Bösewicht Didaktiker
Halo 4 ist ein Feuerwerk bunter Lichteffekte vor düsterem Hintergrund
Die erste Spieltrilogie um den Master Chief brachte Entwickler Bungie vor fünf Jahren zu Ende. Nun kehrt der Supersoldat zurück. Microsofts eigens gegründetes Studio 343 Industries inszeniert eine neue Science-Fiction-Saga und ändert Halo ganz fein im Detail.
Die Halo-Serie ist Microsofts Trumpf. Dabei führt die Geschichte zurück auf Apple. Steve Jobs war es, der das Spiel auf der Macworld 1999 erstmals vorstellte. Der wiedererstarkte Geschäftsführer erhoffte sich, dass Halo-Erfinder Bungie (Marathon, Myth) andere Entwickler ermutigen würde, ebenfalls Spiele für den ein Jahr zuvor erschienenen iMac zu programmieren. Doch auch Steve Ballmer sah damals zu und landete einen Coup: Microsoft kaufte Bungie, verärgerte Steve Jobs und hatte nun den exklusiven Systemseller für seine 2001 erscheinende erste Spielkonsole Xbox. Mit fünf Millionen verkauften Einheiten gilt Halo: Combat Evolved als Killerapplikation, die der Plattform zum Durchbruch verhalf – die Erfolgsstory nahm ihren Lauf.
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Heute ist Bungie raus aus Halo und die Rechte liegen bei Microsoft. Seit 2007 erfreut sich das Entwicklerstudio seiner Unabhängigkeit und hat seitdem mit Halo 3: ODST (2009), Halo Wars (2009) und Halo Reach (2010) drei Halo- Spin-offs für Xbox 360 geschaffen. Mit Activision als neuen Hersteller im Rücken bereitet das Studio derzeit sein plattformübergreifendes Comeback für 2013 vor. Der Science-Fiction-Fantasy-Ego-Shooter Destiny (Arbeitstitel) soll ein Massively Multiplayer Online Game im Stile Halos werden und zeitexklusiv für Xbox 360 bzw. deren Nachfolger erscheinen; Playstation 3- und PC-Versionen werden für 2014 erwartet – ganz so leicht kann man sich offenbar nicht von Halo trennen. Genauso wenig wie etliche wichtige Bungie-Leute, die zu 343 Industries wechselten. Mit Halo 4 schafften sie nun einen Neustart, der das alte Erfolgsrezept mit frischen Elementen aufmotzt.
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Halo 4 spielt vier Jahre nach Teil 3 und knüpft an dessen Ende an. Der Master Chief erwacht an Bord des unbemannt treibenden Raumschiffs Forward Unto Dawn aus dem Kälteschlaf – Cortana hat ihn geweckt. Die künstliche Intelligenz, die ihn seit jeher begleitet, hat ein Problem: Mit acht Jahren Betrieb steuert sie auf einen KI-typischen Fehler hinzu: den sicheren Wahnsinn – ein Umstand, der sich im Laufe des Spiels in sich steigernden Macken zeigen wird. Chiefs Ziel ist es daher, Cortana zu retten und dafür muss er über unterschiedliche Stationen zur Erde gelangen.
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Die erste Gefahr, die dem Spieler als Master Chief begegnet, sind gewohnt aggressive Covenants. Schon das erste Gefecht an Bord des Raumschiffs verdeutlicht, dass 343 am Gameplay-Schema nicht unnötig gewerkelt sondern es bewusst verfeinert hat. Während die Aliens sich über den Raum verteilen und hinter Objekten verschanzen, ist der Spieler gefordert, ihre chaotisch anmutenden Angriffswellen zu sondieren. Dafür stehen ihm begrenzte Munition und ein Schild zur Verfügung, dessen Energie mit jedem Treffer abnimmt und sich in Ruhephasen regeneriert. Die Suche nach einer sicheren Deckung hat daher spielerisch Vorrang.
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Die Allianz der Covenants tritt üblicherweise in Gruppen verschiedener Klassen auf: Die rangniedrigen Grunts, linke kleine Fußsoldaten, beherrschen feige Angriffe wie kein anderer. Oft sitzen sie am Auslöser eines schweren Geschützes oder springen mit zwei gezündeten Granaten zum Kamikaze-Angriff um die Ecke. Ihre Nadelwerfer gehören nach wie vor zu den gefährlichsten Waffen von Halo: Die kristallinen Stäbchengeschosse können einen anvisierten Feind geringfügig verfolgen und an ihm explodieren. Eine getroffene Salve kann selbst Elitesoldaten, die sich mit Kampfesgeschrei ankündigen, auslöschen.
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Sämtliche Gegnerwaffen, die Feinde beim Ableben hinterlassen, können vom Spieler aufgenommen werden. Dem soliden Sturmgewehr der Menschen, der Handfeuerwaffe, dem Raketen- und Granatenwerfer oder dem Scharfschützengewehr steht ein Pendant an spacigen Alienwaffen gegenüber, deren Nutzung sich in Wirkung und Aussehen unterscheidet. Selbst Kennern der Serie bringt 343 dies auf großartige Weise noch einmal nahe, wenn der Master Chief im Inneren der Schildwelt Requiem ankommt und der komplett neuen Feindesrasse der Prometheaner begegnet. Diese synthetischen, gepanzerten Wesen sind an sich schon wandelnde Waffen und treten ebenfalls in verschiedenen Ausführungen auf. Während drei Sorten prometheanischer Krabbler wie Hunde aussehen und sich ebenso flink bewegen, können Springer sich teleportieren. Erst sind sie hier, dann sind sie dort und plötzlich stehen sie dem Spieler buchstäblich mit einem Schlag vor der Nase. Erschwerend kommt hinzu, dass eine ihrer Unterarten fliegende Beschützer, sogenannte Beobachter, in ihrer Nähe haben, die sie mit Schilden vor Angriffen abschirmen.
