Null Müll

Thomas Pany 26.11.2012

Eine Frage der Organisation?

Wir sind eine Durchschnittsfamilie, aber keine Mustermanns, was den Abfall angeht. Außer vielleicht, dass es der Mann ist, der für die Beseitigung des Abfalls zuständig ist. Das ist nach eigenen Beobachtungen in allen Familien der Fall, die in dem Wohnblock im südlichen München wohnen. In einer Woche trage ich etwa dreimal einen halb, ziemlich locker, gefüllten großen blauen Sack zu den Tonnen. Es kommt vor, dass mich mein Sohn, acht Jahre alt, begleitet, und wir starren auf den stinkenden Haufen in der großen vierrädrigen Tonne und fragen uns, ob das so weiter gehen kann.

  • drucken
  • versenden

Ungefähr einmal alle zwei Monate fahren wir zum Sperrmüll, amtsdeutsch zum Wertstoffhof. Dort herrscht gewöhnlich allerbeste Laune, es ist geradezu eine Naherholungszone, was die Stimmung angeht. Selbst wenn die orangefarben gekleideten Platzwarte immer wieder mal gezwungen sind, bei den Härtefällen, den Männern mit den übervollen Anhängern, barsch dreinzufahren, so wird der Betrieb dort am Wochenende überwiegend von einer spürbar fröhlichen Aktivität getragen. Wahrscheinlich, so mein Sohn, weil jeder froh ist, sein Gerümpel loszuwerden - und dabei das Gefühl hat, es wird irgendwie noch was Gutes daraus gemacht. Ich bin mir da nicht so sicher.

450 Kilo an Haus-und Sperrmüll kommen pro Kopf in einem Jahr in Deutschland durchschnittlich zusammen, hat das statistische Bundesamt für das Jahr 2010 ermittelt. Der durchschnittliche Hausmüll beträgt pro Kopf demnach[1] 168 Kilo; der Sperrmüll 29 Kilo; getrennt gesammelte Wertstoffe (Glas, gemischte Verpackungen, Holz, Karton, Papier, Metall, Kunststoffe, Textilien) 143 Kilo, darüberhinaus werden noch 2 Kilo für sonstige Abfälle, darunter ein Kilo für gefährliche, notiert. Organische Abfälle aus der Biotonne oder aus dem Garten kommen auf 107 Kilo.

Nur ein paar Handvoll Abfälle am Ende des Jahres

Auf null Kilo kommt, nach eigenen Angaben, eine echte Musterfamilie in den USA, "les Johnsons", berichtet. Seit drei Jahren betreiben sie ihr Projekt "Leben, ohne Abfälle zu generieren". Ein "paar Handvoll Abfälle bleiben am Ende des Jahres, zitiert die Zeitung Frau Johnson, eine ausgewanderte Französin.

Ein Blick in den eigenen Müllsack zeigt den Grundansatz: Verpackungen vermeiden. Das Ehepaar fährt mit selbstgemachter Verpackung, Säcke in verschiedenen Größen, zum Einkaufen. In den Geschäften stoßen sie offensichtlich auf Entgegenkommen, so dass Reis, Mehl, Körner, Kartoffeln u.a. in die bereit gehaltenen, mit der Gewichtsangabe versehenen Säckchen, gefüllt werden. Käse, Fleisch und Wurst und Fisch werden in mitgebrachten Gläsern untergebracht. Der Kühlschrank ist voller Einmachgläser.

Am Schwierigsten sei die Abfallvermeidung bei Bad- und Toilettenartikeln, so die Ehefrau gegenüber der Zeitung. Von Putzmitteln ist gar nicht die Rede; Crèmes für die Hautpflege stellt die Frau selbst her. Bei Sonnenschutzcrème muss sie passen, da ist man auf die Industrie inklusive Verpackung angewiesen. Das Gleiche gilt für Medikamente. Shampoos werden anscheinend ebenfalls in Behältnisse gegeben, auch dafür hat man offensichtlich entgegenkommendes Verkaufspersonal gefunden. Dem war beispielsweise nicht so, als das Paar ihr Projekt auch im Sommer im Südwesten Frankreichs versuchte. Flüssiges Shampoo ohne Verpackung war dort kaum zu haben, dafür sehr viel mehr Märkte, wo man "Schüttgut" kaufen kann.

"Verweigern, reduzieren, mehrfach benutzen, recyceln und kompostieren"

Bei der Kleidung wird nur hohe Qualität gekauft, die so lange wie möglich getragen wird; Schadstellen werden selbst verbessert, neue Kombinationen versucht, indem etwa Herrenhemden von der früheren Modeschülerin zum Kleid und anderes umfunktioniert werden. Die Johnsons werden als Aussteiger, die im System bleiben, aber anders konsumieren, geschildert, eine Familie, die peu à peu angefangen hat, zu minimalisieren, auf überflüssige Möbel verzichteten, ein einfacheres Leben führen.

In Krisenzeiten erreicht dies ziemliche Medienaufmerksamkeit in den USA. In ihrem Blog Zero Waste zeigt die Familie, wie so ein Leben bildgerecht funktioniert. "Verweigern, reduzieren, mehrfach benutzen, recyceln und kompostieren" und nur in dieser Reihenfolge, wird betont, heißt ihr Motto. Man habe jetzt mehr Zeit für das Wesentliche, so die Antwort auf die Frage, ob so ein Leben nicht sehr mühevoll und aufwendig sei.

Eine gewisse Glätte in der Selbstdarstellung ("Sunny side up") teilen sie also mit den Imagekampagnen des Konsumismus. Geschäftsmodelle funktionieren so.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38071/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Dein Staat gehört Dir!

Ein Abschiedsbrief an das Wutbürgertum

bilder

seen.by


TELEPOLIS