Rohrkrepierer Intelligenter Stromzähler?

06.12.2012

Warum der Smart Meter keinen Meter vom Fleck kommt

Was sollte er nicht Alles können: Er sollte den Kunden helfen, Strom und damit Geld zu sparen sowie den Stromverbrauch in kostengünstigere Zeiten verlagern. Inzwischen soll der Smart Meter auch bei der Umsetzung der Energiewende helfen. Die Energieversorger wollen die Zähler dann aus der Ferne ablesen und hoffen auf diesem Wege säumige Zahler ohne direkten Kundenkontakt abschalten zu können. In Italien hat der nationale Stromversorger ENEL damit offensichtlich gute Erfahrungen gemacht.

Doch hierzulande will keiner einen elektronischen Zähler haben. Statt der intelligenten Zähler werden inzwischen wohl eher die Firmen verkauft, die solche Geräte verkaufen wollen. So wanderte der Zählerfabrikant Landis+Gyr aus Zug in der Schweiz in den vergangenen zehn Jahren von Siemens über KKR (Kohlberg Kravis Roberts & Co.) und Bayard Capital an den japanischen Toshiba-Konzern.

Mit einem umfassenden Smart Metering soll in Zukunft eine digitale Verbrauchserhebung von Strom, Gas und Wasser in Echtzeit ermöglicht werden. Hier haben Industrie und Politik wieder einmal die Europäische Union vorgeschickt: Nach der EU-Energieeffizienz-Richtlinie 2006/32/EG (2006/32/EG ) sind bis zum Jahre 2022 alle Haushalte in den 27 Mitgliedstaaten mit digitalen Stromzählern auszurüsten.

"Intelligenter" Stromzähler. Foto: EVB Energie AG. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

In Deutschland ist der Einbau von Smart Metern inzwischen in Neubauten und grundsanierten Gebäuden verpflichtend. Mit der Neufassung des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) müssen auch alle Verbraucher mit einem Jahresstrombedarf von mehr als 6000 kWh einen Smart Meter installieren lassen. Für die Installation des Smart Meters wird natürlich der Kunde zur Kasse gebeten. Für den Zähler wird zudem eine erhöhte Zählermiete fällig und zudem muss der Kunde die für die Fernablesung benötigte DSL-Verbindung zur Verfügung stellen. Deren Stromverbrauch und den Eigenverbrauch des Smart Meters, der aufgrund der zahlreichen Zusatzfunktionen höher ist, als beim klassischen Ferrariszähler, geht natürlich auch zu Lasten des Kunden. Die versprochenen Einsparpotentiale liegen in der Praxis offensichtlich weit unterhalb der Mehrkosten, die von einem Smart Meter verursacht werden und decken wohl nicht einmal die Kosten für die Zählermiete.

Seit 2012 müssen auch alle Betreiber von Stromerzeugungsanlagen mit einer Anlagenleistung von mehr als 7 kW, die dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) oder dem Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz unterliegen, ein elektronisches Messgerät installieren. Im Gegensatz zum klassischen elektromechanischen Ferrariszähler, der auf 12 Jahre eichfähig ist, wird ein Smart Meter nur für acht Jahre geeicht. Nach Ablauf der acht Jahre dürften die meisten Smart Meter auf der Elektroschrotthalde landen. Die acht Jahre zuvor verbauten elektronischen Bauteile werden von ihren Herstellern längst abgekündigt sein und die Kenntnis der bei der Zählerproduktion implementierten Software dürfte dann auch weitgehend ausgestorben sein. Da es bislang für die Smart Meter keine zumindest für die ganze EU verbindlichen Normen und Übertragungsprotokolle gibt, kocht jeder Hersteller sein eigenes proprietäres Süppchen. So hat sich inzwischen ein umfangreicher Gerätezoo entwickelt und laufend sprießen wie auf einer Champignonfarm neue Varianten ans Tageslicht.

Um den Wildwuchs bei Geräten und Standards zu beschneiden hat die Europäische Union mit dem Mandat M/441 vom 12. März 2009 die Normungsgremien CEN, CENELEC und ETSI aufgefordert, die Smart Meter-Funktionalitäten und Kommunikationsschnittstellen für die Sparten Strom-, Gas-, Wärme- und Wasserwirtschaft zu standardisieren. Auf der Sitzung der M/441 Smart Meters Coordination Group (SM-CG) in Brüssel am 5.12.2012 wurde festgestellt, dass der mit dem Mandat M/441 formulierte Auftrag der EU-Kommission weitestgehend erfüllt wurde und auf Vorschlag der Smart Meter Co-ordination Group erweitert wird, um die verbleibenden Normungsaktivitäten zu begleiten und zu koordinieren. Dieser Vorschlag wird nach vorliegenden Informationen von der EU-Kommission unterstützt.

