Halbzeit in Doha
Die Energie- und Klimawochenschau: Treibhausgasemissionen 58% höher als noch 1990, Klimaerwärmung mindestens um 4 Grad. Hat Klimaschutz da noch eine Chance oder kann es nur noch um Klimaanpassung gehen?
In den letzten Tagen wurden die Erwartungen an die Doha-Verhandlungsergebnisse bewusst heruntergeschraubt. Dabei ist das bisherige Kyoto-Protokoll durchaus ein Erfolgsmodell. 193 Staaten mussten sich an seinen Zielen messen lassen. Und die Europäische Union kann vermelden, dass sie ihre eigenen Ziele für 2020 schon jetzt fast erreicht hat. Von den anvisierten 20 Prozent Emissionsminderung gegenüber 1990 sind 18 bereits erreicht.
Doch schaut man sich die aktuellen Prognosen zur weiteren Klimaerwärmung an, zum Anstieg des Meeresspiegels und zu den zunehmenden weltweiten CO2-Emsissionen, dann wird klar, dass sich fundamental etwas im Wirtschaftssystem ändern muss, weil sonst nur noch die Anpassung an den Klimawandel bleibt. Besonders die Zunahme der Emissionen verbreitet Frust bei Klimaaktivisten. Denn 2011 ist der weltweite CO2äq-Ausstoß nochmal um 3 Prozent gestiegen in diesem Jahr werden es laut Global Carbon Project weitere 2,6 Prozent sein. Die Treibhausgasemissionen sind so mittlerweile 58% höher als im Kyoto-Referenzjahr 1990.
Die Verursacher von 85 Prozent der Treibhausgasemissionen mit ins Boot holen
Eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls ist das Mindeste, was von der Doha-Konferenz erwartet wird. Das Problem dabei ist, dass Kyoto II anscheinend zu wenige Staaten zu Emissionsminderungen verpflichten wird. Im Wesentlichen sind das die Europäische Union, Australien und noch einige andere Länder, die alle zusammen aber nur noch rund 15 Prozent der weltweiten Emissionen verantworten. Die EU hat deshalb für diese Woche einen runden Tisch der Minister zu organisiert, um auch die Verursacher der übrigen 85 Prozent schnell zu verbindlichen Zusagen zu bewegen. Doch während die meisten Minister schon am Mittwoch anreisen, lässt sich der deutsche Umweltminister noch von seiner Verhandlungsführerin vertreten – das ist auch eine Aussage.
Allerdings ist die EU selbst auch blockiert. Zur Erfüllung der bisherigen Ziele ist ja kaum noch etwas zu tun und gegen eine Erhöhung der Klimaziele auf 30 Prozent sträubt sich die polnische Regierung, um die eigene kohlelastige Stromversorgung weiter ungehindert laufen lassen zu können. Anscheinend vertrauen die dortigen Politiker doch noch nicht auf die Wirkung des neuen polnischen EEG, das ab Mitte nächsten Jahres in Kraft treten wird. Dabei führt ihnen Nachbar Deutschland doch vor, wie mit solch einem Instrument innerhalb 10 Jahren schon 26 Prozent der Stromversorgung auf erneuerbare Quellen umgestellt worden sind.
Weltweit sind es weiterhin notorisch zwei Länder die alle Emissionsreduktionsziele konterkarieren: die USA und China. Sie sind Verursacher für zusammen fast 50 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Im neuen Klimaschutzindex, den Germanwatch gerade in Doha vorstellte, belegen die USA Platz 43 und China Platz 54 von 61 bewerteten Staaten. Deutschland belegt Platz 8. Die europäischen Staaten schneiden beim Klimaschutz im weltweiten Vergleich noch am besten ab. Gründe dafür sind laut Germanwatch eine vergleichsweise gute Klimapolitik der Europäer sowie die Wirtschaftskrise, durch die die Emissionen zurückgingen.
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Allerdings wurden die Plätze eins bis drei im Index nicht vergeben um zu signalisieren dass kein Land genug tut, um den Klimawandel zu bremsen. Und Gastgeber Katar wurde gleich ganz außen vor gelassen, zu bodenlos sind die Pro-Kopf-Emissionen des Landes, noch höher als die des letztplatzierten Saudi-Arabien sind. Man wollte den Gastgeber anscheinend nicht bloßstellen und Germanwatch erklärte es so:
Wir hoffen aber, dass Katar den Klimagipfel noch dazu nutzen wird, um eigene Klimaschutz-Aktivitäten sowie finanzielle Unterstützung für Klimaschutz und Anpassung in Entwicklungsländern anzukündigen.
Der US-Unterhändler in Doha Todd Stern verweist auf den US-amerikanischen Ansatz, anstatt verpflichtender Emissionsziele konkrete Effizienzsteigerungen vorzuschreiben. Beispiel ist das "54 miles per gallon"-Programm der USA, wonach alle US-Autos innerhalb einer zwölf Jahresfrist ihren Spritverbrauch bis 2025 von durchschnittlich 8,70 auf 4,35 l/100 km verringern müssen (Zielvorgabe: durchschnittlich 54 satt bisher 27 Meilen Reichweite pro Gallone).
