Lohnt sich ein Studium?

14.11.2012

Aktuelle Gehaltsstudien lassen Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss auf eine angemessene Entlohnung hoffen. Doch es gibt erhebliche Unterschiede und Ausnahmen

"Optimale Berufsaussichten und sehr hohe Verdienstmöglichkeiten", verspricht die "alma mater Gehaltsstudie 2012" den deutschen Hochschulabsolventen. Sofern sie einen Studiengang gewählt haben, der den deutschen Unternehmen ein interessantes Einstiegsgehalt wert ist. Für die Ingenieure scheint das zu gelten. Sie verdienen nach den aktuellen Berechnungen rund 44.000 Euro brutto im Jahr. Andere Nachwuchs-Akademiker werden deutlich schlechter bezahlt und manche tauchen in der Statistik gar nicht erst auf.

Spitzenplätze und Tabellenkeller

Auch das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung hat Ende letzter Woche eine Studie über Einstiegsgehälter und Arbeitsbedingungen von Hochschulabsolventen vorgelegt und gleichzeitig das Internetportal Absolventen Lohnspiegel freigeschaltet, das weitere Information sammeln und vermitteln soll.

Die WSI-Daten, die aus einer Online-Befragung von rund 4.300 Hochschulabsolventen mit bis zu drei Jahren Berufserfahrung resultieren, bestätigen den Spitzenplatz der Ingenieure, und auch hinsichtlich der Branchen, die Berufsanfänger besonders gut entlohnen, gibt es zwischen den beiden Berechnungen keine Differenzen. Banken und Fahrzeugbau haben zukünftigen Mitarbeitern – jedenfalls in finanzieller Hinsicht - erheblich mehr zu bieten als die Arbeitgeber von Sozialpädagogen und Architekten.

Wer im öffentlichen Dienst, in der Tourismusbranche oder in der WSI-Trilogie "Kultur/Sport/Unterhaltung" untergekommen ist, schaut sich die Gehaltstabelle in der Regel von unten an. Die Studie beziffert das Einstiegsgehalt im letztgenannten auf 2.650 Euro.

Minus 19 Prozent

Das WSI hat darüber hinaus eine Reihe von Daten und Vergleichszahlen ermittelt, die in (gesellschafts)politischer Hinsicht von Interesse sein dürften. So sind auch Hochschulabsolventen von eklatanten Einkommensunterschieden betroffen, je nachdem, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Akademikerinnen verdienen im Durchschnitt 2.966 Euro und damit gut 700 Euro oder 19 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

19 Prozent weniger gibt es auch für das Absolventen-Drittel, das zum Berufseinstieg mit einer befristeten Beschäftigung vorlieb nehmen muss. Befristete verdienen 2.941 Euro, unbefristet beschäftigte Berufseinsteiger kommen auf 3.640 Euro.

Der Vergleich zwischen Absolventengehältern in Ost- und Westdeutschland weist ebenfalls die offenbar magische Differenz von 19 Prozent auf. 3.537 Euro gibt es im Westen der Republik, wer in den längst nicht mehr neuen Bundesländern arbeitet, kommt im Durchschnitt nur auf 2.861 Euro.

Nicht 19, aber immerhin noch 17 Prozent Unterschied liefert der – für die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung naturgemäß besonders interessante - Vergleich von Einkommensverhältnissen zwischen Betrieben mit Tarifbindung (3.757 Euro) und Betrieben ohne Tarifbindung (3.116 Euro).

Der richtige Abschluss

Bachelorabsolventen verlassen ihre Hochschule deutlich schneller als Studierende mit Masterabschluss oder Promotion. Doch der Vorsprung, der sich durch frühere Berufserfahrung und längeren Verdienst einstellen müsste, ist offenbar schnell aufgebraucht. Nach Berechnungen des WSI verdienen promovierte Berufsanfänger mit 4.220 Euro im Monat fast 1.000 Euro mehr als die Bachelorabsolventen einer Fachhochschule und rund 1.500 Euro mehr als Bachelorabsolventen einer Universität oder Berufsanfänger mit Magisterabschluss. Wer einen Uni-Masterabschluss vorweisen kann, bekommt knapp 3.700 Euro und auch Diplom-Inhaber dürften mit ihrem ersten Gehalt von etwa 3.400 Euro (Uni) bzw. 3.300 Euro (FH) einigermaßen über die Runden kommen.

Auch wenn die Unterschiede in der "alma mater"-Gehaltsstudie weniger gravierend ausfallen, scheint der Bachelorabschluss bei Arbeitgebern weiter ein veritables Imageproblem zu haben. Die Bologna-Reform hatte anderes geplant, doch die harsche Kritik, die zuletzt unter anderem von Horst Hippler, dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, formuliert wurde, bleibt offenbar nicht ohne Wirkung.

Schließlich geht es hier nicht ausschließlich um finanzielle Fragen. Viele Absolventen seien "kaum geeignet für den Arbeitsmarkt", meinte Hippler im August und skizzierte auch die Gründe.

Die Unternehmen brauchen Persönlichkeiten, nicht nur Absolventen. Wir alle arbeiten immer länger, da ist es sinnvoll, am Anfang mehr Zeit zu investieren und eine solche Persönlichkeit auszubilden. Hierzu gehört auch, dass Studenten über den Tellerrand des Fachs hinausschauen können. Der Jugendwahn ist an dieser Stelle vorbei.

Horst Hippler, Hochschulrektorenkonferenz

Die Schattenseite

Das Brutto-Einstiegsgehalt der deutschen Hochschulabsolventen liegt im Durchschnitt bei 3.400 Euro pro Monat. Außerdem sind sie mit ihrer Arbeit nach eigenem Bekunden zufriedener als Nicht-Akademiker. Das klingt immerhin akzeptabel, auch wenn sich die deutschen Hochschulen noch einiges einfallen lassen müssen, um ihren Absolventen nach dem Beispiel der London School of Economics die möglichen Einstiegsgehälter schon vor Beginn des Studiums avisieren zu können.

