"Das UN-Votum betrachte ich als ermutigende Orientierungshilfe"

05.12.2012

Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld über den letzten Konflikt zwischen Israel und Hamas und warum der Waffenstillstand dieses Mal halten könnte

Martin van Creveld, 66, ist einer der führenden israelischen Militärhistoriker und lehrt an der Historischen Fakultät der Hebräischen Universität Jerusalem seit 1971 Geschichte und Theorie des Krieges. Zu seinen Publikationen zählen u.a. "Israelische Verteidigungs- und Sicherheitspolitik der Zukunft", "Kriegs-Kultur" und "Gesichter des Krieges. Der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute" (Der vermeintlich Starke ist der Schwache). Zum Irak-Krieg hatte der Militärhistoriker eine ziemlich eindeutige Meinung: Der dümmste Krieg seit 2000 Jahren).

Mit einer überwältigenden Mehrheit von 138 Ja-Stimmen bei nur 9 Gegenstimmen und 41 Enthaltungen votierte die UN-Vollversammlung dafür, den Palästinensern den Status eines Beobachterstaats einzuräumen. Betrachten Sie dieses Votum als eine Art Warnlicht für Israel - erteilt von der internationalen Staatengemeinschaft - im Hinblick auf die weltweite Geduld bezüglich der besetzten Gebiete?

Martin van Creveld: Ja, man kann dieses UN-Votum so interpretieren. Es wurde sicherlich auch als solches beabsichtigt. Persönlich möchte ich die Besetzung des Westjordanlands so schnell wie möglich beenden, weshalb ich dieses UN-Votum als ermutigende Orientierungshilfe betrachte.

Israels Verteidigungsminister Barak zieht sich aus der Politik zurück. Im Oktober wurde er mit den Worten zitiert, dass die iranische Regierung die Atomwaffenpläne auf Eis gelegt habe und eine größere Konfrontation damit abgewendet sei. Was denken Sie über diese Aussage? Und wieso propagiert Premierminister Netanjahu permanent die "iranische Gefahr"?

Martin van Creveld: Ich denke, weder Netanjahu noch Barak wissen viel über die Pläne der Iraner, noch wie man diesen entgegentreten soll. Beide sagen das, was ihnen politisch am besten in den Kram passt. Barak versuchte als Verteidigungsminister, den "Moderaten" zu spielen, während Netanjahu hofft, seine Wähler zu mobilisieren, von denen die meisten dem rechten Spektrum angehören, ignorant und leicht erregbar sind.

Denken Sie, die israelischen Sicherheitskräfte waren überrascht, dass so viele Fajr-5-Raketen nach Gaza gelangen konnten, welche dann nach Israel geschossen wurden?

Martin van Creveld: Das kann ich Ihnen nicht eindeutig beantworten. In der Regel geben Sicherheitskräfte ihre Fehler nicht offen zu, wenn es sich hierbei um einen Fehler handeln sollte.

Gibt es Anzeichen dafür, dass einige der neuen Alliierten der Hamas, wie beispielsweise Katar, verantwortlich sind für die kürzlich erfolgte militärische Auseinandersetzung?

Martin van Creveld: Das möchte ich bezweifeln. Weltweit schieben Antiguerillakämpfer, wie auch in diesem Fall bei der Operation Cast Lead, ihr Versagen auswärtigen Kräften zu, welche man nicht belangen kann. Die Amerikaner beschuldigten in Vietnam und im Irak beispielsweise Nordvietnam und Iran. Die Sowjets in Afghanistan beschuldigten Pakistan, wir beschuldigen Katar.

Vor dem Ausbruch der jüngsten Gewalt wurde eine Waffenfabrik im Sudan bombardiert. Handelte es sich hierbei um Teil 1 einer zweiteiligen, von den Israelis ausgeführten Operation, um das Raketenarsenal zu zerstören, welches das Land bedrohte?

Martin van Creveld: Vielleicht, aber dafür müssten Sie bei den zuständigen Dienststellen nachfragen.

Hamas bekämpft Israel - im Namen der "palästinensischen Sache". Glauben Sie, Hamas gewinnt so die Sympathien der Palästinenser und drängt die PLO damit in den Hintergrund?

Martin van Creveld: Das halte ich für durchaus denkbar. Aber selbst, wenn das stattfinden sollte, halte ich es für unwahrscheinlich, dass das Westjordanland und der Gaza-Streifen jemals wieder als eine Einheit unter einer gemeinsamen Verwaltung oder Regierung fungieren. Die beiden Territorien sind einfach zu unterschiedlich.

Wird sich der jüngste Konflikt auf die bevorstehenden Wahlen in Israel im Januar auswirken?

Martin van Creveld: Sicherlich. Ich bezweifle aber, dass irgendjemand weiß, in welcher Form.

Kann der Waffenstillstand halten, da Israel einen Großteil der Langstreckenraketen ausgeschaltet hat, was darauf schließen lässt, dass die Mission abgeschlossen wurde.

Martin van Creveld: Ich habe das Gefühl, dieses Mal kann der Waffenstillstand tatsächlich halten. Nicht weil die Raketen zerstört wurden, sondern weil Hamas, ähnlich wie die Ägypter 1973, das Gefühl hat, die militärische Auseinandersetzung gewonnen zu haben, was bedeutet, dass man sich jetzt auf politische Verhandlungen einlassen kann.

Sind Sie eigentlich persönlich der Ansicht, dieser Jahrzehnte alte Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern könne eines Tages gelöst werden?

Martin van Creveld: Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob sich der israelisch-palästinensische Konflikt in meiner Lebenszeit lösen lässt. Ich bin 66.Wenn ich aber nicht davon ausgehen würde, dass irgendwann die Besetzung beendet werden kann und Israel von dieser Bürde befreit wird, wie es Moshe Dayan einmal ausdrückte, dann würde ich verzweifeln.

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