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Wenn der Spieler in einem späteren Level mitten in den Weltenkrieg zwischen Covenants und Prometheaner platzt, bietet sich folgende Reihenfolge des Vorgehens an: Zuerst erledigt er die abgelenkten alten Feinde, dann die flinken Krabbler am Boden, anschließend die umherschwirrenden Beobachter und zuletzt die dick gepanzerten Springer. Da diese einige Treffer einstecken können, bevor sie sich im Funkenfeuer auflösen, gebührt ihnen alle Aufmerksamkeit.
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Neue Feinde bringen auch neue Waffen mit sich, die sich in der Hand des Chiefs erst einmal aus mehreren Teilen zusammensetzen – eine schicke Animation. Auch die prometheanische Granate unterscheidet sich von denen der bekannten Fraktionen: Zuerst bläht sie sich zu einem großen Lichtball auf, bevor sie implodiert und alles Lebendige in sich vernichtet. Der taktische Einsatz neuer Spezialfähigkeiten, die der Spieler als Implantate findet, erweitert das Gameplay um weitere Faktoren. Seltener wird eine Infrarot-Sicht benötigt, doch da, wo man sie braucht, z.B. in einem nebligen Dschungellevel, erweist sie sich als unverzichtbar. Am wenigsten möchte man sich von der Spezialfähigkeit trennen, ein schwebendes Geschütz zu rufen – in der vorerst oft herrschenden Unterlegenheit einer neuen Schlacht stellt es ein wichtiges Element der Verteidigung dar. Das praktische Ding verharrt zwar an einer Stelle, beschäftigt die Feinde aber mit gezielter Feuerpower. Deren KI reagiert verblüffend schlau, sucht Schutz und springt aus der Schusslinie, ihr ruhelos-aggressives Verhalten führt aber letztlich zu entscheidenden Fehlern.
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In Spiel-dramaturgisch wohlberechneten Abständen stehen dem Spieler immer wieder abwechslungsreiche Mittel zur Verfügung, um seine Taktik zu variieren. So kann er gegnerische Flugzeuge bzw. Fahrzeuge kapern, mit Jetpacks aus der Luft angreifen oder mit den dauerfeuernden Kanonen der schwebenden Ghosts am Boden düsen. Neu sind riesige Kampfroboter, die zwar ungelenk durch die Gänge stampfen, dafür aber mit mächtigen Kanonen ausgestattet sind. Auch wenn die Gegner in der Geschichte von Halo immer schon unterschiedliches Vorgehen vom Spieler erforderten, so gab es in der Geschichte von Halo doch noch nie einen echten Bossgegner. 343 ändert das nun. Der Bösewicht von Halo 4 heißt Didaktiker, ein bedrohlicher Mix aus Alien und Vampir. Er präsentiert sich erstmals gegen Spielmitte in einer der ansehnlich inszenierten Zwischensequenzen. Auch grafisch hat 343 Vorgänger Bungie noch einmal getoppt und mit Halo 4 ein atmosphärisches Science-Fiction-Spektakel geschaffen.
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Bis ins Detail beeindrucken die Lichteffekte im Bauch des surrealen wie düsteren Planetenkonstrukts Requiem, wenn Lasergeschosse und Projektile in den Farben Blau, Grün, Lila, Gelb und Rosa durch die Luft pfeifen und schießende Flugzeuge hoch über den Köpfen ihre Bahnen ziehen. Die ständig wechselnden Szenarien machen einen weiteren Reiz aus, der den Spielspaß steigert. Seien es Sümpfe, Canyons, Höhlen, Raumschiffe oder gänzlich fremde Welten – die Optik ist einfach nur hohes Design.
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Mit plus-minus zehn Stunden Spielzeit (je nach Schwierigkeitsgrad variierend) bietet Halo 4 nicht gerade die längste Kampagne auf dem Markt der Singleplayer-Spiele. Das überwältigende Angebot an Multiplayer-Modi sorgt aber für genug weiteren Inhalt. Die Spartan Ops-Missionen sind Koop-Herausforderungen für bis zu vier Spieler, von denen Microsoft pro Woche fünf weitere zum kostenlosen Download veröffentlicht, insgesamt sollen es 50 Stück werden. Auch den klassischen Multiplayer hat 343 leicht verbessert und ein Levelsystem ähnlich wie bei Call of Duty eingeführt. Hier scheiden sich allerdings die Geister der Community. Während die einen diese Annäherung an den Kommerz-Shooter aus dem Hause Activision kritisieren, freuen sich andere, dass ihr spielerischer Fortschritt in Modi wie Capture the Flag, King of the Hill oder Slayer mit neuen Rüstungsgegenständen und Waffen belohnt wird. Letztere sind schnell gesammelt, so dass das System keine unfairen Nachteile bietet – Halo-Fans wie Neueinsteiger haben also gleiche Chancen. Auch diese Balance zeichnet Halo 4 als Blockbuster und Qualitätsspiel aus.
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37993/1.html- Re: Telepolis > Kultur > Games (23.11.2012 16:59)
- Re: Phänomen Halo (19.11.2012 22:58)
- Phänomen Halo (19.11.2012 10:53)
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