Systematischer Kindesmissbrauch

14.11.2012

Die Aufdeckung des ungeheuerlichen britischen Kinderschänderrings, in dem neben Prominenten wie dem Fernsehmoderator Savile auch Politiker und Geschäftsleute verwickelt sein sollen, zieht weitere Kreise

Bei der BBC rollen Köpfe. Direktor Entwistle war noch nicht einmal 60 Tage im Amt, da musste er schon wieder gehen. Grund ist ein Beitrag im Nachrichtenmagazin Newsnight, dem britischen Gegenstück zu den deutschen Tagesthemen. In diesem Beitrag wurde einem unbenannten Politiker vorgeworfen, Kinder missbraucht zu haben.

Der Politiker wurde im Internet als Lord McAlpine enttarnt. McAlpine, ein führender konservativer Politiker und Besitzer eines großen Baukonzerns, beteuert seine Unschuld und droht derzeit der BBC und allen, die seinen Namen veröffentlicht haben, mit Klagen.

Durch die Furore droht das eigentliche Thema in Vergessenheit zu geraten. In Großbritannien wurden über Jahrzehnte hinweg Tausende Kinder und Jugendliche in öffentlichen Einrichtungen misshandelt, sexuell missbraucht und vergewaltigt.

Der Unterhausabgeordnete Tom Watson ist der Meinung, dass bei diesen Vorgängen auch führende Politiker, sowie angesehene Geschäftsleute beteiligt waren. Watson erlangte durch seine Rolle bei der Aufdeckung des Abhörskandals eine gewisse Berühmtheit. Neben anderen ist es auch Watson zu verdanken, dass die korrupten Verbindungen zwischen der Murdoch-Familie, führenden News International-Managern und den Eliten der britischen Politik der Weltöffentlichkeit bekannt wurden.

BBC-Fernsehmoderator Jimmy Savile im Jahr 2006. Bild: JMB/CC-BY-SA-3.0

Am Anfang stand der Fall Jimmy Savile

Eine Fernsehdokumentation des Fernsehsenders ITV brachte Anschuldigungen ans Licht, wonach der berühmte BBC DJ und Fernsehmoderator während seiner Karriere eine Vielzahl von minderjährigen Mädchen missbraucht haben soll. Innerhalb der BBC wurde der im Oktober letzten Jahres verstorbene Savile über Jahrzehnte gedeckt. Die Geschichte wurde auch im deutschsprachigen Raum verbreitet.

Weniger bekannt außerhalb der Insel ist, dass Savile regelmäßiger Gast in psychiatrischen Einrichtungen, Kinderheimen und Schulen war. Bei einigen hatte er sogar einen Eingangsschlüssel und konnte sich offenbar frei bewegen. Er konnte sich Internatsschülerinnen aussuchen, sie in seinem Rolls Royce spazieren fahren, um sie dann zu missbrauchen. Savile soll auch Patientinnen missbraucht haben.

Ähnlich wie bei der BBC waren Saviles Vorlieben in den von ihm besuchten Institutionen unter der Hand lang bekannt. Krankenschwestern rieten Kindern, sich schlafend zu stellen, wenn Savile im Haus unterwegs war. Dennoch wurde Savile Zeit seines Lebens gedeckt. Betroffene berichten, dass sie von ihrer Heimleitung bestraft wurden, wenn sie sich über Saviles Übergriffe beschwerten.

Über diesen Aspekt soll bald eine Nachfolgedokumentation erscheinen. Sehr wahrscheinlich hatte Savile Helfer, mindestens drückten offizielle Stellen über Jahrzehnte ein Auge zu, während Savile eine bislang unbekannte Zahl von Kindern missbrauchte.

Savile hatte auch Zugang zu einem Kinderheim auf der Insel Jersey. Hier gab es offenbar über Jahrzehnte systematischen Kindesmissbrauch mit Hunderten von Opfern. Jersey ist eine Steueroase. Negative Aufmerksamkeit will man dort nicht haben. Personen, die auf Missstände hinweisen, werden beschuldigt, das Ansehen der Insel zu beschädigen.

Das bekommen jene zu spüren, die sich auf der Insel um Aufklärung bemühen. Der Journalistin Leah McGrath wurde für ein Jahr das Visum für Jersey entzogen, offenbar weil sie sich zu sehr für die Vorgänge in Jerseys Kinderheimen interessierte. Auch Lenny Harper, der ehemalige Polizeichef von Jersey, musste diese Erfahrung machen. Er wurde aus dem Amt gedrängt und konnte die Untersuchungen über die Vorgänge in Jerseys Kinderheimen nie zu Ende führen. Bis heute lässt Jersey ihm keine Ruhe. Er spricht von systematischer Korruption und Vertuschung auf Jersey).

Organisierter Kinderschänderring

Als Tom Watson seine parlamentarische Anfrage nach einem organisierten Kinderschändernetzwerk mit möglichen Verbindungen in eine ehemalige Regierung stellte, war die Jimmy Savile-Affäre gerade richtig in Schwung gekommen. Sofort gab es reichlich Spekulationen. Watson redete von "einem hochrangigen Politiker, der einen hohen Posten in einer ehemaligen Regierung hatte". Watson sieht sein eigenes Leben durch die Untersuchungen gefährdet, will sich aber durch keinerlei Einschüchterungen aufhalten lassen.

