Syrien: Hilfsorganisationen schlagen Alarm

13.11.2012

Binnenflüchtlinge - Ausweitung der humanitären Katastrophe im Winter befürchtet

Laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind 1,5 Millionen Syrer im eigenen Land auf der Flucht. Geschätzte 2,5 Millionen sind hilfsbedürftig. Bei diesen Zahlen wird es kaum bleiben: Die humanitäre Lage verschlechtert sich fast täglich. Dennoch stoßen die Hifsorganisationen nur auf Hindernisse - in wie außerhalb Syriens.

Fatimas Blick flackert nur mehr auf, wenn ihre 16 Monate alte Tochter vor Hunger oder Erschöpfung schreit. Ansonsten starrt die 32-Jährige, die wie Mitte Vierzig wirkt, leer vor sich hin. Jeder Tag sei immer wieder von der gleichen Frage erfüllt: Wo werde man die kommenden Nächte verbringen? Seit zwei Monaten befindet sie sich mit ihrem Mann Mutaz und den vier Kindern auf einer Odyssee rings um Damaskus. Vom heftig bombardierten Viertel Tadamon flüchteten sie in das Viertel Qadam. Als die Bomben dort fielen, nach Hajar Alaswad.

Weil die Luftwaffe auch dieses Gebiet anfliegt, will die Familie ins palästinensische Flüchtlingslager Yarmouk bei Damaskus zurück - dem Ausgangspunkt ihrer Irrfahrt. Allerdings wüssten sie nicht, ob ihr Haus dort noch stehe. Die mitgeschleppten Matratzen seien irgendwo zwischen Qadam und Hajar al-Aswad zurück geblieben. Fatima graut vor dem kommenden Winter - im Grossraum Damaskus weist er Durchschnittstemperaturen um die 7° Celsius auf.

Auf die Frage hin, weshalb sich die Familie nicht beim Syrisch-Arabischen Roten Halbmond (SARC), Syriens einziger nationaler Rettungsorganisation, registrieren lässt, lacht Fatima kurz auf. Jeder wisse doch, wie "die sei", antwortet sie und verstummt. Nach längerem Schweigen räuspert sich ihr Mann Mutaz: Der SARC sei vom Geheimdienst unterwandert und Fatimas Bruder sei seit zwei Monaten verhaftet. Man wisse weder, was ihm zur Last gelegt werde, noch wo er sich befinde. Mit dem Geheimdienst und damit auch mit dem SARC wolle man daher besser nichts zu tun haben.

Misstrauen in den syrischen Roten Halbmond

So wie Fatima denken viele Syrer. Zwar besteht kein Zweifel daran, dass die humanitäre Lage in Syrien ohne das Engagement des SARC noch weit katastrophaler ausfiele. Immerhin versorgte die Organisation in Kooperation mit dem Internationalen Roten Kreuz, laut einer gemeinsamen Presseerklärung, allein im September landesweit 200.000 Hilfsbedürftige.

Die Nähe von SARC-Präsident Abdul Rahman Attar zum Regime und sein Bestreben, sämtliche in Syrien tätigen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) unter seiner Kontrolle zu wissen, bleiben indes Fakten, die auch viele Hilfsorganisationen auf Distanz gehen lassen.

So etwa das unabhängige Netzwerk Islamic Relief. Um der obligatorischen Zusammenarbeit mit dem SARC zu entgehen, liefert es seine Hilfsgüter nicht offiziell in Syrien aus, sondern übergibt sie in der Türkei an syrische Freiwillige, die den Weitertransport nach Idlib, Aleppo oder Hama übernehmen. Dass dies genau besehen illegal ist, weil jede Hilfsleistung in Syrien der Genehmigung des Regimes bedarf, beeindruckt Nuri Köseli, den Pressesprecher von Islamic Relief Deutschland, wenig. Man wolle schliesslich sicher stellen, dass die Güter alle Hilfsbedürftigen erreichen. Der SARC hingegen dürfe nur dort helfen, wo die Regierung es zulasse, sagt Köseli.

