Was nicht sein darf, soll auch nicht sein?

28.11.2012

Eine amerikanische Studie findet heraus, dass Pornodarstellerinnen nicht unbedingt Opfer miserabler Umstände sind

Die Öffentlichkeit, und nicht nur die amerikanische, hat ein schwieriges Verhältnis zu Pornostars, die sich der oft bemühten Opferrolle verweigern. Sehr anschaulich zeigt sich das, was die USA betrifft, wenn man zum Beispiel das Begleitvideo von Sasha Greys Auftritt bei der TV-Show des Ex-Top-Modells Tyra Banks ansieht.

Sasha Grey ist ein Pornostar mit einem sehr hohen Bekanntheitsgrad; sie ist mittlerweile aus dem XXX-Movie-Business ausgestiegen. Spätestens seit sie bei einem größeren Nicht-Porno-Film, nämlich von Soderbergh - The Girlfriend Experience - mitspielte, wurde sie auch für den Mainstream interessant; wie u.a. ein Interview mit dem deutschen Spiegel zeigt oder eben der Auftritt bei der Tyra Banks Show.

Grey argumentiert sehr selbstbewußt; sie verweigert sich in ihrer Selbstdarstellung dem Klischee-Bild von einer jungen Frau, die sich in die Pornofilmwelt hat drängen lassen, weil ihre Kindheit schlecht war, ihre Beziehung miserabel, weil sie arm war etc. Dem setzt sie ein anderes Image entgegen, wonach sie selbst diesen Weg gewählt hat und sie immer darauf achtete, die Kontrolle zu behalten. Dazu will sie gerne vermitteln, wie auch in dem eingangs genannten Video, dass ihr die Arbeit in der XXX-Industrie Spaß gemacht hat, dass "es ihr Vergnügen gemacht hat, anderen Schmerzen zu bereiten oder Schmerzen zu erleben".

Das wird als so schockierend empfunden, so dass diese Aussage - wie eigentlich fast alle Aussagen Greys - mit einem eingeblendeten schriftlichen Kommentar versehen wird, der diese Aussage relativiert bzw. unglaubwürdig machen soll. Was nicht sein darf, soll auch nicht sein. Klar, dass die Ex-Pornodarstellerin genau mit dieser moralischen Grundeinstellung spielt; bei Sasha Grey einer Authentizät nachspüren zu wollen, ist wohl vergebens.

Dass aktuell eine Studie, die zum Ergebnis hat, dass Pornodarstellerinnen im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht häufiger eine Kindheit mit einem Missbrauchserlebnis zu überwinden hatten und die Pornodarstellerinnen einen "höheren Grad an Selbstwertgefühl, positiven Gefühlen, sozialer Unterstützung, sexueller Befriedigung und Spiritualität" aufweisen, auf Kritik stoßen würde, ist keine Überraschung.

"Beschmutzte, fehlerhafte Studie"

Die vielleicht deutlichste Kritik an der Studie kommt nicht allerdings nicht aus den USA, sondern von der australischen Feministin Sheila Jeffreys, als Professorin an der Melbourne University spezialisiert auf Queer Theorie und auf Fragen zur Sexindustrie. Jeffreys ist der Auffassung, dass die Studie durch Fehler und Vorurteile "beschmutzt" ("sullied") sei.

Das sei zum einen daran ablesbar, dass die Sudie zum Teil von der Pornoindustrie finanziert sei, zum anderen hätten die Wissenschaftler nicht genügend sorgfältig bzw präzise gefragt, wo es um das Thema das Missbrauches in der Kindheit ging. Es stehe - im Gegensatz - zu den Schlüssen, welche die Untersuchung zieht, fest, dass es unwahrscheinlich sei, dass Frauen in irgendeiner Weise von der Arbeit in der Pornoindustrie profitieren könnten.

Generell gilt, so wird Jeffreys, möglicherweise verkürzt, zitiert, dass "Pornographie wahrscheinlich auf bestimmte Art schwerwiegendere Wirkungen (auf die Frauen; Einf. d. Verf) habe als andere Formen der Prostitution".

Sie begründet dies damit, dass Frauen in Pornofilmen über lange Zeit penetriert würden und eine Anzahl von Drogen nehmen müssten, um den Schmerz zu überleben; von Schmerzmitteln, Muskelrelaxanzien bis hin zu Heroin und Marijuana, damit sich der Geist vom Körper trennen kann, um die Verletzung - im Original "violation", was auch Vergewaltigung bedeuten kann - zu überstehen, was auch von manchen Ex-X-Darstellerinnen bestätigt wird.

