Loser

12.01.2013

Fünf Männer ohne Polizeiuniform und ohne Rockerkutte

Trennungen sind schwer. Scheidungen kennt jeder. Aber manche Menschen vollziehen auch ungewöhnliche Trennungen wie etwa von ihrer Herkunftsfamilie (Andreas Altmann), einem Pädophilen (Margaux Fragoso), einer religiösen oder gar fundamentalistischen Gruppierung oder dem rechtsextremen Milieu (Manuel Bauer). Einige von diesen Menschen schreiben danach über ihre Erfahrungen ein Buch. In den vergangenen Jahren sind mehrere Autobiografien ehemaliger Hells Angels und ehemaliger Polizisten erschienen. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich.

Beim Polizeidienst verwundert dies, weil dieser eigentlich als ein allgemein akzeptiertes Umfeld gilt. Warum sollte dort jemand aussteigen? Und warum sollte dieser Ausstieg interessant genug für ein Buch sein? Bei den Rockern überrascht das Phänomen, weil es in Deutschland nach BKA-Schätzungen gerade mal um die 1000 Hells Angels gibt. Warum sind aus dieser kleinen Gruppe innerhalb weniger Jahre mehrere Autobiografien von Aussteigern oder Ausgeschlossenen erschienen? Ulrike Heitmüller fünf Autobiografien von Polizisten und Rockern näher angeschaut.

Die Ex-Rocker: George Wethern, Thomas P., Ulrich Detrois

George Wethern: Böser Engel - Die wahre Geschichte der Hells Angels.1

George Wetherns Vater war Alkoholiker, seine Mutter tüchtig, die Kinder gingen auf eine katholische Schule. Wethern selbst beschreibt sich als Raufbold und Weiberheld, als Dealer und Konsument von Drogen - und als ausgesprochenes Ekel.

Der Ex-Rocker war von 1958 bis Anfang der 1960er Jahre2 und noch einmal von 19663 bis 19694 Mitglied der Hells Angels. Darüber hinaus war er mehrere Jahre lang Vizepräsident des Oakland-Charters, also der damaligen Ortsgruppe des Gründers Ralph "Sonny" Barger. Nach seinem Rückzug hielt er Kontakt zu einigen führenden Mitgliedern seines ehemaligen Motorradclubs5.

Diese vergruben, so Wethern, auf seinem Grundstück mehrere Leichen6. Im Jahr 1972 durchsuchte die Polizei sein Gelände und fand die Leichen, außerdem Waffen und Drogen. Wethern und seine Frau bekannten sich des unerlaubten Drogen- und Waffenbesitzes schuldig7 und dafür sicherte ihnen die Justiz Straffreiheit für alle andern Straftaten zu, abgesehen von eventuellen Kapitalverbrechen.

Außerdem waren die Justizbehörden bereit, die Familie "an einem neuen Wohnort ihrer Wahl innerhalb der USA unterzubringen, ihnen neue Namen und neue Papiere zu geben, ihr Aussehen verändern zu lassen (Wethern ging zum plastischen Chirurgen) und ihnen eine Wohnung sowie Geld zur Verfügung zu stellen, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen würden. Dafür sollten sie der Polizei offenbaren, was sie im Laufe ihrer 14-jährigen Zugehörigkeit zu den Hells Angels erfahren und erlebt hatten."8

Thomas P.: Der Rache Engel - Ich bin der Kronzeuge gegen die deutschen Hells Angels - Ich war einer von ihnen, jetzt packe ich aus.9

Thomas P. kommt aus Aurich in Ostfriesland. Seine Mutter trank und arbeitete als Prostituierte, sein Vater lebte getrennt von der Familie und trank auch, bis er starb. In der Schule wurde er dauernd verprügelt, vor allem, als er begann, sich mit Rechten zusammenzutun. Als Erwachsener wollte er zur Polizei. Vorher ging er zur Bundeswehr und fühlte sich zum ersten Mal richtig wohl. Er schikanierte Untergebene und wurde - ehrenhaft - entlassen.