Hilfe im Untergrund

Nicht viele Hilfsorganisationen, die in Syrien trotz fehlender Genehmigung zugange sind, wagen gegenüber der Presse derart offene Worte. Die meisten arbeiten lieber ungenannt im Untergrund - so wie jenes 2011 von Auslandssyrern gegründete Netzwerk, das sich über Privatspenden und mithilfe europäischer NGOs finanziert und so eigenen Angaben zufolge über 25.000 Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt.

Möglich sei dies nur durch die Mitarbeit zahlreicher Freiwilliger, die über minutiöse Ortskenntnisse, zuverlässige Kontakte sowie über ausreichend Bestechungsgelder verfügen, um die Strassensperren mitsamt ihren Hilfspaketen passieren zu können, erzählt Taha Rashid, der das Netzwerk von Beirut aus leitet. Vor Risiken, so Rashid gegenüber Telepolis, feit dies freilich nicht: In den vergangenen zehn Tagen seien acht seiner engsten Mitarbeiter verhaftet worden.

Allerdings sei die syrische Staatssicherheit nicht das einzige Problem: Bei Aleppo habe eine salafistische Miliz den Helfern unlängst den Durchgang zu einer Ortschaft verwehrt - weil das Netzwerk keinen islamischen Hintergrund aufweise. Die Bewohner seien daraufhin allerdings derart gegen die Fundamentalisten Sturm gelaufen, dass diese den Zugang freigaben, sagt Rashid.

Kritik an UN

Als sei all die noch nicht kompliziert genug, kommen noch die Bodenkämpfe und Luftangriffe hinzu: Was morgens erreichbar sei, sei es abends oft nicht mehr, klagte EU-Nothilfekommissarin Kristalina Georgieva bereits Anfang September. Dies freilich führt jede humanitäre Hilfe nahezu ad absurdum, da deren Hauptziel - eine Stabilisierung der Situation durch kontinuierliche Betreuung - unmöglich wird. Stattdessen, sagt Rashid, bliebe vielen Hilfsorganisationen nur übrig, das zu tun, was sie unbedingt vermeiden wollten: Hilfspakete in einem konfusen Rundumschlag auszuteilen.

Das einzig adäquate Mittel, diesen Alptraum zu beenden, seien, so Rashid, humanitäre Schutzzonen. Mit dieser Meinung steht der Syrer nicht allein da: Auch die in Syrien zugelassenen SOS-Kinderdörfer appellierten Anfang Oktober an die UN sowie an die deutsche Bundesregierung, sich bei den syrischen Konfliktparteien für die Errichtung von Kinderschutzzonen einzusetzen. Dass bislang nicht einmal ein dahingehender Versuch unternommen wurde, kritisiert auch Köseli scharf: Ein verstärktes Engagement der UN könnte letztlich nicht nur die Hilfsorganisationen handlungsfähiger machen - sondern auch größere Spendenwellen auslösen.

Mangelnde Spendenbereitschaft

Tatsächlich klagen alle Hilfsorganisationen übereinstimmend über mangelnde Gelder. So auch das United Nations Office for the Coordination of Human Affairs (OCHA): Von den bis Jahresende benötigten 348 Millionen US-Dollar stehen bislang nur 178 Millionen zur Verfügung - eine Summe, die nicht einmal jene 180 Millionen erreicht, die OCHA ursprünglich für Syrien beantragt hat, sagt OCHA-Pressesprecher Jens Laerke ernüchtert.

Auch die UNHCR zeigt sich enttäuscht: Der Spendenappell über 75 Millionen Dollar sei bislang lediglich zu 17 Prozent abgedeckt. Nuri Köseli benennt den Grund für die Zurückhaltung unter den Spendern: Der Bürgerkrieg in Syrien. Dergleichen Situationen lösen vor allem Unverständnis und Widerwillen aus. Im Falle Syriens ist das umso tragischer - fragen sich doch viele nach wie vor, ob die Gewalt dort nicht vor allem als brutale Niederschlagung von Protesten wahrzunehmen ist.

Auf offizieller Ebene ist die Debatte indes spätestens seit Juni entschieden, als UN-Untergeneralsekretär Hervé Ladsous erstmals von einem Bürgerkrieg sprach. Wie ausschlaggebend solche Definitionen in politischer wie humanitärer Hinsicht seien, verspüren Syriens Notleidende nun am eigenen Leib, nickt Rashid deprimiert.

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