Außerdem gehen in den USA die Emissionen wegen der stärkeren Nutzung von Erdgas anstelle von Kohle zur Zeit leicht zurück, denn Gaskraftwerke verursachen relativ geringere Emissionen (Erdgas rund 0,055 t CO2/GJ, Kohle 0,094 t CO2/GJ). Doch sollten die groß angelegten US-Pläne umgesetzt werden, durch Fracking auch bisher unwirtschaftliche Gas- und Ölquellen auszubeuten und in Zukunft wieder mehr auf die fossile Karte zu setzen, dann werden die Emissionen ganz schnell wieder ansteigen.
Ohne China bleibt weltweiter Klimaschutz wirkungslos
Und die Emissionen Chinas wachsen ebenso wie seine Wirtschaft immer noch zweistellig. Alleine 2011 war allein der Zuwachs so hoch wie die gesamten deutschen Emissionen. Dabei hatte das Land erst 2006 die USA als größten Treibhausgasverursacher überholt. Mittlerweile ist China für 28 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich und 2015 wird China dann voraussichtlich doppelt soviel CO2 ausstoßen wie die USA. Inzwischen haben die Chinesen einen Pro Kopf Ausstoß der schon fast so hoch ist wie der in der europäischen Union. Ohne China bleibt weltweiter Klimaschutz also wirkungslos. Dabei gilt das Land sogar noch als Schwellen- und Entwicklungsland und reklamiert für sich eine Art Nachholbedarf und profitiert von Befreiungen und Förderungen der Klimaschutzabkommen.
So läuft bis 2012 immer noch die 2009 auf der Klimakonferenz in Kopenhagen vereinbarte Anschubfinanzierung des "Grünen Klimafonds" für Entwicklungsländer. Bis 2020 sollen die Zahlungen 100 Mrd. US Dollar jährlich erreichen. Einige Projekte wurden verwirklicht, so hat Bangladesch Überflutungsschutzgebiete eingerichtet und Brasilien kündigte an, die Abholzung im Amazonasgebiet zu drosseln. Doch insgesamt ist noch kaum Geld geflossen.
Oxfam hat gerade eine Studie veröffentlicht, wonach insgesamt nur 21 Prozent der zugesagten Dollars für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels wirklich bereitgestellt worden sind. Und davon waren auch nur 33 Prozent der vergebenen Mittel tatsächlich neu. Der Rest ist anscheinend einfach umdeklarierte Entwicklungshilfe und konventionelle Kredite die zurückgezahlt werden müssen. Zur Finanzierung zusätzlicher Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen in armen Ländern schlägt Oxfam eine Steuer auf Finanzgeschäfte sowie Emissionsabgaben für die Schiff- und Luftfahrt vor. Dass es nicht so einfach geht, zeigt der Rückzieher der EU in Sachen Emissionsabgabe im Flugverkehr, nachdem außereuropäische Länder Strafmaßnahmen ankündigt hatten. Weltweite Lösungen erfordern eben doch einen weltweiten Konsens.
Evaluierung ergibt: Klimamodelle müssen nach oben korrigiert werden
Aus Sicht der Klimaforscher vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ist das bisherige 2-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen. Zwar könnte es sein, dass Chinas Emissionen nach 2020 allmählich wieder sinken doch dann werden die von Indien erst anfangen zu steigen. Das PIK hat gerade die Website Klimafolgen Online ins Netz gestellt, wo man sich grafisch aufbereitet die Folgen für Deutschland anschauen kann. Ausgegangen wird dabei vom aktuell wahrscheinlichsten Szenario, einer Erhöhung der Durchschnittstemperaturen um 4 Grad.
Die Evaluierung der bisherigen Projektionen des Weltklimarats für den Zeitraum 1990-2011 hat zudem ergeben, dass die Klimamodelle teilweise nach oben korrigiert werden müssen. Zwar stimmt die Entwicklung der globalen Mitteltemperatur in den beiden Jahrzehnten mit den Projektionen des Weltklimarats überein. Der Meeresspiegel ist dagegen um 60 Prozent schneller angestiegen. Die Messungen per Satellit haben ergeben, dass der Meeresspiegel nicht wie vom IPCC berechnet um 2, sondern bereits um 3,2 mm pro Jahr steigt. Deshalb ist bis zum Ende dieses Jahrhunderts mit einem Meeresspiegelanstieg zwischen 0,5 bis 1 Meter zu rechnen.
Ein vom PIK und Climate Analytics für die Weltbank erstellter Bericht prognostiziert, dass als Folge der Klimaänderungen auf 4 Grad Extreme wie die Hitzewelle in Russland 2010 mit Tausenden Opfern, einer Verringerung der Ernte um ein Viertel und 15 Mrd. Dollar Schaden,in Teilen der Welt zur neuen Normalität werden. In den Tropen sind dann die kühlsten Monate wärmer als die heißesten Monate der Gegenwart. Entwicklung ohne Klimaschutz ist deshalb nicht mehr möglich.
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38128/1.html- ...unbelehrbare Katastrophiker. Die Klimageschichte lehrt das Gegenteil (5.12.2012 13:03)
- Re: War ja klar. (5.12.2012 9:19)
- War ja klar. (5.12.2012 9:00)
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