Die Studiengänge und Branchen spielen, wie eingangs erwähnt, gleichwohl eine entscheidende Rolle für eine finanziell lukrative Erwerbsbiografie. Im Aufgabenbereich des Bayreuther Literaturwissenschaftlers Joachim Schultz, der 2012 unter medienwirksamem Protest gegen die Bologna-Reform vorzeitig in den Ruhestand ging, gibt es da wenig zu holen.

Die Studenten bekommen an der Hochschule kaum noch das Rüstzeug, das sie für einen Job brauchen. Also, um Hochschullehrer zu werden, reicht das nicht aus, was heute vermittelt wird. Für Kulturjournalismus, die Arbeit an einem Literaturarchiv auch nicht. Ich habe den Eindruck, dass wir hier primär nur noch das akademische Prekariat ausbilden. Wenn ich die Berufsbiografien meiner Studenten verfolge: Zeitlich begrenzte Jobs, schlecht bezahlt, das sieht nicht gut aus.

Joachim Schultz im April 2012

Das sieht sogar noch schlechter aus, wenn die Hochschulen vormachen, wie man Personal mit klangvollen Titeln ausstattet, ohne ihnen ein (halbwegs angemessenes) Gehalt zu zahlen. Ähnlich düster stellt sich die Situation für junge Menschen mit Hochschulzugangsberechtigung dar, die es (vorerst) in keine Gehaltsstudie schaffen. Die Quote der Studienabbrecher liegt allein in den Bachelorstudiengängen bei rund einem Drittel.

Abbrecher verlagern und Stipendien für Studienabbrecher

In den ingenieurwissenschaftlichen Fächern ist sie sogar noch höher. 48 Prozent der Bachelor-Studenten verlassen die Universitäten ohne Abschluss. Sagt kein Bologna-Kritiker und keine Gewerkschaft, sondern das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. Der zuständige Minister will sich mit dieser Situation nicht abfinden, aber die Kabinettskollegin Schavan offenbar auch nicht auffordern, das Bildungssystem so konsequent und nachhaltig zu reformieren, dass die Zahl der Frustrierten deutlich sinkt. Philip Rösler klärt die Dinge lieber mit den Protagonisten des Marktes.

Um Wachstum und Beschäftigung in Deutschland langfristig zu sichern, braucht unsere Wirtschaft qualifizierte Fachkräfte aus dem In- und Ausland. Wir können es uns nicht leisten, die Potenziale zum Beispiel von Studienabbrecherinnen und -abbrechern ungenutzt zu lassen. Für sie gibt es kaum bedarfsgerechte und koordinierte Beratungsangebote. In Hessen ist es uns nun gelungen, die wichtigsten Akteure bei der Beratung und Integration von Studienabbrecherinnen und -abbrechern an einem Tisch zu versammeln. So steigen die Chancen für die Betroffenen, eine passende Arbeit oder Ausbildung zu finden.

Philipp Rösler, 30. Oktober 2012

Diese Variante findet nicht nur in Hessen Interessenten. Die Universität Siegen und die örtliche Industrie- und Handelskammer entwickeln unter dem Leitmotiv des vermeintlich allgegenwärtigen Fachkräftemangels "Umorientierungsmodelle für Studienabbrecher" und die IHK der Bundeshauptstadt Berlin startet am 1. Februar 2013 gar eine "Ausbildung im Schnelldurchlauf" – wenigstens in den drei Berufsfeldern Mechatronik, IT und Immobilienwirtschaft. Hier sollen Studienabbrecher "in stark verkürzter Zeit" einen berufsqualifizierenden Abschluss erwerben können.

In Online-Foren wird bereits erklärt, warum Studienabbrecher für potenzielle Arbeitgeber mindestens ebenso attraktiv sind wie der durchschnittliche Schulabgänger.

Für viele Unternehmen sind Studienabbrecher bzw. Umorientierer durchaus eine attraktive Zielgruppe bei der Besetzung von Ausbildungsstellen, denn im Vergleich zu Schulabgängern bringen sie einige Vorzüge mit. Da nicht unbedingt nur schlechte Leistungen Gründe für einen Studienabbruch sind, werden sie als sehr leistungsbereit, leistungsfähig und motiviert eingeschätzt. Außerdem verfügen sie schon über erste Fachkenntnisse, haben sie in das wissenschaftliche Arbeiten hineingeschnuppert und besitzen oftmals vielfältige praktische Erfahrungen. Dementsprechend sind Studienabbrecher in einer Ausbildung effektiver und effizienter einzusetzen.

http://www.bewerbung-forum.de

Die Zeppelin Universität in Friedrichshafen will das Problem innerhalb der Hochschule lösen und bietet ab Januar 2013 erstmals Stipendien für Studienabbrecher an. Die Kandidaten müssen allerdings beweisen, "dass andere Studienkontexte eine außergewöhnliche Studienentwicklung erwarten lassen". Da es sich bei der Zeppelin-Universität um eine staatlich anerkannte Universität in privater Trägerschaft handelt, fallen die Stipendien, die im Wortlaut auf die Zuwendung eines Geldbetrags schließen lassen könnten, allerdings eigenwillig aus. Den umorientierten Abbrechern werden lediglich die Studiengebühren für die ersten beiden Semester erlassen. Immerhin liegen sie in diesem Fall bei 3.950 Euro. Vielleicht lohnt sich das Studium also wirklich. Wenn man länger rechnet.

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