Danach glaubt er, dass er stark sei: "Ich hatte gelernt, wie ich im dreckigsten Krieg überleben könnte"10, kam aber im Alltag nicht zurecht. Er wurde Türsteher, prügelte sich andauernd, ging wieder zur Bundeswehr, heiratete eine Prostituierte und nannte seinen Sohn Tyson. Mit seiner Frau betrieb er ein Bordell, kam vor Gericht und verließ die Bundeswehr. Im Jahr 2002 wurde er Mitglied des Gremium MC und stieg dort bis zum Security-Chef Norddeutschland auf.

Nachdem er während eines mehrwöchigen Krankenhausaufenthalts keinen Besuch bekommen hatte, wechselte er zu den Hells Angels, musste dort als Hangaround beginnen und bezeichnet im Rückblick die Gremiums als "arroganten Scheißhaufen"11. Er vergleicht sich als Hells Angels-Anwärter mit einem "Sektenopfer"12 und beschreibt, wie er bei einem Überfall auf Bandidos dabei war13. Im Drogenrausch verletzt er andere und sich selbst.

Nach nur vier Wochen wird er verwarnt und darf die Abzeichen nicht mehr tragen, außerdem bekommt er ein Alkoholverbot14 auferlegt. Er verlässt den Club - und dieser verwehrt angeblich ihm und seiner neuen Freundin, in Bremen zu arbeiten. P. will zur Konkurrenz, den Bandidos. Die sprechen untereinander am Telefon darüber, dass er an dem Überfall auf ihr Mitglied beteiligt war, dadurch kommt die Polizei ihm auf die Spur.

Ihm drohen nun mindestens fünf Jahre Haft, aber weil er als Kronzeuge aussagt (er nennt 14 Hells Angels, die am Überfall auf die Bandidos teilgenommen haben sollen) wird er in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen15 und kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Außerdem werden ihm Umzug, Wohnung, Möbel und alles bezahlt, was er und seine Familie für ein neues Leben brauchen16.

Jetzt stellt er seine (Stief-)Tochter als achtjährige Heldin dar, ein tapferes kleines Mädchen, das eine schusssichere Weste selbst überstreifen kann, das weiß, "wo es im Haus die Waffen finden kann, die ihre Eltern im Ernstfall benutzen müssten."17 Und er behauptet: "Dieses Mädchen ist stark genug, all dies zu ertragen"18. - Womöglich glaubt er das sogar.

Ulrich Detrois/Bad Boy Uli: Höllenritt - Ein deutscher Hells Angel packt aus.19

Detrois kommt aus einer bürgerlichen Familie. Sein Vater war Verkaufsdirektor, seine Mutter erst Hausfrau, dann im öffentlichen Dienst. Er selber flog von der Gesamtschule, besuchte ein Privatgymnasium und begann nach er mittleren Reife eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker.

Er absolvierte den Wehrdienst, eröffnete einen Angelladen und übernahm Sexshops - woher er das Geld dafür hernahm, schreibt er nicht. Als AIDS sein Geschäft verdarb, ging er ins Inkassogeschäft, später übernahm er wieder Bordelle und seine Mutter den Angelladen. Detrois dealte: erst Cannabis, dann Kokain. Er kam ins Gefängnis und beschloss, mit dem Dealen aufzuhören.

Danach konzentrierte er sich wieder aufs Rotlichtmilieu und wurde Mitglied der Rockergruppe Bones MC. Diese schloss sich im Jahr 1999 den Hells Angels an. Detrois wurde Vizepräsident des Charters Kassel. Er wurde ausgeschlossen, weil er mit Kokain dealte und Russische Dealer überfallen bzw. betrogen hatte. - Lüge, schreibt er, das waren zwei seiner Mitglieder und man habe ihn während seines Urlaubs ausgeschlossen, damit er sich nicht rechtfertigen könne.

Er behauptet weiter, dass seine Schwester bedroht wurde. In diesem Zusammenhang kooperierte er mit der Polizei. Die veranstaltete eine Großrazzia in ganz Deutschland. Detrois und seine Schwester kamen in ein Schutzprogramm. Er sagte gegen Hells Angels aus, aber die Haftbefehle gegen seine ehemaligen Brüder wurden aufgehoben. Detrois ist der Auffassung, dass es ein Mordkomplott gegen ihn gab. Er wurde aber noch nicht ermordet und wohnt jetzt angeblich wieder in seiner alten Kasseler Wohnung, obwohl demnächst ein weiteres Buch erscheinen soll: Wir sehen uns in der Hölle - Noch mehr wahre Geschichten von einem deutschen Hells Angel.