Darüberhinaus macht Jeffreys eine Befangenheit geltend:

Frauen, die befragt werden, während sie noch in der Prostitution tätig sind, erteilen ganz andere Antworten, als jene, die ausgestiegen sind, meist, um ihren Selbstgewahrsam zu schützen.

Wie viele der 177 befragten Pornodarstellerinnen noch in der Branche tätig sind, geht aus der Studie nicht hervor. Allerdings lässt das Kriterium, dass eine Frau dann als Pornodarstellerin klassifiziert wurde, wenn sie mindestens bei einem bezahlten XXX-Film mitgespielt und bei einem sexuellen Akt mitgemacht hat, die Spekulation zu, dass nicht wenige Frauen befragt wurden, die mittlerweile ausgestiegen sind.

Das Alter der Frauen der Grundgesamtheit wird mit zwischen 18 und 50 Jahren angegeben, als Durchschnittsdauer ihrer Berufsausübung werden 3,5 Jahre angegeben. Dazu nennt die Studie als Hauptschwierigkeit, überhaupt Zugang zu aktiven Darstellerinnen zu finden, um sie für eine solche Studie zu gewinnen. Eine Untersuchung mit einer größeren Grundgesamtheit wäre wünschenswert, heißt in der Studie. Die Kontrollgruppe setzt sich übrigens aus Frauen aus dem Universitätsmilieu und zufällig ausgewählten Frauen an Flughäfen zusammen.

Freude am Sex

Manche Ergebnisse bestärken verbreitete Vorannahmen. Die befragten Pornodarstellerinnen hatten mehr Sexpartner als die Kontrollgruppe, werden als permissiver bezeichnet, was die Zahl der früheren Partner vor dem Idealpartner angeht, sie hatten mehr Angst vor Geschlechtskrankheiten, aber auch mehr Freude am Sex.

Sie waren öfter Singles und es fanden sich deutlich mehr Frauen als in der Kontrollgruppe, die sich als bisexuell einstuften - bei den Pornodarstellerinnen waren dies 2/3. Die Studienautoren erklärten sich dies u.a. damit, dass es fließende Grenzen in der sexuellen Disposition gibt und möglicherweise die Toleranz bei den professionellen Sexdarstellerinnen größer ist, wie auch die tatsächliche Erfahrung mit anderen Frauen.

Laut Studie nahmen die befragten Pornodarstellerinnen tatsächlich auch mehr Drogen als die Frauen aus der Kontrollgruppe (die Hypothese, dass X-Film-Darstellerinnen häufiger einem Missbrauch in der Kindheit ausgesetzt waren und Drogenmissbrauch, wird ja als Ausgangspunkt für die Studie angegeben). Allerdings wird die Einschränkung notiert, dass der auffällige Unterschied im Drogenkomsum Marijuana betraf, wo es darum ging, welche Drogen kürzlich konsumiert wurden. Dazu wird erwähnt, dass alle Pornodarstellerinnen in Kalifornien wohnten, wo Gras-Konsum "aus medizinischen Gründen" legalisiert ist.

Doch tranken die Pornodarstellerinnen deutlich mehr Alkohol.

Die Autoren der Studie, von Jeffreys kritisiert, sind erwähnenswert. C.L Hart, ist Professorin an der Frauenuniversität von Texas und hat mit dem Autor J.D Griffith bereits bei einer Forschungsarbeit kooperiert, die "Ironische Effekte von Erinnerungsversuchen" zum Gegenstand hatte; Sharon Mitchell ist eine ehemalige Pornodarstellerin, die die Adult Industry Medical Health Care Foundation gegründet hat.

Die Non-Profit-Organisation hatte sich die Gesundheit von Pornodarstellern zur Aufgabe gemacht und Untersuchungen auf sexuell übertragbare Krankheiten angeboten (vor einiger Zeit sorgte eine große Datenlücke für Aufsehen und Schlagzeilen). Natürlich war die Organisation, die mittlerweile aufgelöst ist, damit in der Pornoindustrie aktiv. Ob man damit aber, wie Sheila Jeffreys, die Aussage treffen kann, dass die Studie "von der Pornoindustrie finanziert ist", ist Auslegungssache. Das Anliegen der Studie gibt sich allerdings auch engagiert, für die Frauen, die im Porno-Metier arbeiten:

Klischees und Vorurteile über jene, die in Erwachsenen-Entertainment arbeiten, wurden benutzt, um diese Industrie zu unterstützen oder zu verurteilen und um politische Ansichten zur Pornografie zu rechtfertigen, obwohl die tatsächlichen Besonderheiten der Darstellerinnen unbekannt sind, weil bislang keine Studie zu dieser Gruppe von Frauen durchgeführt wurde.

Siehe dazu auch: Böser Porno. Guter Porno?

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