Ausdruck kam, ist heute leider unpopulär, ja vergessen. Auch die europäische Integration im Bankensektor wäre viel besser verlaufen, wenn sie von Morgan Stanley und Josef rechtzeitig durchgeführt worden wäre. Dann gäbe es heute in Europa nur noch eine Bank - und diese wäre gesund. Stattdessen haben wir nun 128 kranke Banken.

Obwohl die Deutsche Bank Peer Steinbrück nicht nur viel, sondern ihre Existenz zu verdanken hat, hat Peer nie von ihr nur selten Honorare und bisher keine Mandate gefordert.

Bescheiden, fast nackt steht er nun als Kanzlerkandidat vor den wankelmütigen Wählern und missgünstigen Medien, die von den eigentlichen Problemen der Finanzwirtschaft nichts verstehen.

In Deinen Vorträgen, Peer, etwa in den Sparkassen Leverkusen und Witten, hast Du versucht, renditeorientierten Sparern beizubringen, worum es in der Finanzwirtschaft geht, nämlich nicht um Zinsen und Renditen, sondern um Werte wie Gerechtigkeit, Stabilität und Nachhaltigkeit.

Du hast in der Volksbank Geest - wie auch in Leverkusen und Witten zum Sonderpreis von nur 15.000 Euro - gepredigt, was ein vielfältiges Europa bedeutet. In der Volksbank Mittelhessen konntest Du gleich zweimal auftreten und einen Vorschlag für eine Kampagne der Volks- und Raiffeisenbanken machen, die Du "Das Wir-Prinzip" nanntest. Durch Deine Vermittlung erst konnte Ulrich Wickert als Identifikationsfigur gewonnen werden. Ethisches Banking mit nur noch 16 Prozent Zins erleichtert inzwischen das Leben von Millionen Kunden der Genossenschaftsbanken - und doch berechnetest Du auch Mittelhessen nur zweimal Deinen Sonderpreis von 15.000 Euro.

Durch Deine Vorträge hast Du dazu beigetragen, Bevölkerung, Parlament und Medien davon zu überzeugen, dass es keine Alternative zum europäischen Rettungsschirm, zu keinem Rettungsschirm gibt. Du hast Verständnis dafür geweckt, dass die komplexen Vorgänge der internationalen Finanzwirtschaft nur von jenen beurteilt und gelenkt werden können, die - so hieß es beim Freundestreffen am 10. Dezember 2008 - erfolgreich "Verbriefungen" als Finanzinstrument einsetzen können.

Alleine dafür schon hast Du es verdient, wenn schon nicht zum Kanzler gewählt - dies könnte Dir nächstes Jahr noch verwehrt bleiben -, so doch wieder Wirtschafts- oder Finanzminister zu werden.

Ich spreche sicher nicht nur für mich, sondern sicher auch für Josef und alle andere Freunde, wenn ich Dir dabei alle Daumen drücke!

Zum Hintergrund dieser Laudatio siehe den Beitrag von Alexander Dill: Peer Steinbrück und die Initiative Finanzstandort Deutschland

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