Die Zeitbombe in den Vorstädten
"Wir hier, ihr dort" - Frankreich: In den "sensiblen urbanen Zonen" steigen Armut und Arbeitslosigkeit weiter, die Politik hat bislang keine funktionierende Lösung dafür gefunden
Mehr als 4 Millionen Bewohner leben in 751 sensiblen urbanen Zonen, wie die Vorstädte amtlich genannt werden - "zones urbaines sensibles" (ZUS). Die Banlieues beunruhigen. Seit 2005 in Clichy-sous-Bois Unruhen ausgebrochen sind, über die weltweit berichtet wurde (11. Nacht: 1408 verbrannte Autos), sind die Bilder von abgefackelten Autos, Jugendlichen mit hochgereckten Armen und martialischen Polizisten zu Ikonen sozialer Aufstände geworden. Sie dienten etwa als Hintergrund für eine Sendung des amerikanischen Fernsehkanals Fox, in der es um ein Buch ging, das Kommentator Glenn Beck als "möglicherweise das böseste, das ich jemals gelesen habe" bezeichnete. Dämonisch und spektakulär muss es zugehen, wenn es sich um die Banlieues handelt, sonst schaut keiner hin.
Das Buch heißt Der kommende Aufstand und vor zwei Jahren stand es in Frankreich in Buchhandlungen in den Regalen, die der Besucher als erstes sieht, prominent platziert. Jetzt ist das Aufstandsmanifest, der "bunte Revolutionscocktail" (Rudolf Maresch), längst aus der öffentlichen Aufmerskamkeit verschwunden. Die Nachrichten-Bilder von sozialen Aufständen kommen seit geraumer Zeit aus Griechenland (Randale wie auf Ansage) oder Spanien (¡Indignaos! Indignez vous! Empört euch!). Die Banlieues waren nicht einmal mehr größeres Thema beim Präsidentschaftswahlkampf in diesem Jahr. Ins Spiel gebracht werden sie nun eigentlich nur mehr, wenn es um das bekannte Großthemenfeld Parallelgesellschaften, Integration, Islam, Vollverschleierung etc. geht.
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Es muss schon etwas sein, das manifest als Bedrohung empfunden wird, um die ZUS ins öffentliche Gespräch zu bringen. Sozialwissenschaftler wie Gilles Kepel, der sich die Mühe machte, die Verhältnisse genau zu beleuchten (Banlieue de la République) (PDF), sind Spezialisten vorbehalten. Viel Polemik lässt sich mit seinen Erkenntnissen nicht machen, nur anstrengende, weil langfristig ausgerichtete Politik.
Kepel ging es, jenseits der Fragen zur Identitätspolitik/kultur ("Wir hier, ihr dort"), auch um ganz pragmatische, naheliegende Probleme, zum Beispiel die hohe Arbeitslosigkeit, die Nahverkehrs-Anbindung in größere Städte; Lebensumstände in den Vororten, die Berufstätigkeit erschweren, wozu auch Vorurteile von Arbeitgebern gehören, die ungern jemanden aus einer ZUS einstellen.
Neue Zahlen, die die Beobachtungsstelle für die zurückgelassenen Zonen (L’Observatoire national des zones urbaines sensibles) jetzt veröffentlicht, bestätigen, dass Kepels Analyse noch immer relevant ist. Nimmt sich die Politik dem nicht an, dann hat Frankreich mit einem vermutlich wachsenden Problem von Zonen zu tun, wo sich anti-demokratische, pluralistische, xenophobe, fundamentalistische Einstellungen verhärten und der Radikalisierung wenig entgegengestellt wird.
36 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsschwelle
Jüngst hatte ein Bericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in Deutschland für ein kurzes Aufmerken gesorgt, weil die Armutsgefährdung in deutschen Metropolen gestiegen ist. Im Bericht genannt wurden Leipzig, Berlin, Bremen und besonders bedenkliche Entwicklungen wurden für Städte in NRW, besonders Dortmund und Duisburg, notiert. Die Armutsgefährdungsquote (ausführlichere Erläuterungen zum Begriff im Bericht) lag bei Werten über 20 Prozent. Leipzig hatte den Spitzenwert 25%, Dortmund 24,2.
In den franzöischen urbanen Problemzonen sind insgesamt 36 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsschwelle. Allerdings: In Deutschland gelten 845 Euro als Maßstab für die Armutsgefährdung, in Frankreich nimmt die Beobachtungsstelle 964 Euro als Schwelle zur Armut. Der Vergleich mit "Restfrankreich", wo der selbe Maßstab angelegt wird, macht den Abstand deutlich - dort sind es nur 12,6 Prozent. In den ZUS steigen die Werte kontinuierlich seit Jahren. Erklärt wird dies auch dadurch, dass es den Neuankömmlingen noch schlechter geht, als denen, die schon länger dort wohnen und sich in den Strukturen einigermaßen zurechtfinden, die das über Jahre gelernt haben.
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| Clichy-sous-Bois (Chemin des postes). Bild: Marianna. Lizenz: CC-BY-SA-3.0 |
Gestiegen ist auch die Arbeitslosigkeit in diesen Zonen, sie hört nicht auf zu steigen, so die Beobachtungsstelle. Momentan liegt sie bei 22,7 Prozent; 2008 war sie noch bei 13,3 %. Auch hier wird angemerkt, dass es vor allem die neuen Bewohner trifft. Einen guten Arbeitsplatz zu finden, ist für viele schwer möglich, weil sie über schlechte Schulqualifikationen verfügen. Nur 23,7 Prozent der Mädchen und 17,4 Prozent der Jungen schaffen es auf eine weiterführende Schule. Außerhalb der ZUS sind es 45,7 Prozent der Mädchen und 37,3 Prozent der Jungen.
Dazu kommt, dass jeder vierte nach Angaben der Behörde Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht hat, ein höherer Wert als für Bewohner außerhalb der Vorstädte. Ein Problem, das erst jüngst wieder genannt wurde, als es um die Unterstützung aus Katar für die Banlieues ging (Wenn Katar in die Banlieues investieren will..):
Ausnahmsweise wurde unsere Identität in diesem Fall wertgeschätzt und war kein Handicap mehr
(Katar investiert in die französischen Vorstädte)
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38018/1.html- Re: Integrationsunwilligkeit (19.11.2012 18:51)
- Re: Integrationsunwilligkeit (19.11.2012 16:25)
- Re: Integrationsunwilligkeit (19.11.2012 14:00)
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