Da die elektronischen Messgeräte deutlich komplexer sind, als die ausgereiften elektromechanischen Ferrariszähler, besteht grundsätzlich ein höheres Fehlerrisiko. Welche Konsequenzen beispielsweise der Ausfall der Datenübertragung als Folge eines Routerproblems oder anderer Übertragungsstörungen hat, scheint noch nicht verbindlich geregelt. Freunde der schaltbaren Steckerleiste, die ihren DSL-Router nachts vom Netz trennen, dürften sich den Unmut ihres Stromversorger zuziehen.

Wie alle digitalen Systeme, die von außen zugänglich sind, muss auch bei Smart Metern damit gerechnet werden, dass sie gehackt werden. Wenn dies schon bei doch so sicheren SCADA-Systmen möglich ist, bestehen wohl berechtigte Zweifel, dass für Smart Meter ein solches Risiko nicht besteht.

Und so ist eines der noch immer grundlegenden Probleme des Smart Meterings ein adäquater Datenschutz. Seit Anfang 2011 wird unter der Führung des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) an einem sogenannten Schutzprofil für Smart Meter gearbeitet. Der aktuelle Stand Stammt von Mitte 2011. Anfragen hinsichtlich eines in der Zwischenzeit erfolgten Fortschritts wurden vom BSI nicht beantwortet. Es scheint vor allem bei der notwendigen Kosten-Nutzen-Analyse noch kein brauchbares Ergebnis vorzuliegen.

Selbst wenn die Smart Meter fehlerlos funktionieren sollten, machen sie bislang wirtschaftlich nur wenig Sinn und so will sie eben keiner haben. Alle erkennbaren Vorteile liegen bei den Energieversorgern, die weiter Personal abbauen und den Kundenkontakt weitestgehend automatisieren könnten. Es gibt bislang jedoch keine Tarife, deren Nutzung durch einen Smart Meter ermöglicht würde und dem Kunden eine signifikante Kosteneinsparung durch eine signifikante Tarifspreizung böte.

Ein Kunde könnte vielleicht über eine entsprechende Auswertesoftware eine Alarmmeldung erhalten, wenn zuhause vergessen wurde, das Bügeleisen auszuschalten. Intelligente Bügeleisen erkennen dieses Problem jedoch inzwischen von alleine und schalten sich aus, bevor die Hütte brennt. Auch die Möglichkeit aus der Ferne per Handy-App festzustellen, wann die bessere Hälfte ihre Ruhestatt verlassen und die Kaffeemaschine angeworfen hat, ist aus datenrechtlichen Erwägungen nicht unbedingt eine Anwendungsform, die dem Smart Meter Anbieter als Verkaufsargument dienen sollte.

Kommt bald die Austauschpflicht für fast alle Verbraucher?

Da die Masse der Kunden nicht freiwillig zugreifen will und die Verbreitung der Smart Meter nicht wirklich vom Fleck kommt, wird derzeit erwogen, die Pflichtgrenze auf 4000 kWh Jahresverbrauch herabzusetzen. Damit wäre ein Großteil der Verbraucher in Deutschland von der Installationspflicht betroffen und müsste Geräte erwerben, die aufgrund noch fehlender einheitlicher Standards mit hoher Wahrscheinlichkeit noch vor dem Ablauf der achtjährigen Eichzeit wieder auszutauschen wären.

Die in den letzten Jahren mit Smart Metern durchgeführten Feldversuche mit ausgewählten Haushalten, die teilweise für ihre Teilnahme mit einem kostenlosen Gefriergerät belohnt wurden, waren in ihren Ergebnissen durchaus ernüchternd. So konnten etwa 6-8% der Last mithilfe von zeitlich befristeten günstigen, bzw. verteuerten Stromtarifen verschoben werden. Hinsichtlich der von politischer Seite immer wieder versprochenen Verbrauchsminderungen scheinen die Ergebnisse nicht gerade vielversprechend zu sein.

Möglicherweise bleiben die ganzen Planungen am Ende doch noch als Rohrkrepierer stecken, weil sich doch ein Stromanbieter noch rechtzeitig die Frage stellt, was der Kunde eigentlich will. Alle Erfahrung lehrt, dass der Kunde einen bestimmten Nutzen, in diesem Fall elektrische Energie, haben will. Er will nicht energiepolitisch erzogen werden und auch nicht unbedingt dauernd mit schlechtem Gewissen in seinem Lebensgefühl beeinträchtigt werden, weil durch seinen Stromverbrauch negativen Umwelteinflüsse induziert werden.

Und da könnte doch ein Stromversorger die ganzen mess- und tariftechnischen Gedankenspiele mit einem Schlag in die Mülltonne der Geschichte befördern, wenn er die Kunden mit einer Strom-Flattrate beglücken würde. Noch darf diese Vorstellung aufgrund der bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen nicht Realität werden. Mit der Zunahme des Anteils erneuerbarer Energien am gesamten Strommix reduzieren sich die variablen Brennstoffkosten und der fixe Investitionskostenblock wird steigen. Zumindest bei E.on wird zu diesem Thema schon laut gedacht.

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