Aufstand in einem russischen Arbeitslager

Ulrich Heyden 27.11.2012

250 Lager-Häftlinge im Tscheljabinsk-Gebiet protestieren gegen Gewaltanwendung und Geld-Erpressung durch die Aufseher

Bei Schneetreiben und zwölf Grad Minus standen die Häftlinge am Sonnabend auf dem Dach der Lager-Werkstätten. Das Arbeitslager befindet sich in der vier Flugstunden östlich von Moskau gelegenen Stadt Kopejsk. Die Protestierenden hielten Transparente auf denen stand: "Wir sind 1.500 Menschen", "Die Verwaltung erpresst Dollar, foltert und erniedrigt" und "Leute, helft!" Die Proteste richteten sich gegen offenbar ausgeübte Gewalt und Gelderpressung durch Gefängnis-Wärter. Nach Meldung Kreml-naher Medien wurde außerdem die Freilassung von Häftlingen aus dem Karzer gefordert.

  • drucken
  • versenden
Bild: Demokratische Stiftung des Ural

Der Geheimdienst FSB und das russische Ermittlungskomitee vermuten, dass hinter dem Aufstand kriminelle "Autoritäten" stehen, die angeblich über Anwälte und Menschenrechtler auch Kontakte in andere Arbeitslager haben.

Der Gouverneur des Gebietes Tscheljabinsk, Michail Jurewitsch, sieht jedoch andere Gründe für die Revolte. Der frühere Leiter der Gefängnisverwaltung des Gebietes, Wladimir Schidkow, habe ein "fehlerhaftes System" aufgebaut, meinte der Gouverneur. Folge dieses System seien "eine hohe Zahl von Aufständen" und "eine große Zahl von Selbstmorden".

Das harte Urteil des Gouverneurs hatte seine Gründe. Gefängnisleiter Schidkow war zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil er den Tod von vier Häftlingen im Arbeitslager Nr. 1 von Kopejsk vertuscht hatte, die nach Gewaltanwendung durch Wärter im Mai 2008 starben.

Blutige Köpfe vor dem Lager-Tor

Nach den Berichten russischer Medien, ging die Polizei gegen den Aufstand im Arbeitslager Nr. 6 am Sonnabend mit Härte vor. Auch Angehörige, die sich zu mehreren Hundert vor dem Lager-Tor versammelt hatten, kamen zu Schaden. Zu den Angehörigen hatten sich betrunkene Jugendliche gesellt, die Flaschen auf die Polizisten warfen, worauf diese vom Schlagstock Gebrauch machten. Vor dem Tor wurden 38 Menschen festgenommen. Auch die Menschenrechtlerin und Koordinatorin der Website Gulagu.net, Oksana Trufanowa, kam zu Schaden. Nach einem Bericht der Iswestija mussten hundert Verletzte im Krankenhaus behandelt werden.

Am Montag erklärte die Gefängnisverwaltung, es gäbe "keine Proteste mehr". Dem widersprach der Menschenrechtsbeauftragte des russischen Präsidenten, Wladimir Lukin, wonach sich noch die Hälfte der Häftlinge im Hungerstreik befinden. Die Gefängnisverwaltung erlaubte am Montag ein Treffen zwischen Häftlingen und Menschenrechtlern, auf dem die Gefängnisinsassen ihre Beschwerden vortrugen.

Die Verhältnisse im Arbeitslager Nr. 6 scheinen tatsächlich katastrophal zu sein. Das Mitglied einer örtlichen, zivilgesellschaftlichen Aufsichtskommission für Gefängnisse, Dina Latynowa, berichtete gegenüber der Zeitung Kommersant, in dem Arbeitslager würden Häftlinge bei Vergehen mit Klebeband für mehrere Stunden an ihr Gefängnisgitter gefesselt. Die Internetzeitung Lifenews.ru berichtete unter Berufung auf einen Häftling, ein Lagerinsasse sei eine halbe Stunde lang völlig nackt von Wärtern gefilmt worden.

In einem Video der Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtete der ehemalige Häftling Michail Jermuraki über die Praxis der Gelderpressung durch Wärter: "Wer nicht zahlt, wird geschlagen." Lena Dmitrijewskaja, die Mutter eines ehemaligen Häftlings, erzählt in dem Video, ihr Sohn habe oft kein Bettzeug bekommen. Die Wärter hätten die Musik abgestellt und häufig auch Gewalt "sexuellen Charakters" angewandt.

Bild: Demokratische Stiftung des Ural

Gefängnisaufstände in Russland keine Seltenheit

Aufstände in russischen Arbeitslagern wegen harter Haftbedingungen sind keine Seltenheit. Die Gefängnisleitung behauptet in der Regel, die Aufstände würden von den kriminellen "Autoritäten" im Gefängnis organisiert oder sie seien von außen gesteuert. Häufig entzünden sich die Konflikte nach Gewaltanwendung durch Gefängniswärter oder Schlägereien zwischen Häftlingen, die loyal zur Gefängnisverwaltung stehen, und einem anderen Teil, der sich widersetzt.

Erst im Frühjahr hatte es im Arbeitslager Nr. 1 von Kopejsk eine Protestaktion gegeben. 14 Häftlinge hatten sich die Venen aufgeschnitten. Sie protestierte damit gegen Gelderpressungsversuche durch Häftlinge, die unter dem Schutz der Gefängnisverwaltung stehen.

Ein anderer aufsehenerregender Vorfall ereignete sich im Oktober 2007. Damals versuchten 50 jugendliche Strafgefangene aus der geschlossenen Erziehungsanstalt Nr. 2 im Gebiet Swerdlowsk zu fliehen. Zwei Häftlinge und ein Offizier wurden getötet. Im gleichen Monat kam es zu Unruhen im Arbeitslager Nr. 5 bei St. Petersburg. Nachdem ein Häftling offenbar von Wärtern zusammengeschlagen worden war, griffen fünfzig Häftlinge Mitarbeiter der Verwaltung an und legte Feuer in einer Baracke.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38079/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Dein Staat gehört Dir!

Ein Abschiedsbrief an das Wutbürgertum

Hanami mit japanischen Rollenspielen

Drei Rollenspiele aus Japan zum Kirschblütenfest

Klonen als Indiz für eine Jahrtausendangst

James Hughes 05.03.1997

Wider eine irrationale Angst

Der Bioethiker James Hughes sieht im Klonen nur eine weitere nützliche Technik, deren Probleme im Rahmen der bestehenden Gesetze bereits beantwortet werden. Also kein Grund zur Beunruhigung? Vielleicht doch, sagt Hughes und verweist auf die Möglichkeit transgenetischer Tiere, denen sich menschliche Eigenschaften einbauen ließen und mit denen sich die Menschenrechte unterlaufen lassen könnten.

weiterlesen
bilder

seen.by


TELEPOLIS