Das desorganisierte Verbrechen

29.11.2012

Triple Burger and Wonderbra, Coca Cola and sometimes war: Amerika ist kein Land, sondern ein Geschäft - Andrew Dominiks exzellentes Mafiaportrait "Killing Them Softly"

Von Thomas Jeffersons Sklaven zu Obama: Andrew Dominiks "Killing Them Softly" zeigt die "US of fucking America" als verrotteten Ort und als Geschäft. Es gibt keine Werte mehr, höchstens noch Regeln. Dies alles wird, inklusive einer Reihe von Morden, in diesem Mafiafilm in Bilder von poetischer Schönheit gegossen. Immer wieder fängt die Kamera Spiegelungen ein, täuscht über Perspektiven, arbeitet mit Überblendungen, Pastiches und Unschärfen. Inhaltlich wieder geht in diesem Film immer wieder um die abgerissene Verbindung zwischen denen, die die Verantwortung tragen, und denen, die mit den Ergebnissen leben müssen. Moral: "Oh for fuck sake, this country is fucked."

Alle Bilder: Wild Bunch Germany

I know many Americans have questions tonight: How did we reach this point in our economy? How will the solution I propose work? And what does this mean for your financial future? These are good questions, and they deserve clear answers.

George W. Bush, 24.9.2008

"When a man comes around", singt Johnny Cash, und Brad Pitt steigt aus einem Flugzeug. Er spielt einen Killer. Ein Gangster wird von Gangstern angeheuert, um Gangster zu töten, die von den falschen Gangstern Geld gestohlen haben. Das ist zwar nicht der Beginn von "Killing them Softly", aber der Kern der Handlung.

Zuvor haben wir zwei Dilettanten dabei zugesehen, wie sie einen illegalen Glücksspielsalon ausraubten. Dessen Betreiber heißt Markie Trattman und wird von Ray Liotta ("Goodfellas") ganz großartig gespielt. Während des Raubes spricht er einen der Räuber an: "I hope, that you know, what you are doing. ... You know, that they will kill you? That does not have to happen." ("Ich hoffe, ihr wisst, was ihr da tut?... Ihr wisst, dass sie Euch töten werden? Das muss nicht passieren.") Aber es passiert, und davor wird auch Markie auf der Strecke bleiben, weil er seinen Laden nicht im Griff hatte.

Die amerikanische Mafia als desorganisiertes Verbrechen. "In the US of fucking America, the whole game is run by criminals anyway", meint Bad Pitts Auftragsmörder. Im Radio spricht derweil Präsident George W. Bush: "We've seen triple-digit swings in the stock market. Major financial institutions have teetered on the edge of collapse, and some have failed. As uncertainty has grown, many banks have restricted lending, credit markets have frozen, and families and businesses have found it harder to borrow money…"

Es ist Herbst 2008, kurz vor der Präsidentschaftswahl, aus der Obama als Sieger hervorging, und man kann, wenn man sich die Mühe macht, im Internet ziemlich genau die Tage rekonstruieren, an denen dieser Film spielt. Immer wieder in diesem Film hört irgendjemand Radio, immer wieder schaut irgendwer fern, so dass die Reden von Bush und Obama im Herbst 2008 die ganze Handlung grundieren und begleiten. Und kommentieren.

Mobs with Jobs

Geredet wird auch sonst sehr viel, und während dieser neue Film vom Australier Andrew Dominik (dem Regisseur von "The Assassination Of Jesse James By The Coward Robert Ford") seine kleineren Längen hat, und im Prinzip wenig Überraschungen bietet, ist er zugleich sehr unterhaltsam, wenn man Lust hat zuzuhören, und sich auf den hard Talk der hard Guys einzulassen, der Mobs die ihre Jobs erledigen. Im Zentrum stehen regelmäßige, sehr witzige, lakonisch-absurde Dialoge à la "Pulp Fiction" zwischen einem Sekretär der Mafia, gespielt von Richard Jenkins, und dem von Brad Pitt gespielten Auftragskiller.

Diese Dialoge laufen zum Beispiel am Anfang so: "What do you want me to do?" fragt Pitts Jackie Cogan. "Talk to him!" - "What does that mean?" - "Well, talk to him" - "A beating?" - "Well, not necessarily" - "Ah… he's gonna be hit, and we know it. The guys on the street think, he's done something, and he's gonna going away with it with a beating. He' gonna be hit." - "I see what you mean. The public angle… But murder... it's ugly" - "Oh for fuck sake" - "But… You don't know them… the people, I work for... they are no decisionmakers... like retarded..." - "Oh for fuck sake, this country is fucked."