Watson erklärt in seiner Stellungnahme, eine Reihe von Personen hätten sich an ihn gewandt und Schreckliches erzählt: "Sie haben von Psychopathen erzählt, die Kinder mit Stanleymessern markiert haben, um 'Besitz' anzuzeigen. Sie redeten von Partys, auf denen Kinder zwischen Männern herumgereicht wurden. Es gibt Erzählungen von Golfplatzparkplätzen, auf denen Kinder nach einer Runde Golf missbraucht wurden."

Die Savile-Affäre und Watsons Äußerungen über einen organisierten Kinderschänderring in hohen Stellen ließen die Telefone bei Kinderschutzorganisationen heiß laufen. Die National Society for the Protection of Children NSPCC erhielt in kürzester Zeit doppelt so viele Anrufe wie üblich. In 190 Anrufen ging es um Jimmy Savile.

In diesem Klima richtete sich die Aufmerksamkeit auf Wales. In rund 40 Kinderheimen in Nordwales wurden in den 1970er und 1980er Jahren hunderte Kinder systematisch gequält und sexuell missbraucht. Eine Untersuchung der Stadtverwaltung Clwyd zu dem Thema wurde eingestampft, angeblich weil die Ergebnisse zu Verleumdungsklagen hätten führen können. 1996 war der Missbrauchsskandal Thema einer vom heutigen Außenminister Hague geführten Untersuchung.

Die Vorgänge in Wales waren Thema des Newsnight-Beitrages, der jetzt etlichen BBC-Verantwortlichen das Amt kostet. Dieser Beitrag wurde gemeinsam mit dem Bureau of Investigative Journalism konzipiert. Deren verantwortlicher Chefreporter Stickler wurde aufgrund des Beitrages inzwischen gekündigt. Chefredakteur Iain Overton trat zurück.

Die üblichen Feinde der BBC sind auch wieder auf den Plan getreten. Personen aus dem Umfeld des durch den Abhörskandal diskreditierten Murdoch-Imperiums fordern die Umstrukturierung der BBC; Code für die Forderung nach der Privatisierung des staatlichen Rundfunks.

Die Journalistengewerkschaft NUJ sieht die Ursachen für die journalistischen Fehler im Newsnight-Beitrag in den massiven Einsparungen begründet, die die BBC in den letzten Jahren hinnehmen musste. Die Gewerkschaft fordert einen umgehenden Stopp des Personalabbaus. Diese Ansicht wird von Newsnight-Moderator Jeremy Paxman geteilt.

Hexenjagd auf Opfer

In den vergangenen Tagen geriet die Aufregung um den Newsnight auch zu einer Hexenjagd gegen Steven Messham. Messham war der in dem Beitrag benutzte Hauptzeuge. Als Kind lebte er in einem Kinderheim in Nordwales und wurde dort wiederholt missbraucht. Im Newsnight-Beitrag berichtet er, wie er von einem wohlhabenden Mann vergewaltigt wurde.

Dieser Mann wurde von Messham fälschlicherweise als Lord McAlpine identifiziert. Der Name wurde Messham von der Polizei aufgrund eines Fotos genannt. Jetzt ist klar, dass der Name nicht zum Bild passt. Der Newsnight-Redaktion ist der Fehler nicht aufgefallen.

Dieser Fehler wurde in den vergangenen Tagen Messham angelastet. In Zeitungen wurde er als Verrückter beschimpft, der eine unglaubwürdige Vergangenheit habe. Dabei wurde keine Rücksicht darauf genommen, dass Messham durch seine Erfahrungen schwer traumatisiert ist und bleibende Schäden davongetragen hat. Messham wurde lange Zeit sexuell missbraucht und an unbekannte Männer weiter gereicht, die ihn vergewaltigt haben.

Messham wurde auch von der BBC und dem Bureau of Investigative Journalism im Stich gelassen. Er erlitt einen Zusammenbruch und verschwand für 8 Stunden von der Bildfläche. Er erhielt keinerlei Zeugenschutz. Weitere Missbrauchsopfer werden sich nun gut überlegen ob sie mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen.

Komplett unbeantwortet bleibt die Frage nach der wahren Identität des Mannes auf dem Foto und warum dieser Mann von der Polizei fälschlicherweise Lord McAlpine zugeordnet wurde.

Die Regierung hat eine weitere Untersuchung in die Vorgänge in Wales gestartet. Der Parlamentarier Tom Watson fordert jedoch eine Ausweitung der Untersuchung. Die Erfahrungen mit dem Abhörskandal hätten gezeigt, dass begrenzte Untersuchungen nur zu Vertuschungen führen würden, so Watson in einem Redebeitrag im Unterhaus.

Die Informationen, die Watson über einen Kinderschänderring in hohen Kreisen haben will, beziehen sich laut einer Mitteilung Watsons vom 10. November auf Twitter nicht auf die Vorgänge in Wales. Auch deshalb fordert Watson eine breitere Untersuchung. In dieser komplizierten und vielschichtigen Geschichte scheint das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.

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