Im Zeichen der abnehmenden Fähigkeiten

Matthias Gräbner 14.11.2012

Den Menschen gehen langsam, aber sicher intellektuelle und emotionale Fähigkeiten verloren. Schuld ist, so ein Evolutionsbiologe, der fehlende Selektionsdruck

Wenn im Film ein Mensch auf irgendeine Weise aus der Vergangenheit in eine weit entfernte Zukunft transportiert wird, steht er dort regelmäßig als Dummkopf da. Das geht dem Pizzaboten Fry aus "Futurama" ebenso wie dem Steinzeit-Menschen Link in der albernen Komödie "Steinzeit Junior". Dabei wäre das Gegenteil der Fall: Wir würden uns ausgesprochene Koryphäen ins Haus holen, könnten wir unsere Urväter in die Jetztzeit holen.

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Das behauptet jedenfalls der Evolutionsbiologe Gerald Crabtree von der kalifornischen Stanford University. Im Fachmagazin Trends in Genetics beschreibt er, wie und warum der Mensch von Generation zu Generation einen kleinen Teil seiner intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten verliert, unwiderruflich. Crabtree traut sich sogar eine Wette: Ein durchschnittlicher Bürger Athens, der 1000 vor Beginn der Zeitrechnung, lebte, gehörte heute zu den hellsten Köpfen der Menschheit und wäre außerdem emotional stabiler als die meisten unserer Freunde.

Schuld daran sind, so Crabtree, die Gene, genauer gesagt: der gesunkene evolutionäre Druck. Unser Intellekt baue auf einer recht fragilen Grundlage, die ebenso schnell wieder zerstört werden könne, wie sie sich über Jahrtausende aufgebaut habe. Das rechnet der Forscher sehr konkret vor. Als Grundlage nutzt er dazu das männliche X-Chromosom, dessen eventuelle Mutationen sich bei der Vererbung nicht durch eine fast identische Kopie auffangen lassen.

Aus Studien sind ungefähr 215 Gene bekannt, deren Veränderung zu intellektuellen oder emotionalen Störungen führt. Das ist etwa ein Viertel der Gen-Ausstattung des X-Chromosoms. Konservativ schätzt Crabtree, dass damit etwa 10 Prozent der Gene in irgendeiner Form für unsere intellektuellen Fähigkeiten zuständig sind.

Wir nutzen unser Potenzial besser

Jedenfalls unter der berechtigten Annahme, dass das X-Chromosom den anderen Chromosomen nicht als "Intelligenzgen" übergeordnet sei. Insgesamt müssten demnach zwischen 2.000 und 5.000 Gene für den Intellekt verantwortlich sein. Dabei genügt es, dass nur eines dieser Gene einen Schaden erleidet. Bekannt ist ebenfalls, mit welcher mittleren Häufigkeit Mutationen auftreten, bei denen ein Gen quasi gelöscht wird.

In den 120 Generationen, die die letzten 3.000 Jahre umfassen, muss demnach jeder Mensch wenigstens 2,5 bis 6 schädliche Mutationen in diesem Bereich erworben haben. Hinzu kommt, dass die kognitiven Funktionen des Menschen nachweislich besonders empfindlich für heterozygote Mutationen sind, also sich auch dann bemerkbar machen, wenn eine der beiden Genkopien noch intakt ist.

Demnach müsste der Höhepunkt der menschlichen intellektuellen Fähigkeiten vor 2.000 bis 6.000 Jahren eingetreten sein, schätzt Crabtree. Von diesem Zeitpunkt an habe dann der Evolutionsdruck nicht mehr genügt, schädliche Mutationen zu tilgen. Wie lässt sich dann aber der Flynn-Effekt erklären, der über die Jahre eine Steigerung des mittleren IQs der Menschen beschreibt?

Dabei müsse es sich um Auswirkungen der gesünderen Lebensweise und der besseren Schulbildung handeln. Wir nutzen also unser Potenzial besser und erbringen dadurch in den Tests bessere Leistungen, während die Obergrenze gleichzeitig von Generation zu Generation sinkt.

Dass trotzdem keine Grund zu Zukunftspessimismus besteht, begründet Crabtree in seiner Arbeit ebenfalls: In ein paar tausend Jahren habe die Menschheit sicher die passenden Instrumente entwickelt, ihre eigene Genausstattung zu steuern.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37994/1.html
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