Piratenschiff im sommerlichen Mælstrom
Dank Internet bekam jeder Mensch Einfluss auf alle gesellschaftlichen Antworten und Einfluss auf Rang und Gestalt der Fragen selbst. Diese Entwicklung geschah nicht von alleine. Es waren die Piraten des frühen 21. Jahrhunderts, die nach der ewigen Fackel der Aufklärung griffen und die Völker der Erde aus den Ketten der ungewählten Macht, der Willkür und des Aberglaubens erlösten. Was den Descartes', den Bacons, Voltaires, den Jeffersons und Paines in ihrer Zeit der Buchdruck war, das war den Piraten das Internet. Die Piraten waren es, die das Grundrecht der Gedankenfreiheit, der Versammlungsfreiheit, auf Briefgeheimnis, auf Bildung und auf Masken für das Internet erkämpften. Es waren die Piraten, die sämtliche gesellschaftliche Erörterung im unsichtbaren Raum verankerten, den das segensreiche Internet um den Planeten spannte. Im Internet wurden der Verstand und das Wissen aller Menschen die erste Pflicht unserer Zivilisation. Im Internet erhoben die Piraten den Verstand und das Wissen aller Menschen zum einzigen politischen MIttel. Im Internet offenbarten die Piraten den Verstand und das Wissen aller Menschen als geeinten Willen. Es war der Sieg des Lichts.- Encyclopædia Piratica
Ahoy, Transparenzpartei!
Der deutsche Wahlösterreicher Stephan "itc" Raab war ein richtiger Privacy Freak. In der Nacht auf den 2. Juli vertrat der weißhaarige Raab, 57, als Mitglied des Bundesvorstands noch die Piratenpartei Österreichs. Pseudonym machte er mit seinen Parteifreunden im IRC-Chat wieder einmal Stimmung gegen das pirateneigene Abstimmsystem "Liquid Feedback" (LQFB) und dessen Befürworter. Die Pseudonyme platzten eine Woche später. Beleidigte LQFB-Enthusiasten nutzten ihre computertechnischen Talente für den Vergleich von bevorrateten IP-Adressen und konnten "walter55" im öffentlichen, praktisch unmoderierten Forum der österreichischen Piraten als den IT-Consultant "itc" outen, d.h. Stephan Raab.
Zu jenem Zeitpunkt war Raab bereits eine kontroverse Gallionsfigur in der österreichischen Piratenpartei. Er war nicht nur der exponierteste Sprecher des Anti-LQFB-Flügels, sondern zum Schutz von Privatsphären auch ein Gegner von Audioprotokollen von Vorstandssitzungen. Die Erörterung und Aufarbeitung des weiteren "walter55"-Vorfalls wurde zunächst durch eine andere Affäre behindert.
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Am Morgen nach der Offenbarung von Raabs zweiter Identität leakten Unbekannte archivierte Posts aus einem vergessenen Piratenforum an die Presse. Aus der Tageszeitung Der Standard erfuhr Österreich von Organen der Alpenlandpiraten, die zu Humorzwecken als waffennarrische Krypto-SS-ler posiert hatten - pointiert vervollständigt durch ein Logo mit nationalsozialistischer Anmutung. Diese Öffentlichkeitsarbeit sorgte im Forum der Piraten für Aufregung und einte die Partei behelfsmäßig gegen die Berichterstattung im Mediensommer.
Erst Ende Juli entflammte von neuem die Diskussion um Raab, seine Anliegen, seine Methoden und die Frage, was er als Bundesvorstandsmitglied mit Außenvertretungsrecht eigentlich so treibe im Namen der Partei, wenn überhaupt etwas. Nicht nur den Vorwürfen zum "walter55"-Vorfall begegnete der Noch-Bundesvorständer "itc" durch Berufung auf seine Intimsphäre. Auch den Rufen nach Belegen und Haltung des Funktionärs hielten Raab und seine Fürsprecher das Argument "Privatsphäre vor Transparenz" entgegen. Viel Material für Vorwürfe bot Raab seinen innerparteilichen Kritikern nicht, denn er hatte - wie alle anderen Bundesorgane - kaum Spuren seiner Tätigkeit hinterlassen.
Verschriftlichung oder sonstige Dokumentation war generell keine Stärke der österreichischen Piratenpartei. Sporadisch geschaltete Blog-Einträge strapazierten neue Interessenten durch Jargon und Langatmigkeit; das Dutzend (oder so) Twitter-Feeds archivierte vorwiegend belanglose Spontanitätsbeweise; seit Monaten war die Liste von Protokollen und Beschlüssen nicht mehr gepflegt worden; das Wiki war eine Ruine; eine systematische Erfassung des Medienechos fehlte ganz. Und was der österreichische Parteikörper - "die Basis" - dachte, und was er vertrat, erfuhren österreichische Piraten meistens erst nachdem ein Außenvertreter irgendwo ein Interview gegeben hatte.
Das zentrale nicht-flüchtige Kommunikationsmittel der Partei war das riesige, für alles offene Forum der Landesorganisation Wien. Dort wurden Konflikte ausgetragen, dort wurden Behauptungen erzeugt und die Erzeuger beleidigt, dort gab es Brainstorming und Stimmungsbilder, dort erreichten Denkis, Wünschis, Machis und Schimpfis die basisdemokratischen Parteigenossen und die ganze Welt. In Ermangelung anderer Kanäle benutzte jeder Pirat das Forum - nach Lust, Laune, Nüchternheit, als Wiki-Ersatz, als offizielles Bekanntmachungsmedium, für Brainstorming, für rätselhafte Manifestos - für überhaupt alles. In diesem Forum polarisierten die Possen der Raab-Anhänger und -Skeptiker die Teilnehmerschaft, und in diesem Forum beschränkte sich Raabs Stellungnahme zu seinen Parteiaktivitäten auf folgende Zeilen:
Was machen wir eigentlich? Viele von uns investieren viel Zeit und Geld in unseren, wohlgemerkt, unbezahlten Job. Wir setzen hunderte von Stunden und Euros ein, um die Piraten zu unterstützen und voran zu bringen.
Oder eigentlich nicht, denn nach seinem Protestrücktritt ließ Privacy Freak Stephan Raab sein gesamtes Oeuvre aus dem Forum löschen. Aber der Reihe nach. Die Geschichte ist erst mäßig in Schwung.
Piratenschiff im sommerlichen Mælstrom
Basisdemokratie und Datenschutz - jetzt mit köstlichem Ködergeschmack
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38041/1.html- Re: ifNf vs Piraten (10.12.2012 12:01)
- Re: ifNf vs Piraten (9.12.2012 7:24)
- Re: ifNf vs Piraten (6.12.2012 22:27)
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