Gespräche dieser Art sind das Herz des Films. Außer Pitt und Jenkins muss man noch James Gandolfini ("Sopranos") nennen, der jenen "Mickey? You mean New York Mickey?" spielt, der dann irgendwann von Pitt eingeflogen wird, um einen Teil der Jobs zu erledigen - wir sind im Zeitalter der Arbeitsteilung.

Was will er mit dem Gangstergenre?

Dazu kommt noch die besondere, sehr gut gewählte Musik: Nico und Velvet Underground singen "Heroin", eine moderne Stimme singt "In the windmills of my mind", Michel Legrands Titelsong aus "The Thomas Crown Affair", und dann hört man Schlager aus der Depressionszeit: Cliff Edwards' "It's Only A Paper Moon" und "Life is Just a Bowl of Cherries" von Rudy Vallee.

Jenseits solcher ästhetischen Mehrwerte, mit denen man diesen Film gut aushält, fehlt Dominik aber ein wirklicher Gedanke. Was will er mit diesem Film? Was will er mit dem Gangstergenre? Für witzige Killer ist das alles fast 20 Jahre zu spät: 1994 gewann "Pulp Fiction" die Goldene Palme.

Man kann natürlich sagen, wie in "The Assassination Of Jesse James..." ist dies wieder ein Film über die Überlegungen und das Zögern vor einem Mord, darüber, wie lange es dauert, wie viel gearbeitet und vor allem geredet werden muss, bis man endlich einen Menschen umbringen kann. Und darum, wie sinnlos dies manchmal ist, wie einer eigentlich nur getötet wird, um die Erwartungen anderer Leute nicht zu enttäuschen.

Nehmen wir nochmal Markie, den Ray Liotta in seinen paar kurzen Auftritten ungemein eindrucksvoll und prägnant auf die Leinwand bringt - eine Figur, die sich ins Hirn einfräst. Er muss sterben, obwohl alle Eingeweihten wissen, dass er mit dem Überfall nichts zu tun hat. Er wird getötet, weil die Leute glauben, dass er etwas damit zu tun hat, egal ob er es wirklich war.

Es macht keinen Spaß mehr...

"Killing them sofly" ist ein Portrait der Mafia, das so unglamourös ist wie nur möglich und alle Mafiamythen sarkastisch aushebelt. Diese Mafia ist spießig und bürokratisch, sie streitet um Selbstbeteiligung bei Anfahrtskosten, um die Qualität der für die Killer gebuchten Hotels - drei Sterne, oder vier? - und braucht für jeden ausgegebenen Tausender ein eigenes Formular und eine Genehmigung: "A grand? Jesus, I need autorisation. ... Please don't smoke in my car."

Frauen gibt es in diesem impliziten Abgesang auf Obamas Wahlversprechen übrigens fast gar nicht, außer als Prostituierte und als Gesprächsthema der Männer. Immerhin tut Dominik nicht einmal mehr so, als hätten Frauen hier noch etwas anderes zu suchen. Einmal mehr zeigt ein Hollywood-Film reine Männer- und Väterwelten.

Die Parallelisierung der Filmhandlung und der Mafiaverbrechen mit der Hochphase der Finanzkrise 2008 und der US-Politik ist in gewissem Sinn schlicht, aber sie ist wirkungsvoll. Eigentlich liegt dem Drehbuch ein Roman des ehemaligen Staatsanwalts George V. Higgins zugrunde, der 1974 spielt, kurz nach der Watergate-Affaire. Wie damals erscheint es auch heute völlig einleuchtend, wenn dieser Film ein vollkommen destruktives Bild Amerikas zeigt, ein Panorama freudloser Effizienz: Es macht keinen Spaß mehr, nichts, nicht das Geldausgeben und noch nicht mal das Töten von Leuten.

Auftragskiller fliegen nicht mehr Business-Class, sondern Economy. "Oh for fuck sake, this country is fucked." Und am enttäuschendsten ist die Politik der vermeintlichen Progressiven. Am Ende des Films ist im Fernsehen Obama zu hören, der gerade gewählt wurde: "We are all equal." Brad Pitt stöhnt. Dann redet er über Thomas Jefferson, die Sklaven, die er hatte und über Doppelmoral. Seine Rede und damit der Film endet mit folgenden Sätzen:

Du willst mir erzählen, dass Gemeinsinn zählt? Bring mich nicht zum Lachen. Wir leben in Amerika. Amerika ist kein Land, es ist ein Geschäft.

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