Die Ex-Polizisten: Tim K., Stefan Schubert

Tim K.: Treibjagd - Vom Cop zum Outlaw Eine wahre Geschichte.20

Tim K. wollte zum Spezialeinsatzkommando (SEK). Er schaffte die schwierigen Einstellungstest, sprang aber nach dem ersten Teil der Ausbildung ab und wurde Polizist in Detmold. Er freundete sich mit dem Hells Angel Thorsten/Toni an und erzählt auch einige Geschichten aus der Szene, etwa über Bad Boy Uli21. Anfangs sympathisierte er mit dem Rockerclub, aber das Bild bekam bald Risse:

Sein Freund Toni und ein paar andere Hells Angels hatten Bad Boy Uli nach seinem Rauswurf zu Hause aufgesucht und ihm alle Clubgegenstände abgenommen. Das ist in der Szene übliches Verhalten, wird aber aber bei Behörden als Raub gewertet. Der Rockerclub weigerte sich, die Anwaltskosten für Toni/Thorsten vollständig zu übernehmen, weil dessen Gruppe Uli nämlich aufgesucht hatte, als dessen Frau und Kind (die Ulrich Detrois selber vollkommen verschweigt) bei ihm zu Haus waren: Unziemliches Verhalten. K. war enttäuscht, später wandte er sich dem Rockerclub Outlaws zu.

Als Polizist lernte er durch eine Verkehrskontrolle ein hübsches Mädchen namens "Sorena" kennen, die ihn alsbald um Hilfe bat: Sie wollte gern auf den Strich gehen. Er "half" ihr - und später anderen Frauen - und schildert das als ganz selbstlos: "Ich holte sie aus einem chaotischen und zerrütteten Leben und verschaffte ihr zu einem Neuen in Ordnung, Glück und Luxus."22 Allen Autobiografien hätte ein Lektor gut getan, aber dieser ganz besonders.

Er bekam Probleme im Beruf, als seine Freundschaft zu Toni/Thorsten bekannt wurde. Hier schreibt er von Mobbing - aber er verhielt sich anscheinend sehr widersprüchlich und lavierte zwischen seiner Freundschaft zu Rockern, seiner Tätigkeit für Prostituierte und seiner Arbeit hin und her.23

Tim K. kam mit einer weiteren Prostituierten zusammen, "befreite" sie scheinbar durch einen Überfall von ihrem Zuhälter, kam für sieben Monate in Untersuchungshaft und schreibt über seine Zeit im Gefängnis: "Ich wage zu behaupten, dass sie meiner Persönlichkeit einen wichtigen Schliff gegeben und meine Seele mit Drachenblut benetzt hat, das mir seitdem als feste Rüstung dient."24 Er erhielt eine Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung. Andere Anschuldigungen wurden fallen gelassen.

Stefan Schubert: Gewalt ist eine Lösung - Morgens Polizist, abends Hooligan - Mein geheimes Doppelleben.25

Als Stefan Schubert 13 Jahre alt war, starben erst sein Vater, dann seine Großmutter und schließlich der Lebensgefährte seiner Mutter. Er musste auf eine andere Schule und wurde auf dem neuen Schulweg regelmäßig angepöbelt. Mit Freunden trainierte er Boxen und Kickboxen und lernte, sich zu verteidigen. Seine Alt-68er Lehrer unterstützten ihn nicht, weil Gewalt keine Lösung sei und die Gegner Türken waren: Im Land, das für den Holocaust verantwortlich sei, dürften Ausländer weder beschimpft noch geschlagen werden. - Eine gewisse Abneigung gegen die "linke Szene" zieht sich durch den Rest des Buches.

Nach der Schule ging Schubert zum Bundesgrenzschutz (BGS). Er lobt die Ausbildung als "gute Mischung aus körperlicher und geistiger Anforderung" - bei oft rechtskonservativen Ausbildern26. Bei einer simulierten Bundestagswahl im Klassenraum gab es 50 Prozent für die Republikaner27. Er schloss als Klassenbester ab, als fünfter von 1.20028. Die Abschlussfeier in einer Diskothek endete mit einer Schlägerei gegen holländische Nato-Soldaten - und die Vorgesetzten beschränken sich auf zwei Ratschläge: keine Anzeige einhandeln und bei Keilereien gewinnen29. Schubert arbeitet beim BGS und schließt sich der "Blue Army" bzw. OWT für Ostwestfalenterror an, einer Gruppe Hooligans um Arminia Bielefeld.

Acht Jahre lang führt er ein Doppelleben. In dieser Zeit wechselt er vom BGS zur Landespolizei Nordrhein-Westfalen. Er wundert sich, warum er so lange nicht auffliegt, warum die Kontaktbeamten ihn nicht anzeigen30. Irgendwann fliegt er doch auf - durch die Medien - und verlässt den Polizeidienst und die Fußballszene.

Schaut man genauer hin, fällt bei der Lektüre dieser Aussteigerberichte zweierlei auf:

Einerseits sind die Entwicklungen dieser fünf Aussteiger einander ähnlich, was ja eigentlich absurd scheint angesichts der Tatsache, dass die einen ehemalige Rocker und die anderen ehemalige Polizisten sind. Andererseits unterscheiden sich diese fünf Autobiografien grundlegend von anderer Aussteigerliteratur.

Wer etwa eine Sekte verlassen hat, beschreibt in seiner Autobiografie zunächst, wie er dort hineingeraten war - meist als Kind durch familiäre Einflüsse oder als Erwachsener nach einer Lebenskrise. Sodann erklärt er, wie ihm allmählich bewusst wurde, wie er dort eingeschränkt wurde. Schließlich beschreibt er, wie anstrengend es war, hinauszukommen und in der "Welt" Fuß zu fassen - und wie es ihm schließlich gelingt: Der Aussteiger zeichnet also eine Entwicklung, und zwar seine eigene Entwicklung, nach, bei der das innere Streben nach Freiheit und der Gewinn von rationaler Erkenntnis dazu führen, dass er eine umstürzende Entscheidung trifft und dadurch in der Welt mehr Raum gewinnt. Die Folgen des Ausstiegs sind oft der Verlust des alten sozialen Umfelds, vielleicht sogar zur Familie, gelegentlich auch Bedrohungen. Dennoch sehen die Aussteiger einen Gewinn in ihrer Entwicklung.

Anders die drei ehemaligen Rocker und die beiden ehemaligen Polizisten: Zwar war auch der Vater von Tim K. Polizist und sein Sohn wollte ihm nacheifern. Und es gab Gewalterfahrungen bei Thomas P. und Stefan Schubert. Aber keiner der fünf Männer wurde gedrängt, Rocker beziehungsweise Polizist zu werden: Weder die Polizei noch die Rockerszene boten ihnen Hilfe bei allen Problemen oder gar eine ewige Erlösung an, keiner "rutschte" durch allmähliche Manipulation in die Szene. Die Männer behielten auch Kontakte nach draußen: Schubert etwa durch seine Freundin und Tim K. durch seine Wing-Tzun-Trainerin.

Spürbar ist dagegen bei allen der Wunsch nach Kraft und Männlichkeit. Sie wollten nicht nur Rocker beziehungsweise Polizisten werden, sondern die späteren Rocker wollten zu den Hells Angels, dem wohl bekanntesten Rockerclub, und beide Polizisten wollten zum Spezialeinsatzkommando (SEK) - einer so genannten "Eliteeinheit", einer Männerbastion mit sehr schwierigen Aufnahmebedingungen. Außerdem führte Schubert acht Jahre ein Doppelleben als Polizist und Hooligan, und K. wollte nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst Rocker werden - erst ein Hells Angel, die aber hätten ihn enttäuscht, nun will er zu den Outlaws. Aber egal, ob als Rocker oder Polizist: Die gesellschaftliche Bestätigung als Macho blieb aus. Aber man hat nicht selber versagt, sondern die Gruppe hat versagt, weil die Mitglieder angeblich ihre eigenen Ideale nicht leben. Alle fünf Autobiografen machen den Eindruck, dass sie eigentlich gern weitergemacht hätten.

Morgen in Teil 2: In ihren Männerwelten gescheitert

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